Experten des Medical Data Institute auf dem Deutschen Wundkongress Aktuelle Themen und neueste Entwicklungen in der Versorgung von Menschen mit chronischen Wunden

Der Deutsche Wundkongress ist die größte Veranstaltung zu dem Themenfeld der Wundversorgung in Europa. Vom 10. bis zum 12. Mai fand diese Veranstaltung zum elften Mal in Kooperation zwischen der Messe Bremen und der Initiative Chronische Wunden e.V. im Bremer Messezentrum statt. Fachexperten des Starnberger Medical Data Institute (MDI) informierten im Rahmen gutbesuchter Vorträge über aktuelle Entwicklungen in der Kompressionstherapie

Experten des MDI
V.l.: Prof. Dr. Joachim Dissemond, Dr. Anya Miller, Kerstin Protz und Prof. Dr. Markus Stücker. Nicht im Bild: Prof. Dr. Knut Kröger

Die Kompressionstherapie ist eine Säule der Behandlung von Menschen mit venösen und lymphatischen Erkrankungen. Grundlage der erfolgreichen Anwendung dieser Versorgungsform ist das Verständnis zugrundeliegender Prinzipien, die Kenntnis aktueller Materialien und Methoden sowie die Sicherheit im Umgang damit.

Das Ödem ist Kennzeichen vieler Krankheitsbilder

Der Krefelder Angiologe Professor Dr. Knut Kröger lenkte in seinem Vortrag das Augenmerk auf das Ödem, als gemeinsame Endstrecke vieler Krankheitsbilder. „Es ist nicht immer möglich, bei jedem Patienten die genaue Ursache des Ödems zu finden“, so der Ressortleiter der Expertengruppe Kompressionstherapie des MDI. Ödembildung ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf bestimmte Reize. Während solche Schwellungen bei Gesunden rasch wieder abklingen, dauern sie bei kranken Menschen an, beispielweise infolge einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI). Pathophysiologisch führt das Ödem zu Veränderungen der Mikrostrombahn. So besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Größe einzelner Kapillaren und der Ausprägung der CVI, erläuterte Kröger. Eine Kompressionstherapie verhindert diese Störungen.

Die „Kompressionslogik“

Derzeit werde in Deutschland nicht jeder Patient mit entsprechendem Bedarf auch mit Kompressionstherapie versorgt, mahnte Kröger an. Es gelte seiner Ansicht nach eine flächendeckende patientengerechte Versorgung anzustreben. Hierfür ist ein Verständnis für die Wirkweise und die Kenntnis Materialien der Kompressionstherapie auf Seiten der Patienten und Versorger, sowie die Bereitschaft der Verordner, dem Patienten individuelle Lösungen zugänglich zu machen, notwendig. Im Vordergrund sollte dabei die Auswahl des geeigneten Materials stehen und nicht nur die Fixierung auf die Kompressionsklassen. Anhand einer anschaulichen Grafik verdeutlichte Kröger den Zusammenhang zwischen den Patientenmerkmalen sowie den Charakteristika der individuell anzuwendenden Kompressionsstrümpfe. So kommen entsprechend dieser neuen „Kompressionslogik“ bei Menschen mit geringeren Beinumfängen und solchen, die eine geringe Ödemneigung haben, Kompressionsstrümpfe aus leichtem und relativ dehnbarem Material zum Einsatz. Hat der Patient Beine mit großem Umfang oder eine starke Ödemneigung, wird dieser mit Kompressionsstrümpfen aus kräftigem, weniger dehnbarem Material versorgt. Das Ziel dieses differenzierten Vorgehens ist es, die individuellen Faktoren der Patienten besser zu berücksichtigen und somit die Patientenzufriedenheit und -adhärenz zu verbessern so Kröger.

Selbstmanagement in der Kompressionstherapie

Ein Verständnis für die Materialien und die Sicherheit in deren Anwendung erschließe unter bestimmten Voraussetzungen dem Patienten Möglichkeiten des Selbstmanagements in der Kompressionstherapie, ergänzte Professor Dr. Joachim Dissemond. Der Essener Dermatologe ist, wie Kröger, Ressortleiter der Expertengruppe Kompressionstherapie des MDI und informierte in seinem anschließenden Vortrag über Aspekte des Selbstmanagements. In diversen medizinischen Themenfeldern sind Patienten bereits heute aktiv miteinbezogen und zum Teil auch mit diagnostischen Aufgaben wie beispielsweise der Blutzuckermessung betraut, so Dissemond. Zu den Vorteilen des Selbstmanagements zählen zeitliche Flexibilität, Kostenminderung und positive Auswirkungen auf die psychische Situation des Patienten. Als Hindernisse gelten beispielsweise körperliche und intellektuelle Einschränkungen sowie fehlende Edukation der Betroffenen. In der Kompressionstherapie erleichtern moderne Materialien dem Patienten eine Eigenständigkeit hinsichtlich therapeutischer Maßnahmen. So sind beispielsweise sogenannte adaptive Kompressionsbandagen erhältlich, die aufgrund ihrer einfachen Handhabung zum Teil vom Patienten selbst oder durch seine Angehörige anzulegen sind. Der therapierelevante Kompressionsdruck ist bei diesen Kompressionsbandagen mit einer Schablone überprüfbar und nach Bedarf nach zu regulieren.

Diagnostik und Therapie des Lymphödems

Bei der Behandlung des Lymphödems kommen Kompressionsmaterialien in Ergänzung der regelmäßigen Entstauungstherapie zum Einsatz. Schätzungen zufolge ist etwa 2% der deutschen Bevölkerung von Lymphproblemen betroffen. Diese sind zum großen Teil genetisch bedingt aber nicht durch Vererbung erworben, sondern gehen überwiegend auf Spontanmutation zurück. Ein erhöhtes Risiko besteht bei überdurchschnittlichem Körpergewicht, so berichtete Dr. Anya Miller. Die Berliner Dermatologin und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie (DGL) erläuterte in einem praxisnahen Vortrag die Grundlagen der Therapie und Aspekte der Versorgung von Menschen mit lymphatischen Erkrankungen. Die Basisdiagnostik im Rahmen einer ausführlichen Anamnese erfolgt hierbei durch Fragen, Hinschauen und Anfassen. Weitere Maßnahmen, wie das Einspritzen von Farbstoffen unter die Haut oder eine Sonographie, ergänzen die Diagnostik nach Bedarf. Die erfolgreiche Therapie lymphatischer Erkrankungen ruht neben der Entstauung und der Kompressionstherapie zudem auf einer angepassten Hautpflege. Die vierte Säule der Therapie sei die Bewegung, so Miller. „Der Weg zum Therapeuten ist bereits Teil der Therapie“, betonte die Ärztin.

Aspekte der Varizenbehandlung

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP), Professor Dr. Markus Stücker, erläuterte die unterschiedlichen Formen der nachhaltigen Behandlung von Varizen der Beine, die sogenannte Sklerosierung. Hierbei gelte es, so der Bochumer Dermatologe, die Bedürfnisse des Patienten im Blick zu haben. Wenn der Betroffene beispielsweise keine Operation wünscht, ist es oft möglich, einen schnellen Erfolg durch eine ambulant durchführbare Schaumsklerosierung der Varizen zu erzielen. Es wurde allerdings nachgewiesen, dass teilweise bereits ein Jahr nach solchen Eingriffen erneut Varizen auftreten, erklärte Stücker. Seiner Darlegung zufolge ist ein chirurgischer Eingriff oder das Veröden der betroffenen Gefäße durch Laser- oder Radiofrequenzkatheter effizienter und beuge dem Wiederauftreten, dem sogenannten Rezidiv, nachhaltiger vor. Beide Methoden sind hinsichtlich ihrer kosmetischen Konsequenzen vergleichbar, ergänzte Stücker. Bei Patienten, die physisch nicht für einen operativen Eingriff geeignet sind, wäre allerdings eine Schaumsklerosierung zu erwägen, so Stücker.

Aktueller Versorgungsstand

Kerstin Protz stellte eine aktuelle Studie zur Patientenversorgung vor. Die Hamburger Fachautorin ist Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In einer deutschlandweit angelegten Erhebung untersuchte sie den Versorgungs- und Informationsstand von Patienten mit Kompressionsversorgung. „Bei der Erfassung der Patienten zeigte sich, dass ein Drittel der Betroffenen mit einem bereits bestehendem venösem Unterschenkelgeschwür, die somit eine Kompressionstherapie benötigen, über keinerlei Versorgung verfügten“, so Protz. Aber auch wenn der Befragte eine Versorgung hatte, war diese oft nicht adäquat. So wurden Kompressionsbinden, die zur Entstauung der Beinödeme dienen, über Monate und teilweise Jahre getragen. Bei sach- und fachgerechter Anlage sollte eine solche Entstauung eigentlich nach drei bis vier Wochen abgeschlossen sein. Aber auch die Überprüfung des Wissensstands der Patienten zeigte Defizite. So reinigten viele Betroffene ihre Kompressionsmaterialien mit ungeeigneten Waschsubstanzen, die das Material schädigen können und somit die Lebensdauer der Binden und medizinischen Kompressionsstrümpfe mindern. Auch die therapieunterstützende Wirkung von Bewegung war vielen Betroffenen nicht bewusst. „Kompressionstherapie wirkt erst bei Aktivierung der Muskelpumpen des Sprunggelenks und der Wade“, erklärte Protz. Die Schulung und Aufklärung der Patienten trägt also zum Erfolg der Therapie bei und sollte grundsätzlich Bestandteil der Kompressionsversorgung sein.

Mit über 4800 Besuchern ist der Deutsche Wundkongress eine der größten und bedeutendsten Fachtagungen weltweit in diesem wichtigen Themenfeld. Die Experten des MDI haben in mehreren Vorträgen und Workshops dazu beigetragen, einen Fokus auf die Versorgung von Menschen mit venösen und lymphatischen Erkrankungen zu legen. Dabei wurde deutlich, dass es sich lohnt ein Augenmerk auf aktuelle Entwicklungen und moderne Behandlungsoptionen beispielsweise der Kompressionstherapie zu legen, die im Rahmen einer individuellen Therapie die Situation dieser Patienten verbessern können.

Quelle:

Jan Hinnerk Timm/MDI
  • Sylvia Birkner
    Bin dabei!!!

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