Oberlandesgericht Hamm Demente Patientin springt aus Fenster im Krankenhaus

Eine an Demenz erkrankte Patientin sprang aus dem Fenster ihres Krankenzimmers in Winterberg und stürzte dabei in die Tiefe. Nach den operativen Eingriffen starb sie später im Pflegeheim. Gegen das Krankenhaus wurde geklagt, nun hat das Oberlandesgericht Hamm über diesen Fall entschieden.

Urteil des OLG Hamm.
Laut dem Urteil des OLG Hamm stehen der Klägerin die Ersatzansprüche in vollem Umfang zu.Pixabay

Sachverhalt

Die 1929 geborene Patientin wurde im Jahr 2011 wegen eines Schwächeanfalls in das Hospital in Winterberg stationär eingewiesen. Die unter Demenz leidende Frau zeigte sich am Tag ihrer Aufnahme sehr agressiv, unruhig, verwirrt und desorientiert. Zudem zeigte sie Weglauftendenzen und wollte die Station verlassen. Auch die Medikamentengabe von Melperon und Haldol konnte die Patientin nicht beruhigen, sodass die diensthabenden Krankenpflegerinnen sich anders zu helfen versuchten. Sie stellten außen vor die sich nach innen öffnende Tür ein Krankenbett, um so die Patientin am Weglaufen zu hindern. Zudem wurden ihr weitere 20 ml Melperon zur Beruhigung verabreicht. Diese Maßnahme konnte sie jedoch nicht vor ihrem Sprung aus dem Fenster schützen. Am Abend kletterte sie unbemerkt aus dem Zimmerfenster, stürzte in die Teife auf das nächste Vordach und erlitt erhebliche Verletzungen, insbesondere Frakturen der Rippen, des Beckenrings und des Oberschenkels.

Sie wurde in ein Universitätsklinikum verlegt und operativ behandelt. Etwa sechs Wochen später verstarb die Patientin im Pflegeheim.

Die private Krankenversicherung der Patientin hat gegen die Klinik geklagt und den Ersatz der unfallbedingten Kosten begehrt. Das Landgericht Arnsberg hat diese Klage in erster Instanz abgewiesen (Az.: 5 O 22/14). Die Klägerin hat Berufung eingelegt und forderte einen Betrag in Höhe von 93.309,93 Euro zuzüglich Zinsen sowie die Zahlung der außergerichtlichen Rechtsanwaltskosten. Als Gründe wurden angeführt, dass eine Umstellung der Medikation hätte erfolgen müssen, zudem seien die Sicherheitsmaßnahmen unzureichend gewesen. Außerdem hätte die Patientin nicht auf eine allgemeine internistische Abteilung kommen dürfen. Der 26. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Hamm hat erneut über den Fall entschieden.

Entscheidung

Eine medikamentös falsche Behandlung konnte nicht festgestellt werden. Da die Patientin aggressiv sowie verwirrt war und weglaufen wollte, wurden entsprechende Sedierungsmaßnahmen ergriffen. Auch das Umstellen auf andere Medikamente hätte nicht zwingend erfolgen müssen, da Neuroleptika ohnehin änhlich wirken. Ein anderes Medikament hätte also mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso wenig seine Wirkung gezeigt.

Feststeht jedoch, dass gegen die Verkehrssicherungspflicht sowie gegen die Pflichten aus dem Behandlungsvertrag verstoßen wurde. Es hätten Maßnahmen gegen ein Hinaussteigen aus dem Fenster ergriffen werden müssen.

Durch die Aufnahme der Patientin auf die Station entsteht eine vertragliche Fürsorgepflicht des Krankenhauses. Nicht nur eine entsprechende ärztliche Behandlung muss erfolgen, sondern auch Obhuts- und Schutzpflichten müssen eingehalten werden. Die Frage ist, ob ernsthaft mit einem Sprung aus dem Fenster hätte gerechnet werden müssen. Da das aggressive und verwirrte Verhalten erkannt wurde, ebenso wie der Wille zum Weglaufen, ist dies in diesem Fall zu bestätigen. Sicherungsmaßnahmen wären möglich und zumutbar gewesen, so hätte man beispielsweise den Stuhl vor dem Fenster entfernen können, der das Hinaussteigen deutlich vereinfachte. Der personelle Mangel auf der Station macht das Geschehen zwar nachvollziehbar, jedoch kann der Beklagte dadurch nicht entlastet werden.

Dem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm vom 17.01.2017 zufolge (Az.: 26 U 30/16) hat die Berufung der Klägerin also Erfolg, die Ersatzansprüche stehen der Klägerin gemäß §§ 611, 278, 280, 823, 831,1 und 249 ff BGB in voller Höhe zu. Eine Revision ist nicht zugelassen. Eine vollständige Darstellung des Falls wird in der kommenden Ausgabe der Rechtsdepesche für das Gesundheitswesen erfolgen.

Quelle:

OLG Hamm, Az.: 26 U 30/16
Kommentierung dieses Beitrages beendet
  • Manuela Dietzgen
    Vor so etwas habe ich ständig Angst.Zu zweit im Spätdienst auf einer operativen 36 Bettenstation und dann 6-7 hochdemente Patienten die umtriebig sind .Da geht mir oft der Arsch auf Grundeis .Ich bin fest davon überzeugt,das wir bis jetzt nur reines Glück hatten
    • Julia Diemer
      Ja,es wurde schon oft berichtet,daß demente Patienten im Krankenhaus zunehmend zum Problem werden.Auf einer chirurgischen Station zum Bsp haben Sie neben der Operation noch die Demenz und brauchen eigentlich eine ganz andere Betreuung.
    • Anke Galow
      Ja, eine 1:1 oder 1:2 Betreuung geht dann aber zu Lasten des pflegerischen Budgets und fehlt dann für den normalen Stationsbetrieb. Es geht wieder nur um Profit und das zu Lasten der Sicherheit von Patienten und Pflegepersonal. Hier muss sich gewaltig was ändern.
    • Lotta Lee
      Erstmal muss ne 1:1 genehmigt werden.Habe letzte Woche in ner 1:3 gesessen Männnlein und Weiblein zusammen. Hammer als der eine denn auch noch um sich geschlagen hat
    • Leonie Zweitaccount
      Dito.
  • Katharina Haupt
    Mir stellt sich ja auch die Frage, wieso eine demente Patientin wegen eines Schwächeanfalls direkt in das Krankenhaus verlegt werden muss. Gerade solche Verlegungen sind für dementiell erkrankte Patienten Stress pur. Ob es in diesem konkreten Fall möglich gewesen wäre, die Patientin im Altenheim zu behandeln, kann ich aus dem Bericht nicht beurteilen, aber generell sind oft solche Verlegungen vermeidbar.
    • Lotta Lee
      Kommt vor das Pat. im Heim nicht genug Flüssigkeit bekommen und Zack liegen sie Stationär.Und bei ner bekannten Demenz auf der Neurologie
    • Daniel Huemer
      Ach solche Patienten gibt es oft excikose im Pflegeheim excikose bei 24 Betreuung
  • Esther Ehrenstein
    Da gibt es Handlungsbedarf auf allen Ebenen: zum Einen bedarf es einer korrekten Indikationsstellung für einen Klinikeinweisung dementer Menschen. Hier braucht es auch personelle Kapazitäten für akute Situationen in der amb. und stationären Pflege. zum anderen bedarf es einer Anpassung des Personals wenn demente Pat. im Krankenhaus behandelt werden müssen. Ich befürchte allerdings dass abschließbare Fenstergriffe nachgerüstet werden und die anderen Aspekte nicht beachtet werden. Wir müssen den erhöhten Betreuungsbedarf dementer Pat. personell bemessen können!
  • Patrick Pfeufer
    Wann wird endlich gelernt das Patienten ausreichend professionelle Zuwendung und Überwachung brauchen. Die Personalsituation ist in Krankenhäusern so knapp, das eine sichere Pflege von Patienten strukturell verhindert wird!
    Dieser Personalmangel trifft dann Patienten die auf die Pflege angewiesen sind!
    • Daniel Huemer
      Es ist nicht der Personalmangel sondern der Budget Mangel
    • Daniel Huemer
      Es ist nicht der Personalmangel sondern der Budget Mangel
  • Marco Kleinert
    Hätte man das Fenster abgeschlossen und oder eine Vollsedierung durchgeführt, hätten die Angehörigen die Klinik wegen, "nicht nachvollziehbarer Überdosierung und Freiheitsberaubung" verklagt....
    Also, so oder so... -> wir sind die bösen! Haltet die Ohren steif!!!!!
  • Sandra Rinagl
    Victoria Kammerzelt
  • Michael den Hoet
    Als ich anfing den Artikel zu lesen dachte ich, es ginge um ein Strafverfahren - etwa wegen Totschlags durch Unterlassung oder Vernachlässigung der Aufsichtspflicht. Aber nein: Es ist ein Zivilprozess um Schadensersatz wegen "unfallbedingter Kosten" für die Krankenkasse! Was sagt das über das Menschenbild in unserer Gesellschaft gegenüber Demenzerkrankten aus? Fallen Pflegefehler, die zum Tod von dementen Menschen führen, bald nur noch unter "Sachbeschädigung"?
  • Christina Gegenwart
    Situation im Pflegeheim: 25 Bew., davon 5 Demente nit Lauftendenz. Zu 2. im Spätdienst. 2 Demente sind raus und es kam ein Auto. Hatte es gerade noch so geschafft. Sofort bin ich (nach mehrmaliger Wiederholung dieser Bewohner)zur pdl. Aussage: "Wenn was passiert, dann ist das halt so...wir sind ein offenes Haus.."
  • Christina Gegenwart
    Kopfkino...oder..!!?"