Festanstellung statt Selbstständigkeit Eigene Praxis? Viele Mediziner bevorzugen Anstellung und Teilzeit

„Selbstständig zu arbeiten, bedeutet selbst und ständig zu arbeiten“. Diese berühmte Formel hat wohl jeder schon einmal gehört. Aber die meisten Freiberufler wissen genau, wie viel Wahrheit darin steckt. Zwar ist die Selbstständigkeit mit enormen Freiheiten verbunden, von denen viele Angestellte nur träumen können. Eine eigene Praxis zu führen, bedeutet aber nicht nur ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Flexibilität, sondern auch große Herausforderungen, finanzielle Unsicherheit, eine immense Verantwortung für sich selbst und für Mitarbeiter sowie eine Vielzahl von zusätzlichen Aufgaben: Buchhaltung und Abrechnungen müssen erledigt werden, es muss akquiriert werden, Personalpläne müssen aufgestellt werden, Budgets verwaltet und eingeteilt werden und vieles mehr.

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Der Drang zur Selbstständigkeit ist bei vielen Medizinern etwas abgeklungen. Eine stärkere Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf spielt eine Rolle bei der Entscheidung.

Trend zu Anstellung und Teilzeit

Es ist zwar immer noch der Wunsch vieler Mediziner, Patienten in der eigenen Praxis zu behandeln, gleichzeitig hält der Trend – vor allem unter jungen Medizinern – zu Anstellungen und Teilzeit an.

Lange Zeit war die klassische Berufsform der persönlich in „freier Praxis“ niedergelassenen Ärzte in der ambulanten ärztlichen Versorgung weithin alternativlos. Wer als Arzt ambulant tätig sein wollte, musste – von wenigen Ausnahmen abgesehen – selbstständiger Unternehmer werden. Während im Krankenhaus praktisch alle Ärzte als Angestellte tätig sind, war dies in der ambulanten ärztlichen Versorgung lange Zeit nicht möglich.

Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz erweiterte zum 1. Januar 2007 die Möglichkeiten, Ärzte in Praxen anzustellen. Seitdem dürfen Vertragsärzte Ärzte („deren Anzahl nicht mehr nummerisch begrenzt ist“) in Vollzeit oder Teilzeit („dienstvertraglich flexibel gestaltet“) auch aus anderen Fachgebieten anstellen. Eine Besonderheit liegt darin, dass das Leistungsspektrum erweitert werden kann. Besitzt der Angestellte andere Qualifikationen, so können diese nach Genehmigung angeboten werden.

Im Jahr 2015 stieg die Anzahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärzte um 3.066 auf 29.373. Dies entspricht einem Plus von 11,7 Prozent. Ihre Zahl hat sich damit seit 2005 mehr als verdreifacht – 8.546 waren es damals. Die Zahl der Ärzte mit eigener Praxis ging 2015 um 0,7 Prozent (um 908 auf 120.733) zurück [vgl. Ergebnisse der Ärztestatistik der Bundesärztekammer (BÄK) zum 31. Dezember 2015].

Vielfältige Gründe

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: Eine abnehmende Bereitschaft, die unternehmerischen Risiken der Selbstständigkeit (z. B. hohe Investitionen, wenig Planungssicherheit durch schnelle Abfolge von Gesundheitsreformen, Honorarsituation, „Bedrohung“ durch Regresse) einzugehen, dürfte die Hauptmotivation sein. Denn im Ergebnis ist der Vergütungsabstand zwischen einer selbstständigen und einer angestellten Arzttätigkeit auch nicht mehr so groß, dass dies Grund für eine eigene Praxis wäre.

Viele Mediziner scheuen (zunächst) auch den bürokratisch-organisatorischen Aufwand, den eine Praxisgründung oder -übernahme bedeutet. Sie entscheiden sich deshalb ganz bewusst für die Arbeit als Angestellter, um sich in Ruhe und aus der zweiten Reihe heraus anzuschauen, was die Niederlassung so alles mit sich bringt. Der Wegfall arztfremder Verwaltungstätigkeiten bietet angestellten Ärzten außerdem die Möglichkeit, sich stärker auf medizinische Aufgaben zu konzentrieren. Die allgemeinen gesetzlichen Regelungen zu Mutterschutz, Elternzeit und Elterngeld, Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall oder Mindesturlaub usw. für Angestellte tun ihr Übriges.

Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf hat hohe Priorität

Zudem verschieben sich auch bei (jungen) Medizinern die persönlichen Prioritäten: Das Familienmodell, in dem beide Partner arbeiten und sich um die Familie kümmern, ist speziell unter Akademikern weitverbreitet. Darüber hinaus gewinnt – jenseits von Familiengründung und Kindererziehung – die individuelle Freizeit (Stichworte: Freunde und Hobbys) weiter an Bedeutung. Deshalb wünschen sich, insbesondere junge Mediziner eine stärkere Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf.

Im Sinne einer familiengerechten Work-Life-Balance entscheiden sich immer mehr gegen eine Vollzeitstelle. Betrug der Anteil der Ärzte in Teilzeit an allen niedergelassenen Ärzten im Jahr 2009 noch fünf Prozent, so waren es im Jahr 2013 bereits 13,6 Prozent. Einer Studie des Forschungsinstituts Prognos zufolge sank die tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit der Ärzte in den Praxen von durchschnittlich 42,6 Stunden im Jahr 2011 auf 40,2 Stunden im Jahr 2014.

Aber auch bei Vollzeitkräften besteht das Bedürfnis, durch flexible, planbare Arbeitszeiten mit einem – zumindest begrenzt – eigenverantwortlichen Gestaltungsspielraum bei der Verteilung der Arbeitszeit Beruf und private Interessen besser in Einklang zu bringen. Hier profitieren Angestellte von geregelten Arbeitszeiten ohne oder mit wenigen Schicht- oder Bereitschaftsdiensten.

Bei den geregelten Arbeitszeiten ist Spontanität in Bezug auf Arbeitszeiten häufig nur noch notwendig, wenn es zu einem Krankheitsfall kommt. Dies ist jedoch keine Einbahnstraße: Zwar muss man unter Umständen kurzfristig einspringen, wenn ein Kollege erkrankt, andererseits kann man sich auch darauf verlassen, bei eigener Erkrankung bzw. Krankheit in der Familie seinen Dienst nicht antreten zu müssen. Vor allem für Ärztinnen, die kleine Kinder haben, ist dies ein wesentliches Argument, sich für eine Anstellung zu entscheiden.

Der Frauenanteil unter den angestellten Ärzten ist wohl auch deshalb besonders hoch. Aber auch insgesamt ist der Anteil der Ärztinnen an den ambulant tätigen Ärzten – nachdem bereits in den letzten Jahren deutliche Anstiege zu verzeichnen waren – im Jahre 2015 weiter gestiegen; von 42,4 Prozent auf 43,2 Prozent (vgl. Ergebnisse der Ärztestatistik der BÄK zum 31. Dezember 2015).

Diese weiter fortschreitende Feminisierung der Medizin (mehr als 60 Prozent der Studierenden sind weiblich) hat die medizinischen Organisationsstrukturen und die Berufs- und Arbeitsbedingungen bereits stark beeinflusst und wird dies auch zukünftig weiter tun.

Fazit

Die Anzahl angestellter Ärzte ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Durch die Anstellung von Ärzten sind sowohl für den anstellenden Arzt als auch für den anzustellenden Arzt attraktive Gestaltungsmodelle realisierbar. Gerade von jungen Ärzten häufig gewünschte Sicherheits- und Flexibilitätserwartungen, um beispielsweise Beruf und private Interessen besser in Einklang bringen zu können, lassen sich hierdurch verwirklichen. Dies ist vor allem – aber nicht nur – für Ärztinnen ein wesentliches Argument, sich für eine Anstellung zu entscheiden.

Quelle:

Rechtsanwalt Mark Hesse, HDI Versicherung AG, Hannover
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  • Sandra Düvel
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