In einem Fall vor dem LG Cleve ging es um Schadensersatz wegen angeblicher Behandlungsfehler bei der Geburt.
In einem Fall vor dem LG Cle­ve ging es um Scha­dens­er­satz wegen angeb­li­cher Behand­lungs­feh­ler bei der Geburt.© Glub0x | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Ein Urteil des LG Cle­ve vom 9.2.2005 (2 O370/01). Die Klä­ge­rin macht Ansprü­che wegen angeb­li­cher Behand­lungs­feh­ler bei ihrer Geburt gel­tend. Die Kla­ge rich­tet sich gegen die Trä­ge­rin des Kran­ken­hau­ses, den lei­ten­den Abtei­lungs­arzt, den dienst­ha­ben­den Fach­arzt für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe, die dienst­ha­ben­de Heb­am­me und den nach der Geburt her­an­ge­zo­ge­nen Kin­der­arzt.

Geburt mit Umwegen

Am 18.August 1998 wur­de die Mut­ter der Klä­ge­rin wegen Über­schrei­tung des errech­ne­ten Ent­bin­dungs­ter­mins in das Kran­ken­haus ein­ge­wie­sen. Nach eini­gen Unter­su­chun­gen, bei denen jedoch kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten fest­ge­stellt wer­den konn­ten, wur­de sie auf Sta­ti­on ver­legt und bekam dort wehen­för­dern­de Mit­tel. Einen Tag spä­ter ord­ne­te der lei­ten­de Arzt zwei Geburts­ein­lei­tungs­ver­su­che mit­tels Pro­sta­glan­din-Tablet­ten an. Die­se blie­ben jedoch erfolg­los. Die Mut­ter wur­de mit­tels CTG über­wacht und von einer Heb­am­me betreut. Gegen 21 Uhr platz­te ihre Frucht­bla­se, dabei ging leicht grün­li­ches Frucht­was­ser ab. Als die Wehen immer stär­ker wur­den, nahm die Kin­des­mut­ter um 0:15 Uhr der Fol­genacht ein Ent­span­nungs­bad im Geburts­be­cken. Ihr Gynä­ko­lo­ge und Geburts­hel­fer hat­te davon kei­ne Kennt­nis, da er erst gegen halb vier von der Heb­am­me her­bei­ge­ru­fen wur­de, als das CTG hoch patho­lo­gisch wur­de. Er nahm dar­auf­hin einen Damm­schnitt vor, doch auch hier war kein Geburts­fort­schritt fest­zu­stel­len.

Gegen 4:00 Uhr wur­de die Mut­ter in das Kreiß­bett gebracht. Die Herz­fre­quenz des Kin­des betrug zu die­sem Zeit­punkt zwi­schen 100 und 170 Schlä­gen pro Minu­te. Dort kam es nach zwei Press­we­hen um 4:22 Uhr zur Spon­tan­ge­burt. Die Klä­ge­rin kam asphyk­tisch zur Welt. Sie wur­de daher direkt vom Arzt im Rachen­be­reich aus­ge­saugt und mit Sauer­stoff ver­sorgt. Sie begann anschlie­ßend, selbst­stän­dig zu atmen.

Behandlungsfehler vermutet

Nach der Geburt wur­de ein für das Kran­ken­haus bera­tend täti­ger Kin­der­arzt hin­zu­ge­zo­gen. Die­ser traf gegen 5 Uhr ein und ver­sorg­te die Klä­ge­rin mit Sauer­stoff. Auch er stell­te wäh­rend der Behand­lung kei­ne beson­de­ren Auf­fäl­lig­kei­ten fest. Etwa zwölf Stun­den spä­ter begann die Klä­ge­rin zu schrei­en und zu kramp­fen. Der Kin­der­arzt ver­an­lass­te dar­auf­hin die Ver­le­gung in ein ande­res Kran­ken­haus. Die dor­ti­gen Unter­su­chun­gen führ­ten letzt­lich zur Dia­gno­se „Zustand nach schwe­rem Hirn­ödem mit aus­ge­präg­ter Apnoe- und Krampf­nei­gung“.

In den Fol­ge­jah­ren bezog die Klä­ge­rin zahl­rei­che ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Behand­lun­gen. Sie gilt als hoch­gra­dig seh­be­hin­dert und bett­lä­ge­rig. Hin­zu kom­men lebens­be­droh­li­che spas­ti­sche Krampf­an­fäl­le. Zudem sei die Klä­ge­rin nicht in der Lage, zu essen, zu ste­hen und zu sit­zen. Sie wird wöchent­lich von Ärz­ten, Logo­pä­den und Heil­päd­ago­gen unter­sucht und behan­delt und ist auf lebens­lan­ge pfle­ge­ri­sche Hil­fe ange­wie­sen. Die Klä­ge­rin geht von gro­ben Behand­lungs­feh­lern vor und bei der Geburt aus und klagt daher auf Scha­dens­er­satz, sowie auf monat­li­che Ren­te. In ihrer Kla­ge führt sie u.a. aus, dass:

  1. die Tra­ge­zeit gar nicht über­schrit­ten wur­de, was nicht über­prüft wor­den sei und eine Was­ser­ge­burt daher kon­tra­in­di­ziert gewe­sen ist. Viel­mehr hät­te der Gynä­ko­lo­ge eine ope­ra­tiv-vagi­na­le Geburt anord­nen müs­sen.
  2. bereits unmit­tel­bar nach der CTG-Auf­nah­me Auf­fäl­lig­kei­ten ersicht­lich gewe­sen wären, die nicht bemerkt wur­den.
  3. der Kin­der­arzt ihre Ver­sor­gung nicht ord­nungs­ge­mäß durch­führ­te, da er auf eine Inten­siv­über­wa­chung ver­zich­te­te.
  4. die Heb­am­me den Geburts­hel­fer frü­her hät­te rufen müs­sen.
  5. der lei­ten­de Abtei­lungs­arzt sich eher nach dem Zustand der Mut­ter hät­te erkun­di­gen müs­sen, damit eine ope­ra­tiv-vagi­na­le Geburt hät­te ein­ge­lei­tet wer­den kön­nen.

Trägerin und Geburtshelfer schuldig gesprochen

Die Kla­ge ist zum Teil begrün­det. Das LG Kle­ve hat in sei­nem Urteil vom 9.2.2005 (2 O370/01) der Ankla­ge gegen die Trä­ge­rin des Kran­ken­hau­ses sowie den dienst­ha­ben­den Fach­arzt für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe Recht gege­ben. Die Kla­ge gegen die Heb­am­me, den Abtei­lungs­arzt und den Kin­der­arzt wur­de abge­wie­sen.
Der Rechts­an­spruch der Klä­ge­rin wur­de vom Gericht bestä­tigt. Die Abfin­dung beläuft sich auf 400.000 € Schmer­zens­geld und eine monat­li­che Ren­te von 500€.

Die kör­per­li­chen und geis­ti­gen Stö­run­gen der Klä­ge­rin sei­en laut Gericht Fol­ge einer feh­ler­haf­ten Geburts­lei­tung. Es dau­er­te ent­schie­den zu lan­ge, bis nach der Ver­schlech­te­rung der Herz­tö­ne und der unzu­rei­chen­den Über­wa­chung des CTG um 4:20 Uhr die Ent­bin­dung erfolg­te. Bereits um 3:30 Uhr sei ein sofor­ti­ges Han­deln des Geburts­hel­fers erfor­der­lich gewe­sen, ent­we­der manu­ell durch die Saug­glo­cke oder durch Kris­tel­lern. Die Mut­ter hät­te die Geburts­wan­ne dem­nach sofort ver­las­sen müs­sen. Dabei lag die Ver­ant­wor­tung beim Geburts­hel­fer, hier­für Sor­ge zu tra­gen. Es sei sei­ne Auf­ga­be gewe­sen, auf die dro­hen­den Gesund­heits­schä­den des Kin­des hin­zu­wei­sen, die durch den ver­län­ger­ten Auf­ent­halt in der Wan­ne ent­stan­den sind. Die Über­wa­chung war schließ­lich dort nicht mehr mög­lich. Die über­mä­ßig lan­ge Zeit bis zur Geburt hat­te daher der geburts­lei­ten­de Arzt zu ver­ant­wor­ten.

Die Beein­träch­ti­gun­gen der Klä­ge­rin sind typi­sche Schä­den auf­grund einer andau­ern­den Sauer­stoff­un­ter­ver­sor­gung wäh­rend des Geburts­vor­gangs. Der Anspruch auf Ersatz der imma­te­ri­el­len Schä­den gegen die Kran­ken­haus­trä­ge­rin resul­tiert aus der „Haf­tung für den Ver­rich­tungs­ge­hil­fen“ gemäß § 831 BGB Abs. 1. Das feh­ler­haf­te Ver­hal­ten des Geburts­hel­fers ist dem­nach der Trä­ge­rin zuzu­rech­nen. Für die mate­ri­el­len Schä­den haf­tet gem. §§ 611, 278 BGB eben­falls die Kran­ken­haus­trä­ge­rin auf­grund der Pflicht­ver­let­zung aus dem Behand­lungs­ver­trag durch den Fach­arzt.

Hebamme unschuldig – Entspannungsbad zunächst legitim

Dem lei­ten­den Abtei­lungs­arzt ist hin­ge­gen kein Behand­lungs­feh­ler vor­zu­wer­fen. Ers­tens, da sei­ne Anwei­sung zu den geburts­ein­lei­ten­den Maß­nah­men mit­tels Pro­sta­glan­din indi­ziert war und für ihn kei­ne Ver­an­las­sung bestand, wei­te­re Maß­nah­men zu tref­fen. Zwei­tens hat er dem dienst­ha­ben­den Arzt für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe die Behand­lung der Mut­ter recht­mä­ßig über­tra­gen, sodass ihn hin­sicht­lich der Behand­lungs­feh­ler kei­ne Schuld trifft.

Auch die Kla­ge gegen den Kin­der­arzt wur­de als unbe­grün­det abge­wie­sen. Zwar habe die­ser es pflicht­wid­rig ver­säumt, sich um die Vital­wer­te der Klä­ge­rin zu küm­mern, jedoch konn­te dies im Nach­hin­ein nicht als aus­schlag­ge­ben­der Punkt für die gesund­heit­li­chen Schä­den der Klä­ge­rin fest­ge­stellt wer­den.

Zuletzt ist auch die Heb­am­me von jeg­li­chen Vor­wür­fen frei­zu­spre­chen. In der Nacht auf den 20. August 1998 gab es bis um 3:30 Uhr kei­nen Anlass dafür, das Geburts­ma­nage­ment anders zu gestal­ten bzw. ande­re Maß­nah­men ein­zu­lei­ten. Erst als um halb vier das CTG hoch patho­lo­gisch wur­de, ergriff die Heb­am­me ihre Pflicht und ver­stän­dig­te den Fach­arzt. Auch der Umstand, dass beim Bla­sen­sprung leicht grün­li­ches Frucht­was­ser abging, stell­te ledig­lich Anlass zur beson­de­ren Sorg­falt – nicht zum Ein­lei­ten kon­kre­ter Maß­nah­men. Im Übri­gen war das Zulas­sen des Ent­span­nungs­ba­des bis um halb vier völ­lig in Ord­nung, da bis dato eine Was­ser­ge­burt noch nicht kon­tra­in­di­ziert war. Die Heb­am­me hat also nicht falsch gehan­delt, ab 3:30 Uhr weil­te die Ver­ant­wor­tung über die Geburts­lei­tung aus­schließ­lich auf den Schul­tern des Geburts­hel­fers.