Die Ver­wen­dung unste­ri­ler Glas­sprit­zen stellt einen schwe­ren Ver­stoß gegen die Hygie­ne­vor­schrif­ten dar.Karayuschij/Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Einleitung

Bei jeder Heil­be­hand­lung durch ärzt­li­ches oder nicht ärzt­li­ches Per­so­nal muss ein beson­de­res Augen­merk auf die Ein­hal­tung der gerich­tet wer­den. Der sach- und fach­ge­rech­te Schutz des Pati­en­ten vor Infek­tio­nen und eine dar­auf aus­ge­rich­te­te Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur zählt zu den ele­men­ta­ren Bestand­tei­len in allen Berei­chen des Heil­we­sens.

Scha­dens­er­eig­nis­se im Bereich der kön­nen, sofern sie in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit der Behand­lung ste­hen, als grob feh­ler­haft bewer­tet wer­den und der kla­gen­den Pati­en­ten­sei­te beweis­erleich­ternd zugu­te­kom­men. Dies ist vor allem dann anzu­neh­men, wenn ein ekla­tan­ter, ins Auge sprin­gen­der Feh­ler im Bereich der fest­ge­stellt wor­den ist. Es liegt auf der Hand, dass die Infek­ti­ons­ge­fähr­dung bei sämt­li­chen Ent­nah­men oder Gaben von Blut beson­ders hoch ist. Viren, Bak­te­ri­en und Pro­to­zy­ten kön­nen dem Pati­en­ten mit schwer­wie­gen­den Fol­gen über­tra­gen wer­den. Im Rah­men der Ozonthe­ra­pie wird eine bestimm­te Men­ge des aus der Vene gewon­ne­nen Bluts appa­ra­tiv mit Ozon ver­schüt­telt und als Infu­si­on sofort wie­der in die Vene gebracht. Die­se Behand­lung soll – als Kur ver­ab­reicht – die Abwehr- oder die Selbst­hei­lungs­kräf­te stär­ken und eine Viel­zahl von Lei­den lin­dern (z.B. All­er­gien, Akne, Arte­rio­skle­ro­se, Asth­ma, Stoff­wech­sel­lei­den, Neur­al­gien). Unab­hän­gig von der Wirk­sam­keit der ozon­an­ge­rei­cher­ten mit Eigen­blut geht mit der Behand­lung ein erhöh­tes Infek­ti­ons­ri­si­ko ein­her. Über die Haf­tung zwei­er Ärz­te für eine feh­ler­haf­te Ozonthe­ra­pie hat­te das OLG Frank­furt zu ent­schei­den (Urteil vom 23.12.2003; Az.: 8 U 140/99)

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Sachverhalt

Die Klä­ge­rin macht einen Schmer­zens­geld­be­trag von 153.387,56 Euro, eine monat­li­che Schmer­zens­geld­ren­te von 511,29 Euro und die Fest­stel­lung zukünf­ti­ger Scha­den­er­satz­an­sprü­che wegen der Über­tra­gung von Hepa­ti­tis C und HIV durch einen bei einer Ozonthe­ra­pie gel­tend.

Seit 1990 litt sie an Migrä­ne und war des­halb bei ver­schie­de­nen Fach­ärz­ten in Behand­lung. Außer­dem wur­de sie 1991 wegen einer Eilei­t­er­schwan­ger­schaft ope­riert. Bei einer Zahn­be­hand­lung im Febru­ar 1992 ließ sie sich die Amal­gam­fül­lun­gen ent­fer­nen. Im Mai 1992 unter­zog sie sich wegen ihrer Kopf­schmer­zen bei den bei­den Beklag­ten, die eine Gemein­schafts­pra­xis für Natur­heil­kun­de betrei­ben, einer Ozonthe­ra­pie. Über eine Vene in der Arm­beu­ge wur­den ihr hier­zu ca. 100 ml Blut ent­nom­men, das anschlie­ßend in einer Vaku­um­fla­sche mit einem Ozon-Luft-Gemisch ver­setzt und schließ­lich wie­der über die Vene in der Arm­beu­ge zuge­führt wur­de. Ins­ge­samt erfolg­ten rund 30 Ozon­be­hand­lun­gen, die abwech­selnd von bei­den Beklag­ten vor­ge­nom­men wur­den. Die für das Ozon ver­wen­de­te Glas­sprit­ze wur­de nicht nach jeder Anwen­dung ste­ri­li­siert, son­dern für die Behand­lung meh­re­rer Pati­en­ten benutzt. Anfang Juli 1992 tra­ten bei der Klä­ge­rin Anzei­chen einer mas­si­ven Virus­in­fek­ti­on mit Fie­ber, star­ken Lymph­kno­ten­schwel­lun­gen, Bewusst­lo­sig­keit, star­ken Schmer­zen und gro­ßer kör­per­li­cher Schwä­che auf. Ein Blut­test ergab einen Hepa­ti­tis-C- und HIV-Befund. Das städ­ti­sche Gesund­heits­amt iden­ti­fi­zier­te in der Fol­ge meh­re­re Pati­en­ten der Gemein­schafts­pra­xis mit einer HCV-. Die Klä­ge­rin hat behaup­tet, sie sei bei der Ozonthe­ra­pie mit Hepa­ti­tis C und dem HI-Virus infi­ziert wor­den. Dies stel­le einen schwe­ren Ver­stoß gegen die Hygie­ne­re­geln und damit einen gro­ben dar. Das LG Frank­furt hat der Kla­ge in vol­ler Höhe statt­ge­ge­ben. Gegen die­se Ent­schei­dung haben die Beklag­ten Beru­fung ein­ge­legt.

Entscheidung

Die Beru­fung hat kei­nen Erfolg. Der Klä­ge­rin steht gegen bei­de Beklag­ten ein Anspruch aus uner­laub­ter Hand­lung gemäß §§ 823 Abs. 1, 847 Abs. 1 BGB und posi­ti­ver Ver­let­zung des ärzt­li­chen Behand­lungs­ver­tra­ges in dem bean­trag­ten Umfang zu.

Den Beklag­ten fällt ein schwe­rer Ver­stoß gegen die Regeln der Hygie­ne zur Last. Zunächst wur­de fest­ge­stellt, dass die Ozonthe­ra­pie ein von der Schul­me­di­zin nicht aner­kann­tes Ver­fah­ren aus dem Bereich der Kom­ple­men­tär­me­di­zin ist. Daher wür­den die im Bun­des­ge­sund­heits­blatt ver­öf­fent­lich­ten Hygie­ne­re­geln die Behand­lung von Gasen auch nicht beson­ders erwäh­nen. Da es aller­dings vie­le Erre­ger gebe, die auch durch Aero­so­le über­tra­gen wer­den und die jedem Arzt bekannt sein soll­ten (z.B. Vari­zel­la-Zos­ter-Virus, Masern­vi­rus), gel­te für die Ent­nah­me von Gasen aus einem mehr­fach ver­wen­de­ten Behäl­ter sinn­ge­mäß das Glei­che wie für Flüs­sig­kei­ten.

Die Vor­gän­ge bei der Zube­rei­tung von Injek­ti­ons­lö­sun­gen sind ver­gleich­bar mit der von Ozon in einer Infu­si­ons­fla­sche. Auch hier ist ein Kon­takt mit dem Pati­en­ten­blut nicht vor­ge­se­hen. In jedem Fall muss die Lösungs­ent­nah­me aus Mehr­do­sis­be­häl­tern unter ste­ri­len Bedin­gun­gen erfol­gen. Die mehr­fa­che Ver­wen­dung der Ozonin­jek­ti­ons­sprit­ze bei ver­schie­de­nen Pati­en­ten stellt daher eine Miss­ach­tung der Hygie­ne­re­geln dar, und zwar unab­hän­gig von der Fra­ge, ob aus phy­si­ka­li­schen Grün­den ein Blut­kon­takt mit der Sprit­ze statt­ge­fun­den haben kann, weil auch die Gefahr der Über­tra­gung von Umwelt­kei­men aus der Arzt­pra­xis gege­ben ist.

Zusätz­lich ist in die­ser Vor­ge­hens­wei­se ein gro­ber Behand­lungs­feh­ler zu erken­nen, was zur Fol­ge hat, dass für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Behand­lungs­feh­ler und Gesund­heits­scha­den die Kau­sa­li­tät ver­mu­tet wird und der Arzt bewei­sen muss, dass sein gro­ber Feh­ler für die Schä­di­gung nicht ursäch­lich gewor­den ist. Dies ist den Beklag­ten nicht gelun­gen. Bei der gewähl­ten The­ra­pie hät­ten sie durch orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men, näm­lich die Ver­wen­dung von ste­ri­li­sier­tem Mate­ri­al oder Ein­mal­ar­ti­keln, eine ver­hin­dern müs­sen.

Schließ­lich konn­ten die Beklag­ten ihre Haf­tung auch nicht durch den Nach­weis abweh­ren, dass die Infek­tio­nen nicht in ihrer Pra­xis, son­dern aus einer frü­he­ren ärzt­li­chen Behand­lung stamm­ten. Bereits das Erschei­nungs­bild der Infek­ti­on ist so gestal­tet, dass eine Spät­form aus­ge­schlos­sen wer­den kann und dass die Infek­ti­on kur­ze Zeit nach der Ozonthe­ra­pie erfolgt sein muss.

Fazit

Der Arzt muss bei Fra­gen der Hygie­ne abwä­gen, was auf dem Spiel steht. Geht es um Leben und Tod – z.B. bei der Ope­ra­ti­on eines Ver­letz­ten in einer ein­sa­men Berg­hüt­te –, könn­ten Hygie­ne­män­gel aus dem Gesichts­punkt der Not­hil­fe in Kauf genom­men wer­den. Bei der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ozonthe­ra­pie hat dage­gen nichts auf dem Spiel gestan­den. Daher müs­sen für eine sol­che The­ra­pie die sichers­ten Maß­nah­men und Mate­ria­li­en, näm­lich die Ver­wen­dung neu­er oder ste­ri­li­sier­ter Sprit­zen und sons­ti­ger hygie­nisch ein­wand­frei­er Medi­zin­pro­duk­te, ergrif­fen wer­den. Wer­den die Vor­schrif­ten der Hygie­ne sorg­falts­wid­rig ver­letzt, gilt dies in allen Berei­chen der Medi­zin als Behand­lungs­feh­ler.