Betrug am Geldautomaten: Neusser Krankenschwester bringt Demenzkranken um seine Ersparnisse
am Geld­au­to­ma­ten: Neus­ser Pfle­ge­kraft bringt Demenz­kran­ken um sei­ne Erspar­nis­sePeg­gy und Mar­co Lachmann-Anke/Pixabay.com [CC0 1.0]

Men­schen in Pfle­ge­be­ru­fen haben nicht nur eine beson­de­re Für­sor­ge­pflicht, sie genie­ßen auch beson­ders hohes Ver­trau­en. Wenn die­ses miss­braucht wird, wie im Fal­le der damals 40-jäh­ri­gen aus­ge­bil­de­ten in Neuss, sorgt dies für beson­de­res öffent­li­ches Inter­es­se. Neben der West­deut­schen Zei­tung und Rhei­ni­schen Post berich­te­ten auch Radio­sen­der und die Süd­deut­sche Zei­tung über die Umstän­de der Tat und die Gerichts­ver­fah­ren. In ers­ter Instanz wur­de die Ange­klag­te des gewerbs­mä­ßi­gen Betru­ges schul­dig befun­den, da sie sich „durch die fort­lau­fen­de Bege­hung gleich­ge­la­ger­ter Straf­ta­ten (…) eine dau­er­haf­te Ein­nah­me­quel­le von eini­gem Gewicht ver­schaff­te“. Das Land­ge­richt Düs­sel­dorf urteil­te nun etwas mil­der und wan­del­te am 2.9.2020 die Gefäng­nis­stra­fe in eine Bewäh­rungs­stra­fe von zwei Jah­ren um. Und dies obwohl die Ange­klag­te bereits 2009, 2014 und 2016 wegen Betrugs­de­lik­ten in ins­ge­samt 14 Fäl­len ver­ur­teilt wor­den war. Das Urteil ist rechts­kräf­tig.

Das Motiv für den

Die Ange­klag­te arbei­te­te zum Tat­zeit­punkt als Pfle­ge­kraft in Voll­zeit (!) auf 450-Euro-Basis bei einem Neus­ser Pfle­ge­dienst, was Fra­gen jen­seits des Gerichts­ver­fah­rens auf­wirft. Als Motiv für ihre Tat gab die allein­er­zie­hen­de Mut­ter Geld­sor­gen an. Der Vater ihrer 17-jäh­ri­gen Toch­ter sei sei­nen Unter­halts­ver­pflich­tun­gen nicht nach­ge­kom­men. Wegen der schu­li­schen Situa­ti­on ihres sechs­jäh­ri­gen Soh­nes habe sie nur ein­ge­schränkt arbei­ten kön­nen. Vor dem Amts­ge­richt Neuss wies sie noch jede Schuld von sich und ver­such­te den Ver­dacht auf ande­re zu len­ken. Das Gericht stuf­te dies jedoch als unglaub­wür­di­ge „Schutz­be­haup­tun­gen“ ein. Nun zeig­te sie erst­mals Reue: Die Deut­sche Pres­se-Agen­tur zitiert sie mit den Wor­ten „Ich schä­me mich dafür“.

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Ins­ge­samt 129.800 Euro hat­te die von ihrem Opfer stets als Iva­na ange­spro­che­ne Ange­klag­te im Zeit­raum April bis Juni 2016 von des­sen Kon­ten abge­ho­ben. „Um sie für sich zu behal­ten und in dem Wis­sen kei­nen Anspruch auf die Geld­be­trä­ge zu haben“, wie das Amts­ge­richt Neuss in ers­ter Instanz fest­stell­te (Az.: 2 Ls 23/18). Zunächst mit einer Post­bank-EC-Kar­te, die er ihr unter dem Ver­spre­chen aus­hän­dig­te, ihm bei der Sich­tung von Unter­la­gen und der Erle­di­gung von Geschäf­ten zu hel­fen. Spä­ter auch mit einer Com­merz­bank-EC-Kar­te, derer sie sich ohne sein Wis­sen bemäch­tig­te. Bei eini­gen grö­ße­ren Abhe­bun­gen benö­tig­te Iva­na die Unter­schrift ihres Opfers und nahm die Bar­geld­ab­he­bun­gen in des­sen Anwe­sen­heit vor.

Erwiesenermaßen Betrug

Auf­nah­men von Über­wa­chungs­ka­me­ras zeig­ten, dass sie die ande­ren Abhe­be­vor­gän­ge allei­ne vor­ge­nom­men hat­te. Bei der Beweis­auf­nah­me war auch eine poli­zei­li­che Aus­sa­ge des Geschä­dig­ten gegen­über der Poli­zei ver­le­sen wor­den. In die­ser bestritt er, Iva­na zu Geld­ab­he­bun­gen an Auto­ma­ten auto­ri­siert zu haben. Der ver­neh­men­de Poli­zei­be­am­te und ande­re Zeu­gen bekun­de­ten vor Gericht, dass der Geschä­dig­te zu die­sem Zeit­punkt noch „Herr sei­ner Sin­ne“ gewe­sen sei.  Des­sen Demen­z­er­kran­kung und Bett­lä­ge­rig­keit ver­hin­der­te jedoch zum Zeit­punkt des Ver­fah­rens, „Gerichts­ter­mi­ne wahr­zu­neh­men, ins­be­son­de­re auf­grund sei­ner fort­ge­schrit­te­nen Stö­rung der kogni­ti­ven Fähig­kei­ten“. Als straf­ver­schär­fend wer­te­te das Gericht die Tat­sa­che, dass sie mit ihrem Betrug „einen alten und trau­ern­den Mann in sei­nem Ver­trau­en miss­braucht“ habe.

Ein wenig Schuld­be­wusst­sein muss die Ange­klag­te aber wohl schon wäh­rend ihrer sechs betrü­ge­ri­schen Straf­ta­ten und der 23 Com­pu­ter­be­trugs­de­lik­te gehabt haben. So zahl­te sie ins­ge­samt 30.000 Euro wie­der auf die Kon­ten des Geschä­dig­ten ein.

Senioren massenhaft Opfer von Betrugsversuchen

Doch der mitt­ler­wei­le 84-jäh­ri­ge Neus­ser ist nicht das ein­zi­ge Opfer. Betrü­ger ver­su­chen auf ver­schie­de­nen Wegen und in viel­fäl­ti­gen For­men, an Geld und Wert­sa­chen ihrer Opfer zu kom­men. Gera­de Senio­ren sind oft das Ziel der Täter. So rich­te­ten laut Lan­des­kri­mi­nal­amt allei­ne die Betrugs­ma­schen „Enkel­trick“ und „fal­scher Poli­zist“ zwi­schen 2017 und 2019 einen Scha­den von mehr als 39 Mil­lio­nen Euro zum Nach­teil von Senio­rin­nen und Senio­ren in Nord­rhein-West­fa­len an.

Auch ent­wi­ckelt sich in die­sem Zusam­men­hang der Miss­brauch von Vor­sor­ge­voll­mach­ten zu einem Pro­blem, was unter ande­rem The­ma in der ARD-Sen­dung Report Mainz war. Hier­mit beschäf­tigt sich inzwi­schen auch die Poli­tik.