Anzeige
avanti
Thema Phlebologie
Blick in das Plenum der Veran­stal­tung.Bild: MDI

Auf der Präsen­ta­ti­ons­flä­che stell­ten über 30 Ausstel­ler aktuelle Entwick­lun­gen und neue Konzepte zur Versor­gung venen­kran­ker Menschen vor. Die zahlrei­chen Referen­ten aus Forschung, Wissen­schaft und Praxis erläu­ter­ten neue Aspekte der Versor­gung von Krank­heits­bil­dern wie Ulcus cruris, Throm­bose und Lungen­em­bo­lie und disku­tier­ten über neue Entwicklungen.

Als „Jahres­einstieg in die phlebo­lo­gi­schen Veran­stal­tun­gen“, wie es Profes­sor Dr. Eberhard Rabe formu­lierte, greifen die Bonner Venen­tage Entwick­lun­gen auf, sprechen Trends an und setzen Themen in Thera­pie, Versor­gung und Pflege von Menschen mit Venen­er­kran­kun­gen. Da der tradi­tio­nelle Tagungs­ort, die Bonner Beetho­ven­halle, wegen Renovie­rungs­ar­bei­ten nicht zur Verfü­gung steht, nutzt die Fachta­gung in diesem und, so kündigte Rabe an, im nächs­ten Jahr die Festsäle des Bonner Maritim-Hotels.

Einlei­tend stellte Rabe die Ergeb­nisse einer europäi­schen Konsen­sus­kon­fe­renz vor, die sich zur evidenz­ba­sier­ten Kompres­si­ons­the­ra­pie, basie­rend auf den Erkennt­nis­sen aktuel­ler Studien, auf mehrere Empfeh­lun­gen verstän­digt hat. Zusam­men­fas­send stellte Rabe fest, dass sich die Daten­lage zur Kompres­si­ons­the­ra­pie sehr gut darstellt. Diese Ansicht unter­strich anschlie­ßend Profes­sor Dr. Hugo Partsch. Schon zu Beginn des 20. Jahrhun­derts habe Heinrich Fischer, ein Pionier der Kompres­si­ons­the­ra­pie, beobach­tet, dass eine starke Kompres­sion bei Patien­ten erfolg­reich einsetz­bar war, die selbst den Druck der Bettde­cke als unerträg­lich empfan­den. Gemein­sam stell­ten Partsch und Rabe die insge­samt 17 Empfeh­lun­gen der Europäi­schen Konsen­sus­kon­fe­renz vor und erläu­ter­ten deren Bedeu­tung für die phlebo­lo­gi­sche Praxis.

In jüngs­ter Zeit wird der Einsatz von Kompres­si­ons­ma­te­ria­lien im Sport thema­ti­siert. Das sei eher auf Medien­be­richte als auf wissen­schaft­li­che Erkennt­nisse zurück­zu­füh­ren, berich­tete Profes­sor Dr. Helmut Lötze­rich. Der Sport­me­di­zi­ner identi­fi­zierte zufäl­lige Fotogra­fien einzel­ner bekann­ter Langstre­cken­läu­fer, als auch inoffi­zi­elle Bilder bekann­ter Fußball­spie­ler, als Auslö­ser des Inter­es­ses an Kompres­si­ons­strümp­fen für den sport­li­chen Bereich. Tatsäch­lich sei unter Kompres­si­ons­the­ra­pie auch eine gering­fü­gige Leistungs­stei­ge­rung, bzw. ein gerin­ge­rer Leistungs­ab­fall feststell­bar, so Lötze­rich, aber diese Hilfs­mit­tel seien eher für den Amateur- und Hobby­sport­ler von Bedeu­tung. Austrai­nierte Profis nutzen ihrer­seits verschie­dene Kompres­si­ons­me­tho­den während der Regenerationsphase.

Im Umgang mit den Materia­lien der Kompres­si­ons­the­ra­pie sind viele Betrof­fe­nen leider nicht sicher, berich­tete Kerstin Protz, aber auch der Versor­gungs­stand dieser Patien­ten ist deutlich schlech­ter als angenom­men. Die Hambur­ger Fachau­torin stellte eine aktuelle Studie vor, in der deutsch­land­weit der Versor­gungs­stand von Patien­ten mit Ulcus cruris venosum erfasst wurde. Von diesen hatten über 30% keine Kompres­si­ons­ver­sor­gung, obwohl dies die Basis­the­ra­pie bei diesem Krank­heits­bild darstellt. Protz berich­tete, dass die Beine der Patien­ten ungewöhn­lich lange, im Mittel 40 Wochen, mit Kompres­si­ons­bin­den banda­giert wurden, obwohl diese nach drei bis vier Wochen, wenn die Beine initial entstaut sind, gegen medizi­ni­sche Kompres­si­ons­strümpfe ersetzt werden sollten. Zudem konnte ermit­telt werden, dass Patien­ten nicht ausrei­chend über die Pflege und die Anwen­dung ihrer Kompres­si­ons­ma­te­ria­lien sowie über unter­stüt­zende An- und Auszieh­hil­fen infor­miert sind.

Eine durch das Starn­ber­ger Medical Data Insti­tute präsen­tierte Vortrags­reihe thema­ti­sierte das Zusam­men­wir­ken von Phlebo­lo­gen und dem hausärzt­li­chen Bereich. Unter Modera­tion von Kongressprä­si­dent Rabe disku­tier­ten Gefäß- und Allge­mein­me­di­zi­ner Aspekte der Koope­ra­tion bei der Versor­gung venen­kran­ker Menschen. Da Betrof­fene erst zum Phlebo­lo­gen gehen, wenn sie bereits schwer erkrankt sind, sieht Rabe viele Möglich­kei­ten zur Optimie­rung im hausärzt­li­chen Bereich.

Diese Analyse unter­strich Profes­sor Dr. Markus Stücker, der in seinem einfüh­ren­den State­ment die Situa­tion der phlebo­lo­gi­schen Versor­gung erläu­terte. „Ein Großteil unserer Mitglie­der sind Allge­mein­me­di­zi­ner,“ betonte der Präsi­dent der Deutschen Phlebo­lo­gi­schen Gesell­schaft. „Die Zusam­men­ar­beit der fachärzt­li­chen Diszi­pli­nen ist bei uns gelebte Praxis.“ Anhand der Daten der Bundes­ärz­te­kam­mer sei laut Stücker von 5.000 Gefäß­me­di­zi­nern in Deutsch­land auszu­ge­hen. Ihnen steht eine große Menge poten­zi­el­ler Patien­ten gegen­über, denn über 90% der Bundes­bür­ger wiesen mit den sogenann­ten Besen­rei­sern bereits leichte Venen­ver­än­de­run­gen an den Beinen auf. Die aktuelle Daten­lage zeigt, dass ab dem 45. Lebens­jahr das Risiko von Venen­er­kran­kun­gen exponen­ti­ell ansteige, von denen schließ­lich jeder vierte über 70jährige betrof­fen sei. Rein statis­tisch gesehen kämen somit in Deutsch­land 3.000 poten­ti­elle Patien­ten auf einen Phlebo­lo­gen. Eine Vorauswahl der Patien­ten, die tatsäch­lich dem Gefäß­spe­zia­lis­ten vorge­stellt werden sollten, könne nach Stückers Ansicht unter bestimm­ten Voraus­set­zun­gen der Hausarzt vornehmen.

Der Allge­mein­me­di­zi­ner Dr. Dr. Peter Schlü­ter stellte anschlie­ßend die Möglich­kei­ten und Machbar­kei­ten einer hierfür hilfrei­chen phlebo­lo­gi­schen Unter­su­chung vor. Der Hemsba­cher Arzt berich­tete aus Sicht des Allge­mein­me­di­zi­ners, dessen Patien­ten aus den unter­schied­lichs­ten Gründen die hausärzt­li­che Praxis aufsu­chen und von denen nicht jeder auf alle erdenk­li­chen Aspekte hin unter­sucht werden kann. Schlü­ter regte daher an, eine spezi­fi­sche Unter­su­chung des Zustands der Venen in den zweijäh­ri­gen Check-up einzu­be­zie­hen, der von den Kosten­trä­gern erstat­tet wird. Doch es gelte auch zu beach­ten, dass nicht jede hausärzt­li­che Praxis die zur Diagno­se­stel­lung erfor­der­li­chen Geräte zur Verfü­gung hat, gab Schlü­ter zu beden­ken. Grund­sätz­li­che Versor­gun­gen venen­er­krank­ter Patien­ten, wie post-opera­tive Unter­su­chun­gen, Wundver­sor­gung und die für den Behand­lungs­er­folg grund­le­gende Kompres­si­ons­the­ra­pie seinen jedoch grund­sätz­lich durch den Hausarzt leist­bar. Wünschens­wert wäre nach Schlü­ters Ansicht hierfür eine Motiva­tion von Seiten der betrof­fe­nen Patien­ten und eine bessere Regelung der Vergü­tung hausärzt­li­cher Leistun­gen in der Thera­pie venen­kran­ker Menschen.

„Die Inspek­tion und Palpa­tion der unteren Extre­mi­tä­ten gehört zur Ganzkör­per­un­ter­su­chung“ unter­strich Dr. Hendrik Alten­käm­per, der gemein­sam mit Dr. Jutta Schim­mel­pfen­nig die Sicht des Berufs­ver­bands der Phlebo­lo­gen erläu­terte. Unter Hausärz­ten sei die Einschät­zung verbrei­tet, dass medizi­ni­sche Kompres­si­ons­strümpfe, die Patien­ten zur erfolg­rei­chen Kompres­si­ons­the­ra­pie benöti­gen, das ärztli­che Budget belas­ten. Obwohl Kompres­si­ons­strümpfe als Hilfs­mit­tel nicht ins Budget fallen, stünde dieser Irrtum der Bereit­schaft, solche Patien­ten zu versor­gen, oft im Wege, so Alten­käm­per. Anderer­seits wirken Behand­lun­gen, für die der Patient selber aufkom­men muss, wie die freiwil­li­gen indivi­du­el­len Gesund­heits­leis­tun­gen (IGeL), seiner Erfah­rung nach auf den Betrof­fe­nen abschreckend.

Die 23. Bonner Venen­tage ermög­lich­ten den 300 Besuchern einen Überblick der aktuel­len Entwick­lun­gen im Themen­feld der Phlebo­lo­gie und beleuch­ten einzelne Aspekte im Rahmen aussa­ge­kräf­ti­ger Vorträge. Neben dem für diese Veran­stal­tung typischen „Blick über den Teller­rand“, der sich auf lympho­lo­gi­sche oder sport­me­di­zi­ni­sche Themen richtete, wurde in diesem Jahr zudem ein beson­de­rer Schwer­punkt auf das Zusam­men­wir­kun­gen verschie­de­ner ärztli­cher Fachrich­tun­gen bei der Versor­gung venen­kran­ker Menschen gelegt. „Nicht nur beim Hausarzt, auch in vielen anderen medizi­ni­schen Berei­chen gibt es Unklar­hei­ten, wann man welchen Patien­ten zum Phlebo­lo­gen schicken sollte“, so Kongressprä­si­dent Rabe. Die 23. Bonner Venen­tage haben in diesen Themen­kom­plex einige Klarheit gebracht.

Quelle: Jan Hinnerk Timm/MDI