Niere
Bei der DEGAM (Deut­sche Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin und Fami­li­en­me­di­zin) ist der­zeit eine bis­her feh­len­de deut­sche Behand­lungs­leit­li­nie in Bear­bei­tung.Ben Schonewille/Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Die zu Behand­lungs­be­ginn 42-jäh­ri­ge Pati­en­tin wur­de von 03/2006 bis 09/2012 vom erst­be­han­deln­den Haus­arzt betreut. In 24 der ins­ge­samt 27 Quar­ta­le fand min­des­tens ein Arzt­kon­takt statt, wobei Anlass für die Kon­sul­ta­tio­nen über­wie­gend ande­re chro­ni­sche Erkran­kun­gen waren. Bis auf eine unspe­zi­fi­sche Schwell­nei­gung an Hän­den und Füßen im Som­mer 2009, die ein mög­li­ches, aber nicht zwin­gen­des Sym­ptom einer Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz sein kann, wur­den kei­ne Beschwer­den im Bereich der Nie­ren oder der ablei­ten­den Harn­we­ge geäu­ßert. Wäh­rend des gesam­ten Zeit­raums fan­den ledig­lich zwei Blut­druck­mes­sun­gen statt, wobei in 06/2008 mit 130/80 mmHG ein Nor­mal­wert und in 10/2008 mit 145/80 mmHG eine leicht patho­lo­gi­sche Druck­erhö­hung vor­lag.

Unge­ach­tet feh­len­der Beschwer­den wur­den ins­ge­samt sie­ben Blut­un­ter­su­chun­gen ver­an­lasst, bei denen ein ste­ti­ger Krea­ti­nin­an­stieg zu ver­zeich­nen war. Der Norm­wert von <1,10 mg/dl wur­de erst­mals in 04/2008 mit einem Wert von 1,17 mg/dl über­schrit­ten.

Bei der nächs­ten Mes­sung in 10/2008 lag bei einem Krea­ti­nin­wert von 1,41 mg/dl bereits eine mit­tel­gra­di­ge Nie­ren­schä­di­gung der Stu­fe 3 vor. Die Erhö­hung wur­de vom Arzt zwar zur Kennt­nis genom­men, mit der Pati­en­tin aber nicht bespro­chen.

Der in 06/2011 deut­lich erhöh­te Wert von 2,1 mg/dl kam erst anläss­lich einer zwei Mona­te spä­ter erfolg­ten Kon­sul­ta­ti­on wegen Ohren­schmer­zen zur Spra­che, wobei nur eine „bal­di­ge Kon­trol­le“ ange­mahnt wur­de. Die­se erfolg­te erst ein Jahr spä­ter, obwohl zwi­schen­zeit­lich zwei wei­te­re Arzt­kon­tak­te statt­fan­den. In 06/2012 lag bei einem Krea­ti­nin­wert von 2,86 mg/dl bereits eine schwe­re Nie­ren­schä­di­gung der Stu­fe 4 vor.

In 01/2013 fand ein Behand­ler­wech­sel statt. Die dor­ti­ge ers­te Blut­ent­nah­me in 04/2013 zeig­te einen Krea­ti­nin­wert von 4,37 mg/dl. Bei der tele­fo­ni­schen Abfra­ge der Wer­te wur­de der Pati­en­tin ledig­lich durch die Sprech­stun­den­hil­fe mit­ge­teilt, dass sie zur Bespre­chung der Wer­te einen Arzt­ter­min ver­ein­ba­ren sol­le, was aber nicht erfolg­te. Nach einer nicht objek­ti­vier­ba­ren Aus­kunft der Ärz­tin habe die­se in 11/2013 ein „pro­blem­ori­en­tier­tes Gespräch“ mit der Pati­en­tin geführt. Eine wei­te­re Labor­kon­trol­le fand aber erst in 02/2014 statt. Der dabei fest­ge­stell­te Krea­ti­nin­wert von 4,48 mg/dl wur­de mit der Pati­en­tin nicht bespro­chen.

Erst­ma­lig in 01/2015 wur­de bei einem wei­te­ren Krea­ti­nin­an­stieg auf 6,01 mg/dl eine mög­li­che Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz doku­men­tiert, die eine erst­ma­li­ge Blut­druck­mes­sung in die­ser Pra­xis aus­lös­te. Gemes­sen wur­de ein sehr hoher Wert von 190/100.

Nach sofor­ti­ger Wei­ter­über­wei­sung an einen Fach­arzt dia­gnos­ti­zier­te die­ser eine chro­ni­sche Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz im Sta­di­um 4−5 mit mas­si­ver Pro­te­in­urie bei Schrumpf­nie­ren beid­seits. Nach drei Dia­ly­sen wur­de in 11/2015 eine Nie­ren­trans­plan­ta­ti­on vor­ge­nom­men.

Festgestellte Versäumnisse

  • Die Behand­lung bei­der Ärz­te wur­de durch die Gut­ach­ter­kom­mis­si­on über­prüft. Die dort fest­ge­stell­ten Behand­lungs­feh­ler wur­den durch einen ver­si­che­rungs­in­tern beauf­trag­ten Gut­ach­ter bestä­tigt:
  • Spä­tes­tens ab dem Zeit­punkt der nicht mehr rück­läu­fi­gen Krea­ti­nin­er­hö­hung in 10/2008 hät­te in ange­mes­se­nem Zeit­rah­men nach­kon­trol­liert wer­den müs­sen.
  • Vor dem Hin­ter­grund der sich ste­tig ver­schlech­tern­den Nie­ren­wer­te hät­te der Urin auf Pro­te­in unter­sucht wer­den müs­sen. Bei der Anfang 2015 fest­ge­stell­ten mas­si­ven Pro­te­in­urie wären die Wer­te mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit auch davor auf­fäl­lig gewe­sen.
  • Es hät­ten wie­der­hol­te Blut­druck­mes­sun­gen durch­ge­führt wer­den müs­sen. Bei ansons­ten gesun­den Men­schen hät­te der in 10/2008 gemes­se­ne Wert von 145/80 mmHG zwar nur gele­gent­li­che Kon­trol­len erfor­dert. Vor dem Hin­ter­grund der offen­sicht­li­chen Nie­ren­schä­di­gung sei eine regel­mä­ßi­ge Blut­druck­mes­sung aber unab­ding­bar. Es sei davon aus­zu­ge­hen, dass sich der in 01/2015 gemes­se­ne Blut­druck von 190/100 mmHG bis dahin ste­tig erhöht habe.
  • Es hät­ten Ultra­schall­un­ter­su­chun­gen der Nie­ren durch­ge­führt wer­den müs­sen.
  • Obwohl bei­de Ärz­te die Erhö­hung der Krea­ti­nin­wer­te erkann­ten, sei die Pati­en­tin nicht aus­drück­lich und ernst­haft auf das Vor­lie­gen einer gefähr­li­chen, fort­schrei­ten­den Nie­ren­er­kran­kung mit unbe­ding­tem Erfor­der­nis eng­ma­schi­ger Kon­trol­len und wei­ter­ge­hen­der Dia­gnos­tik hin­ge­wie­sen wor­den. Es habe ledig­lich weni­ge unspe­zi­fi­sche Hin­wei­se auf das Erfor­der­nis wei­te­rer Kon­trol­len gege­ben. Die Dring­lich­keit der Über­wa­chung und die mög­li­chen Kon­se­quen­zen bei aus­blei­ben­der Behand­lung sei­en der Pati­en­tin zu kei­nem Zeit­punkt nahe­ge­bracht wor­den. Dass die Pati­en­tin die ange­mahn­ten Kon­trol­len nur ver­zö­gert wahr­ge­nom­men habe, kön­ne die Ärz­te nicht ent­las­ten. Gera­de weil die Pati­en­tin beschwer­de­frei gewe­sen sei und bereits des­halb kei­ne eige­ne Not­wen­dig­keit für eine Behand­lung gese­hen habe, hät­ten die Ärz­te sie per­sön­lich und nach­weis­bar auf die Wich­tig­keit der Kon­trol­len und wei­ter­ge­hen­den Unter­su­chun­gen hin­wei­sen müs­sen.

Lesen Sie hier in Teil 2, über die Kon­se­quen­zen des feh­ler­haf­ten Han­delns bei­der Ärz­te.