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Eine Pflegekraft bei der Anlage eines Verbandwickels.
Eine Pflegekraft bei der Anlage eines Verbandwickels.

Demnach litten 2012 bundesweit rund 210.000 Menschen akut an derartigen Geschwüren. Das entspricht 0,26 Prozent der Bevölkerung und ist deutlich mehr als bisherige Studien zeigen. Jährlich kommen rund 50.000 neue Erkrankungen hinzu. Insgesamt leiden nach Schätzungen von Experten zwei Millionen Menschen in Deutschland an chronischen Wunden, zu denen unter anderem auch Dekubitus oder diabetisch bedingte Geschwüre am Fuß gehören.

„Wir können anhand unserer Daten sehen, dass es eine gravierende Unterversorgung bei Menschen gibt, die an venös bedingten Unterschenkelgeschwüren leiden. Nur knapp 40 Prozent bekommen eine Kompressionstherapie. Deren Unterlassung ist nach Meinung der Fachleute ein Behandlungsfehler“, betonte Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK, bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Bis auf einige Ausnahmen könnten Patienten immer von dieser Behandlung profitieren, sie müsse jedoch verordnet und fachgerecht umgesetzt werden.

Heil- und Hilfsmittel mit starkem Wachstum

Zugleich machte Schlenker auf teilweise sehr hohe Steigerungsraten bei den Heil- und Hilfsmitteln aufmerksam. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres verzeichneten die Krankenkassen bei Heilmitteln, also etwa der Physiotherapie oder Logopädie, Zuwächse von 7,1 Prozent. Bei der BARMER GEK waren die Ausgaben in diesem Sektor um 4,1 Prozent gestiegen. Bei den Hilfsmitteln – zu denen zum Beispiel Rollstühle, Krankenbetten oder Hörgeräte zählen – waren die Ausgaben im ersten Halbjahr 2014 bei allen Kassen um 9,5 Prozent und bei der BARMER GEK sogar um 10,8 Prozent nach oben geschnellt. „Obwohl in einer älter werdenden Gesellschaft der Bedarf an einer qualifizierten Heil- und Hilfsmittelversorgung zunimmt, müssen wir die Preis- und Mengenentwicklung im Auge behalten. In dem extrem unübersichtlichen Markt der Medizinprodukte brauchen wir vor allem eine Nutzenbewertung“, verdeutlichte Schlenker.

Studienautor Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen verwies auf den langjährigen Trend steigender Ausgaben bei Heil- und Hilfsmitteln. So seien die Ausgabenzuwächse der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2013 zwar recht moderat geblieben. „In den Jahren von 2007 bis 2013 sind sie bei den Heilmitteln jedoch insgesamt um 34,5 Prozent, von 3,91 Milliarden auf nun 5,26 Milliarden Euro gestiegen und bei den Hilfsmitteln von 5,52 Milliarden auf 6,80 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus um 23,2 Prozent“, rechnete Glaeske vor. Neben der Nutzen- und Kosten-Nutzen-Bewertung gebe es, so der Bremer Versorgungsforscher, begleitende Möglichkeiten, die Qualität und Transparenz der Hilfsmittelversorgung in Deutschland zu verbessern. Dazu gehörten höhere qualitative Anforderungen an Hilfsmittel und Medizinprodukte oder eine andere Funktion des jetzigen Hilfsmittelverzeichnisses. Es könne zum Beispiel nur solche Produkte führen, die einem hohen Stand der Technik entsprächen und Studien zum Patientennutzen vorweisen könnten.

Versorgung des diabetischen Fußes regional oft unzureichend

Glaeske verwies darauf, dass die podologische Versorgung von Diabetikern in Deutschland zu wünschen übrig lasse. Drei Viertel aller Risikopatienten werde nicht mit medizinischer Fußpflege versorgt. „Vor allem bei den über 70-Jährigen wächst der Anteil der nicht Versorgten. Das ist umso erstaunlicher, als es sich um Teilnehmer an Disease Management Programmen (DMP) handelt, welche zwingend eine medizinische Fußuntersuchung und podologische Versorgung vorsehen“, so Glaeske. Er verwies auf die regional sehr ungleiche Inanspruchnahme der Podologie. Nahmen sie 2012 im Saarland 15,33 Prozent der Risikopatienten in Anspruch, waren es in Sachsen mit 29,69 Prozent fast doppelt so viele. „1989 hatten sich die europäischen Staaten in der Deklaration von St. Vincent verpflichtet, Diabetes bedingte Folgeschäden zu verhindern“, erinnerte Glaeske. 25 Jahre später habe sich nicht viel verbessert, die Amputationsraten von Zehen und Vorderfüßen hätten sich nicht verringert. Das zeige, dass es noch vieler Anstrengungen bedürfe, um die Amputationsgefahr für Menschen mit Diabetes zu verringern.

Fakten aus dem Heil- und Hilfsmittelreport 2014

Den größten Anteil bei den Heilmittelausgaben nimmt nach wie vor die Physiotherapie ein: Für 1,76 Millionen Versicherte der BARMER GEK wurden 2013 insgesamt 539,8 Millionen Euro ausgegeben, was einen Zuwachs um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Ergotherapie erhielten 103.000 Versicherte, dafür entstanden Kosten von 99,8 Millionen Euro (+ 2,5 Prozent). Die Ausgaben für Logopädie für 89.000 Versicherte betrugen 66,8 Millionen Euro (+ 3,4 Prozent). Demgegenüber sanken die Ausgaben bei der podologischen Versorgung geringfügig um 0,2 Prozent.

Die wichtigsten Berufsgruppen für die Versorgung mit Hilfsmitteln für Versicherte der BARMER GEK 2013 waren die Orthopädiemechaniker und Bandagisten. Für ihre Leistungen wurden rund 406 Millionen Euro (+ 4,75 Prozent gegenüber 2012) gezahlt. 73,3 Millionen Euro wurden für Leistungen von Orthopädieschuhmachern aufgewandt (+ 8 Prozent). Die Ausgaben für Hörgeräteakustiker stiegen um 3,33 Prozent auf 70 Millionen Euro.

Der Report bilanziert darüber hinaus deutliche regionale Unterschiede bei der Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln. So variierte 2013 die Versorgungsrate von Verordnungen aufgrund ergotherapeutischer Indikationen bei einem bundesweiten Durchschnitt von 22 Prozent zwischen 16 Prozent in Bremen und 26 Prozent in Sachsen und Berlin. Bei den Hilfsmitteln zeigten alters- und geschlechtsstandardisierte Betrachtungen in Sachsen-Anhalt mit 206 Leistungsempfängern je 1.000 Versicherte den niedrigsten Versorgungsanteil. Das Saarland hatte mit 235 Leistungsversicherten den höchsten Anteil aufzuweisen.

Auch zwischen den Geschlechtern können deutliche Unterschiede in der Heil- und Hilfsmittelversorgung aufgezeigt werden: So werden Frauen in allen Altersgruppen häufiger mit Hilfsmitteln versorgt. Deutlich sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei den älteren Jahrgängen ab 80 Jahren. Ein ähnliches Bild zeigen die Heilmittel. In der Logopädie hat 2013 der Anteil sprachtherapeutisch behandelter Männer zwischen 20 und 40 von 2013 zu 2012 um über zehn Prozent zugenommen.