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Chronische Wunden
Für den Betrof­fe­nen ist es wich­tig, dass die The­ra­pie­zie­le nach­voll­zieh­bar sindBild: Jan Hin­nerk Timm, Hamburg

Edukation ist der Schlüssel

Die meis­ten Men­schen möch­ten ihr Leben selb­stän­dig gestal­ten, nicht von ande­ren abhän­gig sein oder die­sen zur Last fal­len. Dies gilt auch, wenn chro­ni­sche Wun­den sie pla­gen. Für Pati­en­ten ist es oft schwie­rig, sich auf die als unfle­xi­bel emp­fun­de­nen Ter­min­pla­nun­gen auf­grund not­wen­di­ger the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men ein­zu­stel­len, die nicht immer zum gewohn­ten Tages­ab­lauf pas­sen und zusätz­lich Stress aus­lö­sen. Hin­zu kommt, dass die Ver­sor­ger häu­fig wech­seln, was eine ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit erschwe­ren kann, da jeweils ande­re Schwer­punk­te und Ansät­ze ver­folgt wer­den. Für den Betrof­fe­nen ist es wich­tig, dass die The­ra­pie­zie­le nach­voll­zieh­bar sind, er die damit ver­bun­de­nen Maß­nah­men ver­steht und sich auf die­ser Basis in den Ver­sor­gungs­pro­zess ein­brin­gen kann.

Der Weg zur Akzep­tanz führt über das Ver­ständ­nis. Daher ist eine indi­vi­du­ell ange­pass­te Edu­ka­ti­on dazu geeig­net, die Lebens­qua­li­tät des Pati­en­ten zu stei­gern. Eine wert­schät­zen­de Edu­ka­ti­on bestärkt ihn dar­in, sich selb­stän­dig im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten in den Ver­sor­gungs­pro­zess ein­zu­brin­gen bestärkt. Zudem erlernt der Betrof­fe­ne, was er dazu bei­tra­gen kann. Die­ser manch­mal als „Empower­ment“ bezeich­ne­te Effekt hat unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­qua­li­tät des Patienten.

„Ich muss gar nichts“ – Kommunikation auf Augenhöhe

Eine adäqua­te Pati­en­tene­du­ka­ti­on basiert grund­sätz­lich auf der Ermitt­lung der Lebens­si­tua­ti­on, der Bedürf­nis­se und der Vor­lie­ben des Betrof­fe­nen. Die­se Aspek­te ste­hen bei den Ent­schei­dun­gen für bestimm­te Ver­sor­gungs­maß­nah­men oder The­ra­pie­op­tio­nen im Vor­der­grund, nicht die Prä­fe­ren­zen des Ver­sor­gungs­teams. Die­ser indi­vi­du­el­le Fokus prägt auch die Ermitt­lung pati­en­ten­be­zo­ge­ner Fakten:

  • Wel­che Ein­schrän­kun­gen habe ich?
  • Wie beein­flusst die Wun­de mei­ne Lebensqualität?
  • Was bedeu­ten die Maß­nah­men der The­ra­pie für mei­nen Alltag?

Auf die­se Wei­se wird im Rah­men der Pati­en­ten­ana­mne­se geklärt, wel­cher indi­vi­du­el­le Unter­stüt­zungs­be­darf besteht, auf wel­che Wei­se sich Betrof­fe­ner und Ange­hö­ri­ge in den Ver­sor­gungs­pro­zess ein­brin­gen kön­nen und wel­che Selbst­ma­nage­ment­fä­hig­kei­ten vor­han­den sind.

Der Patient als Partner der Versorgung

In der Zusam­men­ar­beit mit Pati­en­ten und Ange­hö­ri­gen wird wei­test­ge­hend auf Fach­spra­che ver­zich­tet. Das Ver­sor­gungs­team erklärt Begrif­fe, die nicht dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch eines Lai­en ent­spre­chen und erläu­tert dem Pati­en­ten die The­ra­pie­maß­nah­men in einer für ihn ver­ständ­li­chen Spra­che. Oft erge­ben sich unbe­ob­ach­tet Miss­ver­ständ­nis­se, denen auf die­se Wei­se leicht vor­zu­beu­gen ist. So ken­nen man­che Pati­en­ten ein „Trau­ma“ als psy­chi­sche Belas­tung und nicht als die Ursa­che für ein Ulkus am Bein. Das Wort „Ulkus“ ver­bin­den hin­ge­gen Eini­ge mit einem Magengeschwür.

In ver­ständ­li­cher Spra­che wer­den dem Betrof­fe­nen all­ge­mei­ne Inhal­te ver­mit­telt, z. B.:

  • bedarfs­ge­rech­te Ernährung
  • fall­be­zo­ge­ne Hygiene
  • Umgang mit den Mate­ria­li­en, z. B. Lagerung
  • Haut­pfle­ge (Abb. 1)
Chronische Wunden
Abb.1 – Haut­pfle­ge – Quel­le: Kers­tin Protz, Hamburg

Die­se Sach­ver­hal­te wer­den ergänzt durch krank­heits­spe­zi­fi­sche Infor­ma­tio­nen, die auf die unmit­tel­ba­re Ver­bes­se­rung sei­ner indi­vi­du­el­len Situa­ti­on und sei­nes Krank­heits­ver­ständ­nis­ses abzielen:

  • Wund­ur­sa­che
  • zeit­li­che Erwar­tung der Wundheilung
  • Bedeu­tung von Schmerz und Exsudat
  • Umgang mit Beschwer­den, wie geschwol­le­ne Bei­ne, Juck­reiz, Schmerzen
  • Nut­zung der Materialien
  • Bera­tung zu Hilfs­mit­teln, wie medi­zi­ni­schen Kom­pres­si­ons­strümp­fen, Posi­tio­nie­rungs­hilfs­mit­teln (Kis­sen, Matrat­zen­sys­te­me), An- und Aus­zieh­hil­fen oder ortho­pä­di­schen Schu­hen (Abb. 2)
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Abb.2 – Absatz­aus­gleich auf der ande­ren Sei­te für den sta­bi­len Gang – Quel­le: Kers­tin Protz, Hamburg

Chronische Wunden: Auswahl der Verbandmittel

Auch bei der Ver­sor­gung der Wun­de liegt der Fokus auf die größt­mög­li­che Erhal­tung der Lebens­qua­li­tät. Die Aus­wahl der indi­vi­du­ell pas­sen­den Ver­band­mit­tel ori­en­tiert sich an bestimm­ten Kriterien:

  • Wund­hei­lungs­pha­se und ‑sta­di­um
  • Wund­lo­ka­li­sa­ti­on
  • Exsudat­men­ge und ‑beschaf­fen­heit
  • Infek­ti­ons­zei­chen
  • Schutz von Wund­rand und ‑umge­bung (Abb. 3, Abb. 4)
  • Schmer­zen
  • Kon­ti­nenz­si­tua­ti­on
  • Kos­ten- und Effektivitätskriterien
Chronische Wunden
Abb.3 – Appli­ka­ti­on eines trans­pa­ren­ten Haut­schutz­films – Quel­le: Kers­tin Protz, Hamburg

Als wesent­li­cher Gesichts­punkt gilt aller­dings die Akzep­tanz des Pati­en­ten gegen­über den infra­ge kom­men­den The­ra­pie­op­tio­nen. Sie soll­ten als bequem und nicht stö­rend emp­fun­den wer­den und den Betrof­fe­nen in sei­nem All­tag sowie dem gewohn­ten Lebens­wan­del nicht beein­träch­ti­gen. Das Mate­ri­al soll­te einen atrau­ma­ti­schen Ver­band­wech­sel gewähr­leis­ten und ein­fach zu hand­ha­ben sein.

Chronische Wunden
Abb.4 – Hydro­fa­ser über Wund­rand als Haut­schutz appli­ziert – Quel­le: Kers­tin Protz, Hamburg

Tipp! Über die Home­page des Wund­zen­trum Ham­burg e.V. (www.wundzentrum-hamburg.de) kön­nen vier Pati­en­ten- und Ange­hö­ri­gen­bro­schü­ren zu den fol­gen­den The­men: „Wund­wis­sen“, „Fuß­ge­sund­heit bei Dia­be­tes mel­li­tus“, Kom­pres­si­on ein­fach – trag­bar“ und „MRE Mul­ti­re­sis­ten­te Erre­ger“ kos­ten­los als PDF-Doku­ment her­un­ter­ge­la­den wer­den (Abb. 5).

Patienten- und Angehörigenbroschüren vom Wundzentrum Hamburg
Abb.5 – Pati­en­ten- und Ange­hö­ri­gen­bro­schü­ren vom Wund­zen­trum Ham­burg – Quel­le: Kers­tin Protz, Hamburg

Fazit

Eine erfolg­rei­che Edu­ka­ti­on stärkt das Ver­trau­en des Pati­en­ten in sei­ne Fähig­kei­ten zur Befol­gung und Durch­füh­rung von erfor­der­li­chen the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten. Sein gesund­heits­be­zo­ge­nes Selbst­ma­nage­ment ist ent­spre­chend gestärkt und dem Gefühl von Macht- und Hilf­lo­sig­keit ist vorgebeugt.

Ein Pati­ent, der sich selbst­be­stimmt infor­miert und basie­rend dar­auf aus eige­nem Antrieb kom­pe­tent in die Ver­sor­gung ein­bringt, wird zum wich­ti­gen Part­ner in der The­ra­pie. Die Tat­sa­che vom Objekt der Ver­sor­gung zum Mit­glied im Ver­sor­gungs­team zu wer­den, ver­mit­telt ein befrie­di­gen­des Gefühl und stei­gert die Lebens­qua­li­tät in mehr­fa­cher Hin­sicht. Eine wich­ti­ge wei­ter­füh­ren­de Unter­stüt­zung ist die Ver­mitt­lung von Kon­tak­ten zu Selbst­hil­fe­grup­pen und ggf. spe­zia­li­sier­ten Einrichtungen.

Mehr Infor­ma­tio­nen in Teil 1 oder direkt von der Autorin Kers­tin Protz, Kran­ken­schwes­ter, Pro­jekt­ma­na­ge­rin Wund­for­schung im Com­pre­hen­si­ve Wound Cen­ter (CWC) am Uni­kli­ni­kum Ham­burg-Eppen­dorf, Refe­ren­tin für Wund­ver­sor­gungs­kon­zep­te, Vor­stands­mit­glied Wund­zen­trum Ham­burg e.V.

Quel­len

Deut­sches Netz­werk für Qua­li­täts­ent­wick­lung in der Pfle­ge (DNQP) Hrsg. (2015).

Exper­ten­stan­dard Pfle­ge von Men­schen mit chro­ni­schen Wun­den, 1. Aktua­li­sie­rung, Osnabrück

Initia­ti­ve Chro­ni­sche Wun­de e.V.: www.icwunden.de

Kroh­win­kel M (2013). För­dern­de Pro­zess­pfle­ge mit inte­grier­ten ABEDLs. For­schung, Theo­rie und Pra­xis. Hog­re­fe, Göttingen

Pan­fil EM, Schrö­der G, Hrsg (2015). Pfle­ge von Men­schen mit chro­ni­schen Wun­den, 3. Auf­la­ge, Hog­re­fe, Göttingen

Protz K, Timm JH (2019). Moder­ne Wund­ver­sor­gung, Pra­xis­wis­sen, 9. Auf­la­ge, Else­vier Ver­lag, München

Sai­ler, M (2004). Pra­xis­hand­buch Pati­en­tene­du­ka­ti­on: Schu­lung, Anlei­tung, Bera­tung, WK-Fach­bü­cher, Elchingen