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Tablet­ten-Blis­ter. (Sym­bol­bild)jarmoluk/Pixabay.com [CC0 1.0]

Trotz erneu­tem (Teil-)Lockdown: Die täg­lich vom Robert Koch-Insti­tut (RKI) ver­kün­de­ten Infek­ti­ons­zah­len bewe­gen sich wei­ter­hin auf einem erschre­ckend hohen Niveau: Nicht nur die abso­lu­te Anzahl der Infi­zier­ten hat deut­lich zuge­nom­men, auch die Ansteckungs‑, Erkran­kungs- und Todes­ra­ten sind signi­fi­kant angestiegen.

Doch selbst nach Mona­ten inten­sivs­ter For­schung – die bereits sehr früh, das heißt unmit­tel­bar wäh­rend des erst­ma­li­gen Aus­bruchs in Wuhan (Chi­na), begon­nen wur­de – wis­sen wir heu­te noch immer zu wenig über das neu­ar­ti­ge Virus, das vie­len Men­schen nur wenig etwas anzu­ha­ben scheint und bei ande­ren wie­der­um sehr ver­wir­ren­de Sym­pto­me her­vor­ruft, sodass gegen­wär­tig noch immer kei­ne spe­zi­fi­sche, wirk­sa­me Behand­lungs­op­ti­on vor­liegt. Bekannt ist nur, dass das Virus am Ende unser Immun­sys­tem zu Reak­tio­nen trig­gert, die uns scha­den und in einem schein­bar unauf­halt­sa­men Pro­zess töd­lich enden.

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und Thrombosen

Im März konn­ten unter ande­rem die, an den in Ita­li­en an ver­stor­be­nen Pati­en­ten, durch­ge­führ­ten Aut­op­sien auf­zei­gen, dass bei besag­tem Pro­zess der Bil­dung von Throm­bo­sen eine bedeu­ten­de Rol­le zukommt. Und zwar nicht nur den bekann­ten Throm­bo­sen in den Bein­ve­nen, wie sie bei­spiels­wei­se nach gro­ßen ope­ra­ti­ven Ein­grif­fen oder nach län­ge­ren Flug­rei­sen gehäuft auf­tre­ten und die das lebens­be­droh­li­che Risko einer Lun­gen­em­bo­lie ber­gen. Nein, auch die Lun­gen­ar­te­ri­en selbst schie­nen bei den Pati­en­ten mit töd­li­chem Ver­lauf eine hohe Gerin­nungs­be­reit­schaft aufzuweisen.

Bis zum Mai 2020 setz­te sich dann die Erkennt­nis durch, dass die Schwie­rig­keit, kri­ti­sche Pati­en­ten kor­rekt zu beatmen – sie also mit dem lebens­not­wen­di­gen Sauer­stoff zu ver­sor­gen – eben genau dar­in begrün­det lag, dass die Arte­ri­en in der Lun­ge durch Blut­ge­rinn­sel „ver­stop­fen“. Und nicht nur dort soll­ten sich Gerinn­sel fin­den: Denn COVID-19 ver­ur­sacht auch in allen ande­ren Gefä­ßen Throm­ben – mit nicht weni­ger dra­ma­ti­schen Folgen.[1]

Thrombosen vorbeugen – auch im ambulanten Bereich

Throm­bo­sen in den Schlag­adern füh­ren bei­spiels­wei­se zum Herz­in­farkt, wenn sie in den Koro­nar­ge­fä­ßen auf­tre­ten, oder zum , wenn sie in den Schlag­adern des Kop­fes auf­tre­ten. Die Vor­beu­gung gegen die­se Form der erfolgt mit soge­nann­ten Aggre­ga­ti­ons­hem­mern, zu deren wohl bekann­tes­ter Ver­tre­ter die Ace­tyl­sa­li­cyl­säu­re (ASS), wie zum Bei­spiel Aspi­rin®, zählt.

Zur Ver­mei­dung von venö­sen Throm­bo­em­bo­lien (VTE) wer­den in Kran­ken­häu­sern regel­mä­ßig Hepa­rin-Injek­tio­nen ver­ab­reicht. Einen Zusam­men­hang zwi­schen der Gabe von Hepa­rin und COVID-19 zeig­te sich bereits zum Zeit­punkt des Aus­bruchs im chi­ne­si­schen Wuhan. Dort wur­de auf den Inten­siv­sta­tio­nen fest­ge­stellt, dass sich die Sterb­lich­keits­ra­te bei schwerst­kran­ken Pati­en­ten unter der Gabe von Hepa­rin (in Pro­phy­la­xe­do­sie­rung) ver­rin­gern ließ – von 60 % (ohne Hepa­rin) run­ter auf 42 % (mit nied­rig dosier­tem Heparin).

Bereits im April hat in Deutsch­land die Gesell­schaft für und Hämostase­for­schung (GTH) die Emp­feh­lung aus­ge­spro­chen, bei Coro­na-Infi­zier­ten auch im ambu­lan­ten Bereich groß­zü­gig Hepa­rin einzusetzen:

„Bei allen Pati­en­ten mit gesi­cher­ter SARS-CoV-2-Infek­ti­on soll­te die Indi­ka­ti­on zur medi­ka­men­tö­sen VTE-Pro­phy­la­xe mit NMH unab­hän­gig von der Not­wen­dig­keit einer Hos­pi­ta­li­sie­rung fort­lau­fend geprüft und groß­zü­gig gestellt wer­den.“ (NMH = nie­der­mo­le­ku­la­res Heparin).[2]

In die­sem Zusam­men­hang nimmt die Emp­feh­lung der wich­tigs­ten deut­schen Gesell­schaft für Gerin­nungs­er­kran­kun­gen bei­na­he schon den Cha­rak­ter einer Leit­li­nie ein. Dem­ge­gen­über bezieht sich als ein­zi­ge Leit­li­nie der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­sen­schaft­li­chen Medi­zi­ni­schen Fach­ge­sell­schaf­ten (AWMF) die Leit­li­nie „Neu­es Coro­na­vi­rus – Infor­ma­tio­nen für die haus­ärzt­li­che Pra­xis“, ver­fasst von der Deut­schen Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin und Fami­li­en­me­di­zin (DEGAM), auf ambu­lan­te Pati­en­ten (sprich, sol­che vor einem sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt). Dar­in wird als ein­zi­ges Medi­ka­ment Hepa­rin emp­foh­len, und zwar bei Pati­en­ten mit Risi­ko­fak­to­ren, wie Adi­po­si­tas, Alter und vie­len Krankheiten.[3] Aller­dings soll­te die­ser Zusam­men­hang in Stu­di­en belegt wer­den, so for­dert es auch die UIA (Uni­on inter­na­tio­nal de Angio­lo­gie, Inter­na­tio­na­le Ver­ei­ni­gung der Angio­lo­gen), als höchs­tes Gre­mi­um der Inter­nis­ten, die sich mit Gefä­ßen und ihren Erkran­kun­gen befas­sen, im September:

„The use of low mole­cu­lar weight hepa­rin in ear­ly sta­ge of the dise­a­se could pre­vent vascu­lar com­pli­ca­ti­ons and redu­ce the pro­gres­si­on to seve­re sta­ge of the disease.“[4]

Stu­di­en zur Wirk­sam­keit von ASS[5,6,7] und Heparin[8] zur Sen­kung der Todes­ra­te gibt es bereits, aller­dings nur bei Pati­en­ten im Kran­ken­haus, die bereits schwer krank sind. Wenn Hepa­rin nach der sta­tio­nä­ren Auf­nah­me mit bereits vor­lie­gen­der Luft­not ver­ab­reicht wur­de, wird die Ster­be­ra­te cir­ca um ein Drit­tel gesenkt. Hepa­rin gehört des­halb inter­na­tio­nal zum Stan­dard der Behand­lung von Pati­en­ten mit Coro­na in kri­ti­schen Phasen.

Zur Autorin: Dr. med. Eri­ka Men­do­za ist Gene­ral­se­kre­tä­rin und Mit­glied im Vor­stand der Deut­schen Gesell­schaft für (DGP), Vor­sit­zen­de der Deut­schen Gesell­schaft für CHIVA sowie Begrün­de­rin und Vor­sit­zen­de des Wund­net­zes Han­no­ver West.

[1] Klok FA, Kruip MJHA, Arbous MS, Gom­mers DAMPJ, Kant KM, Kap­tein FHJ, van Paas­sen J, Stals MAM, Huis­man MV, Ede­man MV (2020): Inci­dence of throm­bo­tic com­pli­ca­ti­ons in cri­ti­cal­ly ill ICU pati­ents with COVID-19. In: Thromb Res 191, S. 145–147. DOI: 10.1016/j.thromres.2020.04.013.

[2] GTH (2020): Aktua­li­sier­te Emp­feh­lun­gen zur bei SARSCoV‑2 (COVID-19) vom 21. 4. 2020. Ver­füg­bar unter: bit.ly/2KeiLk2 [11. 2. 2020].

[3] DEGAM (2020): Neu­es Coro­na­vi­rus (SARS-CoV‑2) – Infor­ma­tio­nen für die haus- ärzt­li­che Pra­xis. S1-Leit­li­nie, Stand vom 23. 11. 2020. AWMF-Regis­ter-Nr. 053–054, S. 28.

[4] Cos­tan­zo L, Fail­la G, Anti­gna­ni PL, Fareed J, Gu Y, Pitha J, Alui­gi L, Karplus T, Man­silha A (2020): The Vascu­lar Side of COVID-19 Dise­a­se. Posi­ti­on paper of the Inter­na­tio­nal Uni­on of Angio­lo­gy. In: Int Angi­ol 2020 Sep 7. DOI: 10.23736/S0392- 9590.20.04539–3.

[5]Belcaro G, Cor­si M, Ces­a­ro­ne MR, Cor­nel­li U, Cotel­le­se R, Feragal­li B, Hu S (2020): Throm­bo-pro­phy­la­xis pre­vents throm­bo­tic events in home-mana­ged COVID pati- ents. A regis­try stu­dy. In: Miner­va Med 111 (4), S. 366–368. DOI: 10.23736/S0026- 4806.20.06688–4.

[6]Casini A, Alberio L, Ange­lil­lo-Scher­rer A, Fon­ta­na P, Ger­ber B, Graf L, Hege­mann I, Kor­te W, Kre­mer HJ, Lecomp­te T, Mar­ti­nez M, Nag­ler M, Studt J‑D,Tsakiris D, Wuil­le- min W, Asmis LM, Working Par­ty on Hemo­sta­sis of the Swiss Socie­ty of Hema­to­lo­gy (2020): Sug­ges­ti­ons for throm­bo­pro­phy­la­xis and labo­ra­to­ry moni­to­ring for in-hos­pi- tal pati­ents with COVID-19. In: Swiss Med Wkly 150:w20247.

[7]Chow J, Khan­na AK, Kethired­dy S, Yama­ne D, Levi­ne A, Jack­son AM, McCur­dy MT, Taba­ta­bai A, Kumar G, Park P, Ben­jenk I, Men­aker J, Ahmed N, Gli­de­well E, Pre­sut­to E, Cain S, Hari­da­sa NB, Field W, Fow­ler J, Trinh, D, John­son KN, Kaur A, Lee AB, Sebas­ti­an K, Ulrich A, Peña S, Car­pen­ter R, Sudha­kar S, Uppal P, Fede­les BT, Sachs A, Dah­bour L, Tee­ter W, Tana­ka K, Gal­va­g­no SM, Herr DL, Sca­lea, TM, Mazz­ef­fi MA (2020): Aspi­rin Use is Asso­cia­ted with Decre­a­sed Mecha­ni­cal Ven­ti­la­ti­on, ICU Admis- sion, and In-Hos­pi­tal Mor­ta­li­ty in Hos­pi­ta­li­zed Pati­ents with COVID-19. In: Anesthe­sia & Anal­ge­sia Octo­ber 21, 2020. DOI: 10.1213/ANE.0000000000005292.

[8] Nad­kar­ni GN, Lala A, Bagiel­la E, Chang HL, More­no PR, Puja­das E, Arvind V, Bose S, Charney AW, Chen MD, Cor­don-Car­do C, Dunn AS, Fark­o­uh ME, Glicks­berg BS, Kia A, Koh­li-Seth R, Levin MA, Timsi­na P, Zhao S, Fayad ZA, Fus­ter V (2020): Anti­coagu- lati­on, Blee­ding, Mor­ta­li­ty, and Patho­lo­gy in Hos­pi­ta­li­zed Pati­ents With COVID-19. In: J Am Coll Car­di­ol 76 (16), S. 1815–1826. DOI: 10.1016/j.jacc.2020.08.041.