Am zweiten Tag der Veranstaltung standen das Anerkennungsgesetz, Chefarzt-Boni, barrierefreie Versorgung und das Patientenrechtegesetz auf der Agenda.
Am zwei­ten Tag der Ver­an­stal­tung stan­den das Aner­ken­nungs­ge­setz, Chef­arzt-Boni, bar­rie­re­freie Ver­sor­gung und das Pati­en­ten­rech­te­ge­setz auf der Agen­da.Stif­tung Gesund­heit

Ein­füh­rend gab Rechts­an­walt Dr. Paul Harn­eit einen Über­blick über das Ver­sor­gungs­struk­tur­ge­setz. Der Spe­zia­list im Ver­trags­arzt­recht ver­knüpf­te instruk­tiv die sich durch das Gesetz erge­ben­den Neue­run­gen mit dem bestehen­den Sys­tem des SGB V. Mit dem Schwer­punkt spe­zi­al­fach­ärzt­li­cher Ver­sor­gung nach § 116b SGB V befass­te sich Rechts­an­walt Dr. Roland Flas­barth. Sowohl die anwe­sen­den Ärz­te als auch Ver­tre­ter von Kran­ken­häu­sern und Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen dis­ku­tier­ten aus­führ­lich die Gren­zen und Mög­lich­kei­ten des neu­en Sys­tems.

Wei­te­re Vor­trä­ge behan­del­ten die Ansprü­che an foren­si­sche Gut­ach­ten und deren Behand­lung durch Gericht und Schlich­tungs­stel­le: Rechts­an­walt Jörg F. Heyne­mann erör­ter­te die im anwalt­li­chen All­tag ent­ste­hen­den prak­ti­schen Pro­ble­me bei der Aus­wer­tung von Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten. Er bemän­gel­te, dass die Beur­tei­lung eines Sach­ver­hal­tes häu­fig nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt wer­de. Dane­ben ist häu­fig zu bekla­gen, dass Sach­ver­stän­di­ge sich nicht mit den an sie gestell­ten Beweis­fra­gen aus­ein­an­der­set­zen oder den Schwer­punkt ihrer Aus­füh­run­gen auf Sach­ver­halts­ele­men­te legen, die für die Ent­schei­dung des Gerichts nicht erheb­lich sind.

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Die­se Pro­ble­ma­tik wur­de von Hart­mut Schnei­der, Vize­prä­si­dent und lang­jäh­ri­ger Vor­sit­zen­der Rich­ter der Arzt­haf­tungs­kam­mer am LG Lübeck, auf­ge­nom­men. Er beschrieb, wie er den Ver­such unter­nom­men hat, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Sach­ver­stän­di­gen zu ver­bes­sern, um gleich­zei­tig die Ver­fah­rens­dau­er zu begren­zen. Schnei­der begrün­de­te die von ihm ange­wand­te Metho­de der erst­ma­li­gen Anhö­rung der Sach­ver­stän­di­gen im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung aus­führ­lich und pries sie als Mit­tel, das Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit auf Sei­ten des Pati­en­ten zu behe­ben. Die­se Auf­fas­sung wur­de ins­be­son­de­re von den anwe­sen­den Pati­en­ten­ver­tre­tern nicht geteilt.

Dr. Rolf Koschor­rek wies in sei­nem Vor­trag nach­drück­lich dar­auf hin, dass der Pfle­ge­be­darf auf­grund der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung erheb­lich stei­gen wer­de und allei­ne durch Inlän­der nicht gedeckt wer­den könn­te. Der Obmann der Uni­ons­frak­ti­on im Gesund­heits­aus­schuss des Bun­des­ta­ges wür­dig­te die Bemü­hun­gen, für eine bes­se­re Aus­bil­dung im Pfle­ge­be­reich Sor­ge zu tra­gen, ver­trat gleich­zei­tig aber die Auf­fas­sung, dass die Pfle­ge­be­ru­fe nicht aka­de­mi­siert wer­den dürf­ten. Koschor­rek rief den G‑BA auf, Modell­vor­ha­ben nach § 63 Absatz 3c SGB V zügi­ger umset­zen zu las­sen und wei­te­re Model­le (mit-) zu ent­wi­ckeln, um die pfle­ge­ri­sche Ver­sor­gung sek­to­ren­über­schrei­tend effek­ti­ver zu gestal­ten. Mit der Dog­ma­tik von Haf­tung und im Pfle­ge­be­reich befass­te sich Rechts­an­walt Dr. Mid­den­dorf aus Hamm, des­sen Vor­trag von Frau Nadi­ne-Miche­le Sze­pan, Lei­te­rin der Abtei­lung Pfle­ge des AOK Bun­des­ver­ban­des, bezüg­lich der Fol­gen der -Über­tra­gungs­richt­li­nie ergänzt wur­de.

Am Nach­mit­tag dis­ku­tier­te Karl-Die­ter Möl­ler, ehe­mals Lei­ter der ARD-Rechts­re­dak­ti­on, mit Prof. Dr. Kon­rad Ober­mann und Wolf­gang Frahm, Vor­sit­zen­der Rich­ter am OLG Schles­wig, die haf­tungs­recht­li­che Pro­ble­ma­tik im Bereich der Hygie­ne. Prof. Dr. Ober­mann hat­te zuvor dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Groß­teil der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te nach sta­tis­ti­scher Erhe­bung nicht davon aus­geht, opti­ma­le Hygie­never­hält­nis­se vor­zu­hal­ten, gleich­zei­tig aber kei­nen Hand­lungs­be­darf sieht. Die­se erstaun­li­che Grund­hal­tung fin­det im gel­ten­den Recht ihre Bestä­ti­gung: Der Pati­ent hat kei­nen Anspruch dar­auf, dass ihm der Hygie­ne­plan einer Arzt­pra­xis zur Ver­fü­gung gestellt wird. Er muss aber bewei­sen, dass er sich eine Infek­ti­on mit einem bestimm­ten Erre­ger gera­de in die­ser Pra­xis zuge­zo­gen hat. Dies wird in den meis­ten Fäl­len nicht mög­lich sein.

Zu Beginn des 2. Tages dis­ku­tier­ten der Lübe­cker Rechts­an­walt Dr. Motz sowie Dr. Klug, Geschäfts­füh­rer des VIA-Insti­tut für Bil­dung und Beru­fe in Nürn­berg, die recht­li­chen Hin­ter­grün­de und prak­ti­schen Aus­wir­kun­gen des im April in Kraft getre­te­nen Aner­ken­nungs­ge­set­zes.

Mit „öko­no­mi­schen Fehl­an­rei­zen“ in Chef­arzt­ver­trä­gen setz­te sich Ste­fa­nie Gehr­lein, Jus­ti­zia­rin des Mar­bur­ger Bun­des, aus­ein­an­der. Sie wies dar­auf hin, dass eine Ein­schrän­kung der zu befürch­ten sei, wenn Chef­ärz­te mit­tels Men­gen­steue­rung die Höhe ihres Ein­kom­mens bestim­men kön­nen (und letzt­lich auch müs­sen).

Wunsch und Wirk­lich­keit bar­rie­re­frei­er Ver­sor­gung waren das The­ma von Ulri­ke Eis­ner, Ver­tre­te­rin des Vor­stan­des des Ver­bands der Ersatz­kas­sen. Obwohl § 17 Absatz 1 Zif­fer 4 SGB I bestimmt, dass alle Leis­tungs­trä­ger – also auch Ver­trags­ärz­te – dar­auf hin­wir­ken sol­len, dass Dienst­leis­tun­gen bar­rie­re­frei erbracht wer­den, sieht die Rea­li­tät häu­fig anders aus: Es besteht kein Anspruch dar­auf, dass Pra­xen bar­rie­re­frei gestal­tet wer­den.

Zum Ende ana­ly­sier­te Rechts­an­walt Prof. Dr. Die­ter Hart, lang­jäh­ri­ger Lei­ter des Insti­tuts für Gesund­heits- und Medi­zin­recht der Uni­ver­si­tät Bre­men, das Pati­en­ten­rech­te­ge­setz in sei­ner jet­zi­gen Form. Damit wer­de immer­hin eine Siche­rung des Sta­tus quo erreicht. Dies kön­ne aller­dings dazu füh­ren, dass die Dyna­mik des Medi­zin­rechts in sei­ner Ent­wick­lung durch die Recht­spre­chung beein­träch­tigt wer­de. Zudem blei­be zu hof­fen, dass die Ein­rich­tung eines Pati­en­ten­ent­schä­di­gungs­fonds nach dem Bei­spiel Öster­reichs noch in das Gesetz inte­griert wer­de.

Die abschlie­ßen­de Dis­kus­si­on wur­de von Karl-Die­ter Möl­ler fach­kun­dig gelei­tet. Ein Groß­teil der Teil­neh­mer tausch­te sich auch nach Ver­an­stal­tungs­en­de noch zu ein­zel­nen The­men­be­rei­chen aus. Ins­ge­samt ein hoch infor­ma­ti­ver, unter­halt­sa­mer Deut­scher Medi­zin­rechts­tag, der Gewinn aus dem inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­tausch zwi­schen Medi­zi­nern und Juris­ten gezo­gen hat.