Interview mit Dr. Anya Miller: Alles über Lymphödeme

Dr. Anya Mil­ler ist Fach­ärz­tin für Haut- und Geschlechts­krank­hei­ten und Exper­tin in den Berei­chen All­er­go­lo­gie, Phle­bo­lo­gie und Lym­pho­lo­gie. Als Prä­si­den­tin der Deut­schen Gesell­schaft für Lym­pho­lo­gie hat Frau Dr. Mil­ler mit Rechts­de­pe­sche-Redak­teur Hen­ning Roes­ner über die Ent­ste­hung, Behand­lung und Fol­gen von Lymphö­de­men gesprochen.

Schau­en Sie sich hier das Inter­view in vol­ler Län­ge an:

YouTube

Mit dem Laden des Vide­os akzep­tie­ren Sie die Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.
Mehr erfah­ren

Video laden

Die Fragen des Interviews im Überblick

  • (Min. 0:20) Was ist ein Lymphö­dem und wie erken­ne ich ein Lymphödem?
  • (Min. 4:03) Ist ein Lymphö­dem schmerzhaft?
  • (Min. 5:08) Wie gefähr­lich ist ein Lymphö­dem und wel­che Fol­gen kön­nen auftreten?
  • (Min. 6:55) Ist ein Lymphö­dem heilbar?
  • (Min. 8:40) An wel­che Ärz­te kann ich mich wen­den und wie wird ein Lymphö­dem behandelt?
  • (Min. 15:03) Wel­che Mög­lich­kei­ten habe ich zur Prä­ven­ti­on im Alltag?

Wie erkenne ich ein Lymphödem?

Öde­me sind – ein­fach gesagt – Schwel­lun­gen, die über­all am mensch­li­chen Kör­per auf­tre­ten kön­nen. Sie tre­ten beson­ders häu­fig an den Kör­per­ex­tre­mi­tä­ten oder auch im Brust­korb­be­reich auf.

Bei einem Lymphö­dem han­delt es sich um eine Flüs­sig­keits­an­samm­lung im Gewe­be, die durch eine Insuf­fi­zi­enz des Lymph­ge­fäß­sys­tems her­vor­ge­ru­fen wird. Das bedeu­tet, dass die Flüs­sig­keit im Zell­ge­we­be nicht mehr über die Lymph­ge­fä­ße abtrans­por­tiert wer­den kann. Es kommt zur Schwellung.

Die Dia­gno­se eines Lymphö­dems hängt auch stark von der Ana­mne­se ab. Zunächst wird der Pati­ent oder die Pati­en­tin befragt, wo, seit wann und wel­che Schwel­lun­gen da sind. Ein Lymphö­dem kann sowohl ange­bo­ren sein (pri­mär) als auch spä­ter im Leben eines Men­schen auf­tre­ten (sekun­där).

Typi­scher­wei­se tre­ten Lymphö­de­me nach Krebs-Ope­ra­tio­nen auf, wenn in die­sem Zuge die Lymph­kno­ten ent­nom­men wer­den. Eben­falls häu­fig ist das Auf­kom­men eines Lymphö­dems nach Ver­let­zun­gen, zum Bei­spiel beim Sport. Ein ange­bo­re­nes Lymphö­dem macht sich bereits bei Säug­lin­gen bemerk­bar, bei­spiels­wei­se an geschwol­le­nen Bei­nen oder Füßen.

Oft­mals geht ein Lymphö­dem mit einem unan­ge­neh­men, drü­cken­den Gefühl an der geschwol­le­nen Stel­le ein­her. Im Lau­fe der Zeit wird bei einem Lymphö­dem die Haut dicker und fest, qua­si ein wenig „pan­zer­ar­tig“. Es kommt also zu Ver­än­de­run­gen an der Haut. Bei­spiel­haft hier­für sind die Zehen, die bei einer Erkran­kung am Fuß häu­fig etwas „kas­ten­för­mig“ aussehen.

Wei­te­re Fol­gen eines Lymphö­dems sind klei­ne Zys­ten an der Haut­stel­le, also die Bil­dung klei­ne­rer Bläs­chen. All dies sind Anzei­chen dafür, dass es sich bei einer Schwel­lung um ein Lymphö­dem handelt.

Ist ein Lymphödem schmerzhaft?

Ein Lymphö­dem ist erst ein­mal nur in sel­te­nen Fäl­len wirk­lich schmerz­haft. Viel­mehr ent­steht durch das Ödem ein Druck­ge­fühl, dadurch dass die Extre­mi­tät dau­er­haft gespannt ist.

Tritt ein Lymphö­dem jedoch um die Hand- oder Fuß­ge­len­ke auf, führt die Haut­ver­di­ckung dazu, dass das Gelenk nicht mehr rich­tig bewegt wer­den kann. Dies kann mit­un­ter sehr schmerz­haft sein.

Bei einer ande­ren Ödem-Form, dem soge­nann­ten Lipö­dem, sieht das schon wie­der ganz anders aus. Hier­bei ist der gro­ße Schmerz das füh­ren­de Symptom.

Wie gefährlich ist ein Lymphödem?

Lymphö­de­me sind per se eigent­lich nicht gefähr­lich. Wie auch beim Schmerz sind es die Fol­gen, die durch­aus Gefah­ren aufweisen. 

Wird die Haut durch das Lymphö­dem „pan­zer­ar­tig“, so kann es pas­sie­ren, dass die Immun­ab­wehr an der ent­spre­chen­den Stel­le stark geschwächt wird. Klei­ne Ver­let­zun­gen oder Wun­den kön­nen somit leich­ter in Ent­zün­dun­gen im Unter­haut­fett­ge­we­be füh­ren, die mit Anti­bio­ti­ka behan­delt wer­den müssen.

In sel­te­nen Fäl­len bringt ein Lymphö­dem auch das Risi­ko einer bös­ar­ti­gen Ent­ar­tung mit sich, soge­nann­te Angio­sar­ko­me. Hier­bei kommt es zu plötz­li­chen, Blut­ergüs­sen ähneln­den Fle­cken auf der Haut. In sol­chen Fäl­len gilt es zu prü­fen, ob zusätz­lich zum Lymphö­dem eine wei­te­re Beschwer­de oder Erkran­kung vorliegt.

Ist ein Lymphödem heilbar?

Die Heil­bar­keit eines Lymphö­dems hängt von der Ursa­che der Erkran­kung ab:

Bei pri­mä­ren, also ange­bo­re­nen Lymphö­de­men sind die­se in der Regel ein Leben lang vor­han­den. Grund dafür ist, dass das Lymph­ge­fäß­sys­tem vor der Geburt im Mut­ter­leib nicht rich­tig ent­wi­ckelt wor­den ist.

Bei einem sekun­dä­ren Lymphö­dem, wel­ches bei­spiels­wei­se nach einer Ver­let­zung ent­stan­den ist, kann der Zustand durch eine Ope­ra­ti­on mög­li­cher­wei­se ver­bes­sert wer­den. Jedoch bleibt in die­sem Fall eine Nar­be im Lymph­ge­fäß­sys­tem und es besteht ein erhö­tes Risi­ko für zukünf­ti­ge Schwellungen.

Die Aus­nah­me: Kur­ze Schwel­lun­gen nach Ver­let­zun­gen, wie einem leich­ten Umkni­cken beim Lau­fen, fal­len auch unter die Kate­go­rie Lymphö­dem, gehen im Nor­mal­fall nach eini­ger Zeit jedoch wie­der weg. Jedoch ist auch dann das Risi­ko für wei­te­re Schwel­lun­gen höher als vorher.

Han­delt es sich also um ein „schwe­re­res“ Lymphö­dem, ist die­ses meis­tens lebens­lang bestän­dig.

Welche Ärzte behandeln Lymphödeme?

Bei der The­ra­pie eines Lymphö­dems steht aktu­ell ein gro­ßes Pro­blem im Vor­der­grund: Die meis­ten Ärz­te wis­sen laut Frau Dr. Mil­ler zu wenig über das Lymphö­dem – obwohl es jeder Arzt erken­nen und behan­deln kön­nen soll­te. Das Ärz­te­stu­di­um umfas­se den Bereich der Lym­pho­lo­gie kaum. Die Fach­be­zeich­nung „Lym­pho­lo­ge / Lym­pho­lo­gin“ gibt es nicht.

Eine Wei­ter­bil­dung durch Kur­se oder Tagun­gen wäre jedoch für vie­le Ärz­te nötig. Zumin­dest in der Phle­bo­lo­gie-Aus­bil­dung wer­de das The­ma mitt­ler­wei­le umfas­sen­der behandelt.

In Deutsch­land gibt es eine klei­ne Grup­pe von Ärz­ten, die das Pro­blem erkannt hat und sich zuneh­mend mit dem Bereich Lym­pho­lo­gie aus­ein­an­der­setzt. Dazu zäh­len All­ge­mein­me­di­zi­ner, Inter­nis­ten, Gynä­ko­lo­gen und vor allem die Der­ma­to­lo­gen.

Das Pro­blem lie­ge laut Frau Dr. Mil­ler dar­in, dass durch die Ana­mne­se vor der Dia­gno­se sehr genau hin­ge­schaut und hin­ge­hört wer­den muss, die Unter­su­chun­gen also sehr viel Zeit bean­spru­chen. Man müs­se sich den Ver­lauf und die Ent­wick­lung der Schwel­lung immer wie­der anschau­en und die Mes­sun­gen aktua­li­sie­ren. Für die­sen Auf­wand gäbe es zudem nur schwa­che Löh­ne. Natür­lich sei es dann ein­fa­cher zu sagen, das sol­le jemand ande­res über­neh­men, so Frau Dr. Miller.

In Deutsch­land lei­den knapp 2 Mil­lio­nen Men­schen an einem Lymphö­dem und des­sen Fol­gen, die zumeist unter­ver­sorgt sind.

Wie kann man Lymphödeme therapieren?

Die Behand­lung eines Lymphö­dems fußt grund­sätz­lich auf fünf Säulen:

  1. Manu­el­le Lymph­drai­na­ge: Hier­bei han­delt es sich um eine spe­zi­el­le Mas­sa­ge­tech­nik, die Phy­sio­the­ra­peu­ten als Zusatz­qua­li­fi­ka­ti­on erler­nen. Die Haut­ober­flä­che wird so bewegt und die Lym­phe in bestimm­te Rich­tun­gen gedrückt, dass der Lymph­ab­fluss ange­regt wird. Dies erfor­dert jedoch viel Fein­ge­fühl und soll­te nur von Pro­fis durch­ge­führt werden.
  2. Kom­pres­si­on: Eine Lymph­drai­na­ge hält bis zu vier Stun­den. Damit das Lymph­ge­fäß nicht wie­der voll­läuft, muss von außen dage­gen­ge­drückt wer­den. Zunächst geschieht dies mit spe­zi­el­len Kom­pres­si­ons­ban­da­gen, die zwi­schen den The­ra­pie­sit­zun­gen auf der Haut blei­ben müs­sen. Hilft dies nicht, kom­men spe­zi­el­le, indi­vi­du­ell ange­pass­te Kom­pres­si­ons­strümp­fe zum Ein­satz. Die­se hal­ten das Bein schlank und durch die Bewe­gung arbei­tet das Gewe­be weiter.
  3. Bewe­gung: Durch zusätz­li­che Bewe­gung kann man bewir­ken, dass durch die Mus­kel­ar­beit auch von „innen“ gegen das Lymph­ge­fäß gedrückt wird. Dies sorgt für eine zusätz­li­che Anre­gung des Flüssigkeit-Abtransports.
  4. Haut­pfle­ge: Die Haupt­funk­ti­on der Haut­ober­flä­che ist die Immun­ab­wehr. Die­se wird durch das Lymphö­dem gestört. Des­halb ist eine gute Pfle­ge der Haut bei der The­ra­pie ele­men­tar wich­tig, um die Abwehr­funk­ti­on der Haut zu erhalten.
  5. Selbst­ma­nage­ment: „Der Pati­ent soll so viel wie mög­lich sel­ber wis­sen und behan­deln kön­nen“, so Frau Dr. Mil­ler. Die Behand­lung eines Lymphö­dems sei eine Team­ar­beit. Mit einem Team aus Phy­sio­the­ra­peu­ten, Ärz­ten und dem Pati­en­ten selbst kann eine gute Behand­lung des Lymphö­dems gelingen.

Pra­xis­tipp: Zur Prä­ven­ti­on vor einem Lymphö­dem hilft sport­li­che Betä­ti­gung. Fit­te und schlan­ke Men­schen sind nach­weis­lich deut­lich weni­ger anfäl­lig für Öde­me als zum Bei­spiel Men­schen mit Über­ge­wicht. Die Gewichts­re­duk­ti­on ist des­halb eben­falls ein wich­ti­ger Aspekt der Therapie.