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Der Drang zur Selbst­stän­dig­keit ist bei vie­len Medi­zi­nern etwas abge­klun­gen. Eine stär­ke­re Ver­ein­bar­keit von Fami­lie, Frei­zeit und Beruf spielt eine Rol­le bei der Ent­schei­dung.Vik­tor Gladkov/Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Trend zu Anstellung und Teilzeit

Es ist zwar immer noch der Wunsch vie­ler Medi­zi­ner, Pati­en­ten in der eige­nen Pra­xis zu behan­deln, gleich­zei­tig hält der Trend – vor allem unter jun­gen Medi­zi­nern – zu Anstel­lun­gen und Teil­zeit an.

Lan­ge Zeit war die klas­si­sche Berufs­form der per­sön­lich in „frei­er Pra­xis“ nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te in der ambu­lan­ten ärzt­li­chen Ver­sor­gung weit­hin alter­na­tiv­los. Wer als Arzt ambu­lant tätig sein woll­te, muss­te – von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen – selbst­stän­di­ger Unter­neh­mer wer­den. Wäh­rend im Kran­ken­haus prak­tisch alle Ärz­te als Ange­stell­te tätig sind, war dies in der ambu­lan­ten ärzt­li­chen Ver­sor­gung lan­ge Zeit nicht mög­lich.

Das Ver­trags­arzt­rechts­än­de­rungs­ge­setz erwei­ter­te zum 1. Janu­ar 2007 die Mög­lich­kei­ten, Ärz­te in Pra­xen anzu­stel­len. Seit­dem dür­fen Ver­trags­ärz­te Ärz­te („deren Anzahl nicht mehr num­me­risch begrenzt ist“) in Voll­zeit oder Teil­zeit („dienst­ver­trag­lich fle­xi­bel gestal­tet“) auch aus ande­ren Fach­ge­bie­ten anstel­len. Eine Beson­der­heit liegt dar­in, dass das Leis­tungs­spek­trum erwei­tert wer­den kann. Besitzt der Ange­stell­te ande­re Qua­li­fi­ka­tio­nen, so kön­nen die­se nach Geneh­mi­gung ange­bo­ten wer­den.

Im Jahr 2015 stieg die Anzahl der im ambu­lan­ten Bereich ange­stell­ten Ärz­te um 3.066 auf 29.373. Dies ent­spricht einem Plus von 11,7 Pro­zent. Ihre Zahl hat sich damit seit 2005 mehr als ver­drei­facht – 8.546 waren es damals. Die Zahl der Ärz­te mit eige­ner Pra­xis ging 2015 um 0,7 Pro­zent (um 908 auf 120.733) zurück [vgl. Ergeb­nis­se der Ärz­te­sta­tis­tik der Bun­des­ärz­te­kam­mer (BÄK) zum 31. Dezem­ber 2015].

Vielfältige Gründe

Die Grün­de für die­se Ent­wick­lung sind viel­fäl­tig: Eine abneh­men­de Bereit­schaft, die unter­neh­me­ri­schen Risi­ken der Selbst­stän­dig­keit (z. B. hohe Inves­ti­tio­nen, wenig Pla­nungs­si­cher­heit durch schnel­le Abfol­ge von Gesund­heits­re­for­men, Hono­rar­si­tua­ti­on, „Bedro­hung“ durch Regres­se) ein­zu­ge­hen, dürf­te die Haupt­mo­ti­va­ti­on sein. Denn im Ergeb­nis ist der Ver­gü­tungs­ab­stand zwi­schen einer selbst­stän­di­gen und einer ange­stell­ten Arzt­tä­tig­keit auch nicht mehr so groß, dass dies Grund für eine eige­ne Pra­xis wäre.

Vie­le Medi­zi­ner scheu­en (zunächst) auch den büro­kra­tisch-orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand, den eine Pra­xis­grün­dung oder ‑über­nah­me bedeu­tet. Sie ent­schei­den sich des­halb ganz bewusst für die Arbeit als Ange­stell­ter, um sich in Ruhe und aus der zwei­ten Rei­he her­aus anzu­schau­en, was die Nie­der­las­sung so alles mit sich bringt. Der Weg­fall arzt­frem­der Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten bie­tet ange­stell­ten Ärz­ten außer­dem die Mög­lich­keit, sich stär­ker auf medi­zi­ni­sche Auf­ga­ben zu kon­zen­trie­ren. Die all­ge­mei­nen gesetz­li­chen Rege­lun­gen zu Mut­ter­schutz, Eltern­zeit und Eltern­geld, Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall oder Min­dest­ur­laub usw. für Ange­stell­te tun ihr Übri­ges.

Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf hat hohe Priorität

Zudem ver­schie­ben sich auch bei (jun­gen) Medi­zi­nern die per­sön­li­chen Prio­ri­tä­ten: Das Fami­li­en­mo­dell, in dem bei­de Part­ner arbei­ten und sich um die Fami­lie küm­mern, ist spe­zi­ell unter Aka­de­mi­kern weit­ver­brei­tet. Dar­über hin­aus gewinnt – jen­seits von Fami­li­en­grün­dung und Kin­der­er­zie­hung – die indi­vi­du­el­le Frei­zeit (Stich­wor­te: Freun­de und Hob­bys) wei­ter an Bedeu­tung. Des­halb wün­schen sich, ins­be­son­de­re jun­ge Medi­zi­ner eine stär­ke­re Ver­ein­bar­keit von Fami­lie, Frei­zeit und Beruf.

Im Sin­ne einer fami­li­en­ge­rech­ten Work-Life-Balan­ce ent­schei­den sich immer mehr gegen eine Voll­zeit­stel­le. Betrug der Anteil der Ärz­te in Teil­zeit an allen nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten im Jahr 2009 noch fünf Pro­zent, so waren es im Jahr 2013 bereits 13,6 Pro­zent. Einer Stu­die des For­schungs­in­sti­tuts Pro­gnos zufol­ge sank die tat­säch­lich geleis­te­te Wochen­ar­beits­zeit der Ärz­te in den Pra­xen von durch­schnitt­lich 42,6 Stun­den im Jahr 2011 auf 40,2 Stun­den im Jahr 2014.

Aber auch bei Voll­zeit­kräf­ten besteht das Bedürf­nis, durch fle­xi­ble, plan­ba­re Arbeits­zei­ten mit einem – zumin­dest begrenzt – eigen­ver­ant­wort­li­chen Gestal­tungs­spiel­raum bei der Ver­tei­lung der Arbeits­zeit Beruf und pri­va­te Inter­es­sen bes­ser in Ein­klang zu brin­gen. Hier pro­fi­tie­ren Ange­stell­te von gere­gel­ten Arbeits­zei­ten ohne oder mit weni­gen Schicht- oder Bereit­schafts­diens­ten.

Bei den gere­gel­ten Arbeits­zei­ten ist Spon­ta­ni­tät in Bezug auf Arbeits­zei­ten häu­fig nur noch not­wen­dig, wenn es zu einem Krank­heits­fall kommt. Dies ist jedoch kei­ne Ein­bahn­stra­ße: Zwar muss man unter Umstän­den kurz­fris­tig ein­sprin­gen, wenn ein Kol­le­ge erkrankt, ande­rer­seits kann man sich auch dar­auf ver­las­sen, bei eige­ner Erkran­kung bzw. Krank­heit in der Fami­lie sei­nen Dienst nicht antre­ten zu müs­sen. Vor allem für Ärz­tin­nen, die klei­ne Kin­der haben, ist dies ein wesent­li­ches Argu­ment, sich für eine Anstel­lung zu ent­schei­den.

Der Frau­en­an­teil unter den ange­stell­ten Ärz­ten ist wohl auch des­halb beson­ders hoch. Aber auch ins­ge­samt ist der Anteil der Ärz­tin­nen an den ambu­lant täti­gen Ärz­ten – nach­dem bereits in den letz­ten Jah­ren deut­li­che Anstie­ge zu ver­zeich­nen waren – im Jah­re 2015 wei­ter gestie­gen; von 42,4 Pro­zent auf 43,2 Pro­zent (vgl. Ergeb­nis­se der Ärz­te­sta­tis­tik der BÄK zum 31. Dezem­ber 2015).

Die­se wei­ter fort­schrei­ten­de Femi­ni­sie­rung der Medi­zin (mehr als 60 Pro­zent der Stu­die­ren­den sind weib­lich) hat die medi­zi­ni­schen Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren und die Berufs- und Arbeits­be­din­gun­gen bereits stark beein­flusst und wird dies auch zukünf­tig wei­ter tun.

Fazit

Die Anzahl ange­stell­ter Ärz­te ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich gestie­gen. Durch die Anstel­lung von Ärz­ten sind sowohl für den anstel­len­den Arzt als auch für den anzu­stel­len­den Arzt attrak­ti­ve Gestal­tungs­mo­del­le rea­li­sier­bar. Gera­de von jun­gen Ärz­ten häu­fig gewünsch­te Sicher­heits- und Fle­xi­bi­li­täts­er­war­tun­gen, um bei­spiels­wei­se Beruf und pri­va­te Inter­es­sen bes­ser in Ein­klang brin­gen zu kön­nen, las­sen sich hier­durch ver­wirk­li­chen. Dies ist vor allem – aber nicht nur – für Ärz­tin­nen ein wesent­li­ches Argu­ment, sich für eine Anstel­lung zu ent­schei­den.