An deren Ende steht das Ergeb­nis: Der Beatmungs­druck ist bei der Erklä­rung der Kom­pli­ka­tio­nen nahe­zu zu ver­nach­läs­si­gen. Im Gegen­teil, ein nied­ri­ge­rer PEEP kann bei Risi­ko­pa­ti­en­ten die intra­ope­ra­ti­ven Kom­pli­ka­tio­nen sogar verringern.

Ein -Ter­min steht an, welt­weit für ins­ge­samt 234 Mil­lio­nen Pati­en­ten pro Jahr. Bei schät­zungs­wei­se drei Mil­lio­nen kommt es zu Kom­pli­ka­tio­nen. Über 300.000 verster­ben im Kran­ken­haus nach einer Ope­ra­ti­on. Obwohl die All­ge­mein­an­äs­the­sie ein sehr siche­res Ver­fah­ren ist, schät­zen vie­le Pati­en­ten die­se fast noch risi­ko­rei­cher als den tat­säch­li­chen Ein­griff ein. Der Kon­troll­ver­lust, das Aus­schal­ten des Schmerz­emp­fin­dens und letzt­end­lich auch die künst­li­che sind alles Extrem­si­tua­tio­nen für den Orga­nis­mus. Fakt ist: je län­ger eine Ope­ra­ti­on dau­ert, des­to grö­ßer ist das Risi­ko für den Patienten. 

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Gera­de Anäs­the­sis­ten sind per­ma­nent damit beschäf­tigt, mög­lichst scho­nen­de Nar­ko­se- und Beatmungs­tech­ni­ken zu ent­wi­ckeln. „Wir haben fest­ge­stellt, dass immer wie­der Kom­pli­ka­tio­nen nach einer auf­ge­tre­ten sind, die gar nichts mit dem eigent­li­chen Ein­griff zu tun haben, viel­mehr auf die wäh­rend der Ope­ra­ti­on zurück­zu­füh­ren sind“, sagt Mar­ce­lo Gama de Abreu, Pro­fes­sor für Trans­la­tio­na­le For­schung in der Anäs­the­sio­lo­gie und Inten­siv­the­ra­pie am Dresd­ner Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum. „Bei man­chen Pati­en­ten ver­klei­ner­te sich das Lun­gen­vo­lu­men, es kam zu Was­ser­ein­la­ge­run­gen, Infek­tio­nen oder Gefä­ße wur­den in Mit­lei­den­schaft gezo­gen.“ Sol­che Befun­de lie­fer­ten meist Pati­en­ten, deren Nar­ko­se län­ger als 2 Stun­den dau­er­te. Das war die Ausgangssituation.

Was jetzt folg­te, war eine gro­ße Fleiß­ar­beit, die Wis­sen­schaft­ler haben vie­le OP-Berich­te aus­ge­wer­tet, Pati­en­ten noch­mals unter­sucht und Kol­le­gen befragt. Es war zunächst kein Anhalts­punkt ersicht­lich, der als Erklä­rung für die­ses Phä­no­men taug­te. Dann kam die Idee: mög­li­cher­wei­se ist der Grund für die post­ope­ra­ti­ven Kom­pli­ka­tio­nen in der Beatmung selbst zu finden.

Bis­lang war es der all­ge­mei­ne Stan­dard, dass Pati­en­ten mit einem Druck von etwa 3 bis 12 cm Was­ser­säu­le beatmet wur­den. Selbst die Instru­men­te an den gän­gi­gen Beatmungs­ge­rä­ten las­sen kaum einen gerin­ge­ren Druck zu. Hin­ter­grund und Ziel die­ser Tech­nik soll es sein, dass wäh­rend der gesam­ten Zeit der Beatmung ein posi­ti­ver Druck in der Lun­ge auf­recht­erhal­ten wird. Davon hat man sich bis­lang ver­spro­chen, dass Lun­gen­area­le phy­si­ka­lisch offen gehal­ten wer­den, die Gas­aus­tausch­flä­che erwei­tert oder güns­tigs­ten­falls kon­stant gehal­ten wird, sich das Ven­ti­la­ti­ons-Per­fu­si­ons-Ver­hält­nis ver­bes­sert und letzt­end­lich eine bes­se­re Sauer­stoff­sät­ti­gung im Blut erfolgt. Dem­ge­gen­über stan­den und ste­hen die Neben­wir­kun­gen, resul­tie­rend aus einem erhöh­ten Druck im Tho­rax, kar­dio­zir­ku­la­to­ri­sche Beein­träch­ti­gun­gen und mög­li­cher­wei­se ein schlech­te­rer Gas­aus­tausch in der Lun­ge. Gera­de bei vor­be­las­te­ten Pati­en­ten mit einer Herz­er­kran­kung, Dia­be­tes, Adi­po­si­tas oder einem Defekt in der Lun­ge kön­nen die Kom­pli­ka­tio­nen nach der OP gra­vie­rend sein. 

In den letz­ten drei Jah­ren wur­den 900 Pati­en­ten dahin­ge­hend unter­sucht, wie sie ihre Beatmung wäh­rend einer Bauch­raum­ope­ra­ti­on ver­kraf­tet haben. An die­ser Stu­die waren 30 Zen­tren in Euro­pa sowie Nord- und Süd­ame­ri­ka betei­ligt. 447 Per­so­nen wur­den mit einem höhe­ren posi­tiv end-expi­ra­to­ri­schen Druck beatmet, kurz PEEP (Posi­ti­ve End-expi­ra­to­ry Pres­su­re) und die Ver­gleichs­grup­pe, bestehend aus 453 Pati­en­ten, mit einem deut­lich nied­ri­ge­rem PEEP. Die „hig­her PEEP-Group“ wur­de mit einem Druck von ca. 12 cm Was­ser­säu­le beatmet und die „lower PEEP-Group“ mit null bis 2 cm Was­ser­säu­le. Das Ergeb­nis kam für Prof. Dr. Mar­ce­lo Gama de Abreu und sei­nem For­schungs­team über­ra­schend: Wur­de bis­lang davon aus­ge­gan­gen, dass ein höhe­rer Beatmungs­druck wäh­rend einer Nar­ko­se mehr Vor­tei­le sichert als Risi­ken birgt, so muss die bis­lang gän­gi­ge Pra­xis neu über­dacht wer­den. Es hat sich her­aus­ge­stellt, dass es zumin­dest bei Bauch­raum­ope­ra­tio­nen an Pati­en­ten ohne Fett­lei­big­keit oder Lun­gen­schä­den gar nicht in ers­ter Linie auf den Beatmungs­druck ankommt. Ein schüt­zen­der Effekt war nicht erkenn­bar. Fast das Gegen­teil stell­te sich her­aus. Die Grup­pe, wel­che mit einem nied­ri­ge­ren Druck beatmet wur­de, hat­te sogar einen sta­bi­le­ren intra­ope­ra­ti­ven Kreislauf. 

Die Dres­de­ner Kli­nik für Anäs­the­sie und Inten­siv­the­ra­pie trug maß­geb­lich zu der Durch­füh­rung der PROV­HI­LO-Stu­die – Pro­tec­ti­ve ven­ti­la­ti­on with high or low
posi­ti­ve end-expi­ra­to­ry pres­su­re -, die im Fach­blatt „The Lan­cet“ publi­ziert wur­de, bei. Aller­dings ist dies längst noch nicht das Ende der For­schungs­ar­beit auf die­sem Gebiet. In den nächs­ten Jah­ren soll unter­sucht wer­den, wel­che Rol­le der Beatmungs­druck bei einer Tho­rax-Ope­ra­ti­on spielt und in wel­chem Aus­maß Pati­en­ten mit Adi­po­si­tas von einem nied­ri­gen PEEP profitieren. 

Ori­gi­nal­bei­trag: „High ver­sus low posi­ti­ve end-expi­ra­to­ry pres­su­re during gene­ral ana­es­the­sia for open abdo­mi­nal sur­ge­ry (PROVHILO tri­al): a mul­ti­cent­re ran­do­mi­sed con­trol­led tri­al. “ In: The Lan­cet 384(9942), S. 495–503