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Exsudatmanagement
Exsudat­ma­nage­mentZeich­nung: Jan Hin­nerk Timm, Hamburg

Zwischen Ebbe und Flut – das Exsudatmanagement

Ver­band­mit­tel bewir­ken ledig­lich eine Sym­ptom­lin­de­rung. Daher geht das Exsudat­ma­nage­ment über Aspek­te der Pro­dukt­aus­wahl hin­aus und zielt pri­mär dar­auf ab, die Wund­be­din­gun­gen zu opti­mie­ren. Dies erfolgt durch kau­sal­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men, d. h. die Ursa­che ist vor­ran­gig zu behan­deln.

Hier­zu gehört z. B. bei infi­zier­ten Wun­den eine Infekt­kon­trol­le und ‑sanie­rung durch Wund­dé­bri­de­ment (Abb. 1), Ein­satz von Lokal­an­ti­sep­ti­ka (als Anti­sep­ti­kum mit Octen­i­din oder Poli­he­xa­nid oder als anti­in­fek­ti­ves /antimikrobielles Ver­band­mit­tel, z. B. mit Sil­ber) (Abb. 2) oder bei sys­te­mi­schen Infek­ten durch Gabe von Anti­bio­ti­ka nach Anti­bio­gramm­be­stim­mung. Es ist zu beden­ken, dass ein Keim nur einen Tod ster­ben kann. Daher ist es nicht sinn­voll, die genann­ten Ver­sor­gungs­op­tio­nen kom­bi­niert ein­zu­set­zen! Bei stark exsu­die­ren­den venö­sen Ulze­ra in der Ent­stau­ungs­pha­se ist eine sach- und fach­ge­rech­te Kom­pres­si­ons­the­ra­pie erforderlich.

Der unter­stüt­zen­de Ein­satz von Haut­pfle­ge und ‑schutz­prä­pa­ra­ten beugt der Schä­di­gung von Wund­rand und ‑umge­bung vor. Bei deren Appli­ka­ti­on ist auch die Benet­zung von intak­ten Haut­area­len, z. B. Ste­gen oder Inseln, inner­halb der Wun­de zu beach­ten. Um eine Beob­ach­tung der Haut jeder­zeit zu ermög­li­chen, sind farb­lo­se, durch­sich­ti­ge Pro­duk­te bevor­zugt zu ver­wen­den (Abb. 3). Zudem kann Haut­ir­ri­ta­tio­nen durch Ein­satz nicht-haf­ten­der Ver­band­mit­tel oder sol­chen mit haut­freund­li­chen Sili­kon­be­schich­tun­gen vor­ge­beugt werden.

1: Chirurgisches Débridement 2: Einsatz einer silberhaltigen Hydrofaser, die zudem einen guten Wundrandschutz gewährleistet 3: Applikation eines transparenten Hautschutzfilms
1: Chir­ur­gi­sches Débri­de­ment 2: Ein­satz einer sil­ber­hal­ti­gen Hydro­fa­ser, die zudem einen guten Wund­rand­schutz gewähr­leis­tet 3: Appli­ka­ti­on eines trans­pa­ren­ten Haut­schutz­filmsKers­tin Protz

Ergän­zend sind Ver­band­mit­tel nach Auf­nah­me­ver­mö­gen und Reten­ti­on sowie anhand not­wen­di­ger Wech­sel­in­ter­val­le ent­spre­chend aus­zu­wäh­len; ggf. ist auch zusätz­lich auf die Fähig­keit zur Geruchs­bin­dung zu ach­ten. Ins­be­son­de­re soge­nann­te Super­ab­sor­ber-Wund­ver­bän­de sind für hohe Exsudat­men­gen indi­ziert. Sie ent­hal­ten super­ab­sor­bie­ren­de Poly­me­re (SAP), die in der Lage sind Exsu­dat ein­zu­schlie­ßen und ein Viel­fa­ches ihres Eigen­ge­wich­tes an Flüs­sig­keit zu spei­chern. Der Vor­teil gegen­über ande­ren absor­bie­ren­den Ver­band­mit­teln ist, dass Super­ab­sor­ber-Wund­ver­bän­de auch unter Druck, z. B. Kom­pres­si­ons­the­ra­pie, die auf­ge­nom­me­ne Flüs­sig­keit nicht wie­der abge­ben, d. h. über eine gute Reten­ti­on verfügen.

Für die Wech­sel­in­ter­val­le gilt: so häu­fig wie nötig, so sel­ten wie mög­lich! Für Betrof­fe­ne ist die Anpas­sung ihrer Klei­dung, z. B. weit, lang und schwarz, ein wich­ti­ger Hin­weis, um mög­li­che Feuch­tig­keits­fle­cken nach außen zu kaschieren.

Wundexsudat – Erfassen, bewerten und reagieren

Das Exsu­dat ist nach Men­ge, Kon­sis­tenz, Far­be und Geruch zu spe­zi­fi­zie­ren, da die­se Aspek­te Auf­schluss über die vor­lie­gen­de Wund­hei­lungs­pha­se, den Wund­zu­stand und die Keim­si­tua­ti­on einer Wun­de geben. Daher sind die­se Spe­zi­fi­zie­run­gen im Wundas­sess­ment ent­spre­chend zu erfas­sen und zu dokumentieren.

Exsudat­men­ge: Als rela­ti­ve Grö­ße lässt sich die Men­ge des Wundex­su­dats nicht objek­tiv beschrei­ben. Die typi­schen For­mu­lie­run­gen, wie „(besonders/sehr) viel, mittel/mäßig, wenig/kaum/gering“, basie­ren auf sub­jek­ti­ven Ein­drü­cken. Hin­wei­se kön­nen die Län­ge der Ver­band­wech­sel­in­ter­val­le und die Sät­ti­gung der Ver­band­mit­tel geben. Wesent­lich ist, dass im Behand­lungs­team Einig­keit über die ver­wen­de­ten Begrif­fe zur Beschrei­bung der Exsudat­men­ge besteht.

Exsu­dat­kon­sis­tenz: Die­ser Begriff beschreibt die Beschaf­fen­heit des Exsu­dats. Sie kann von „dünnflüssig/serös“ bzw. „nied­rig­vis­kös“ bis zu „zäh“ bzw. „hoch­vis­kös“ oder „kleb­rig“ variieren.

Wundex­su­dat ist typi­scher­wei­se eine serö­se Flüs­sig­keit, die wäh­rend der Gra­nu­la­ti­ons­pha­se dazu dient, die Zell­mi­gra­ti­on zu ermög­li­chen. Die dünn­flüs­si­ge Kon­sis­tenz ist zudem typisch bei fort­ge­schrit­te­ner chro­ni­scher venö­ser Insuf­fi­zi­enz (CVI), bei lympha­ti­schen Erkran­kun­gen, bei dekom­pen­sier­ter Herz­in­suf­fi­zi­enz, Harn­wegs- und Lymph­fis­tel (Abb. 4) oder Mangelernährung.

Wenn das Wundex­su­dat zäh ist, deu­tet dies auf einen hohen Eiweiß­an­teil hin, der z. B. auf eine Infek­ti­on oder Wun­den in der Rei­ni­gungs­pha­se bzw. Auto­ly­se von Nekro­sen zurück zu füh­ren ist. Aber auch Rück­stän­de von Ver­band­mit­teln, z. B. Hydro­kol­lo­id­ver­bän­de (Abb. 5) und Darm­fis­teln, kön­nen Ursa­che für hoch­vis­kö­ses Exsu­dat sein.

Exsu­dat­far­be: Sie umfasst ein gro­ßes Spek­trum an Tönun­gen. Das nor­ma­le serö­se Erschei­nungs­bild ist klar, trans­pa­rent bis leicht gelb­lich, kann aber auch auf eine Lymph- bzw. Harn­weg­s­fis­tel oder CVI hin­deu­ten. Eine Ent­zün­dung oder Infek­ti­on färbt das Wundex­su­dat u. a. durch Fibrin­fä­den trü­be, mil­chig bzw. creme­far­ben. Ist ein Pseu­do­mo­nas aeru­gi­no­sa der Aus­lö­ser, erscheint das Wundex­su­dat meist grün­lich (Abb. 6). Eine rosi­ge oder rote Fär­bung (Abb. 7) kann auf Blut­zel­len hin­deu­ten, z. B. auf­grund einer Ver­let­zung. Darm- und Harn­weg­s­fis­teln aber auch Rück­stän­de von Ver­band­mit­tel (ins­be­son­de­re Hydro­kol­lo­id­ver­bän­de) sowie Wund­schorf fär­ben das Wundex­su­dat gelb bis bräun­lich. Auch bläu­li­che, grau-schwar­ze Fär­bun­gen kön­nen ein Hin­weis für Rück­stän­de von Ver­band­mit­teln, ins­be­son­de­re sil­ber­hal­ti­gen Pro­duk­ten (Abb. 8), sein.

4: Seriöses Exsudat, Lyhmphfistel 5: Rückstände eines Hydrokolloidverbandes 6: Lokaler Wundinfekt durch Pseudomonas aeruginosa
4: Serö­ses Exsu­dat, Lyhmph­fis­tel 5: Rück­stän­de eines Hydro­kol­lo­id­ver­ban­des 6: Loka­ler Wund­in­fekt durch Pseu­do­mo­nas aeru­gi­no­saKers­tin Protz
7: Blutiges Exsudat, Z.n. Spalthautentnahmestelle 8: Braune Rückstände von silberhaltiger Wundauflage im Gewebe
7: Blu­ti­ges Exsu­dat, Z.n. Spalt­haut­ent­nah­me­stel­le 8: Brau­ne Rück­stän­de von sil­ber­hal­ti­ger Wund­auf­la­ge im Gewe­beKers­tin Protz

Exsu­dat­ge­ruch: Im Zusam­men­hang mit der Wun­de emp­fin­den Betrof­fe­ne den Geruch per­sön­lich und sozi­al als sehr belas­tend. Im schlimms­ten Fall kann dies zu sozia­ler Iso­la­ti­on und Kör­per­bild­stö­run­gen füh­ren. Da Men­schen Gerü­che sub­jek­tiv sehr unter­schied­lich wahr­neh­men, ist auf eine Spe­zi­fi­zie­rung, z. B. in jau­chig, fau­lig, beson­ders übel­rie­chend, stin­kend, süß­lich, säu­er­lich, zu ver­zich­ten. Eine Doku­men­ta­ti­on von „ja – vor­han­den“ und „nein – nicht vor­han­den“ ist aus­rei­chend. Unan­ge­neh­men Gerü­chen kön­nen unter­schied­li­che Ursa­chen zugrun­de lie­gen, z. B. Wund­in­fek­ti­on, mali­gnom-asso­zi­ier­te Wun­den oder Nekro­sen in der Auto­ly­se. Geruch ist immer ein stö­ren­der Ein­fluss­fak­tor und des­halb ent­spre­chend zu behan­deln. In der loka­len Behand­lung kann der Ein­satz von Aktiv­koh­le­auf­la­gen eine wich­ti­ge Unter­stüt­zung sein.

Verbandmittel im Einsatz zwischen den Gezeiten

Tabelle: Vorschläge für Versorgungsoptionen orientiert am Exsudataufkommen
Tabel­le: Vor­schlä­ge für Ver­sor­gungs­op­tio­nen ori­en­tiert am Exsu­dat­auf­kom­menKers­tin Protz

Fazit

Im Exsudat­ma­nage­ment arbei­ten die Ver­sor­ger eng mit dem Betrof­fe­nen zusam­men. Pati­en­ten und Pati­en­tin­nen sind daher über Ent­ste­hung und Bedeu­tung des Wundex­su­dats und ent­spre­chen­de Behand­lungs­stra­te­gien auf­zu­klä­ren. Ihre Wün­sche und Vor­lie­ben sind bei der Ent­schei­dung für die Ver­sor­gungs­op­tio­nen eben­so maß­geb­lich wie Wund­zu­stand und beglei­ten­de Erkran­kun­gen. Unter Berück­sich­ti­gung der indi­vi­du­el­len Wund- und Lebens­si­tua­ti­on soll­te hier­durch eine best­mög­li­che Lebens­qua­li­tät erreicht werden

Kers­tin Protz: Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ge­rin, Pro­jekt­ma­na­ge­rin Wund­for­schung am Insti­tut für Ver­sor­gungs­for­schung in der Der­ma­to­lo­gie und bei Pfle­ge­be­ru­fen (IVDP) am Uni­kli­ni­kum Ham­burg-Eppen­dorf, Refe­ren­tin für Wund­ver­sor­gungs­kon­zep­te, Vor­stands­mit­glied Wund­zen­trum Ham­burg e. V., Deut­scher Wund­rat e. V. und Euro­pean Wound Manage­ment Asso­cia­ti­on (EWMA)

Quellen

Dis­se­mond J et al. Stan­dards des ICW e. V. für die Dia­gnos­tik und The­ra­pie chro­ni­scher Wun­den. Wund­Ma­nage­ment. 2017; 11(2): 81–86.

Protz K (2019). Moder­ne Wund­ver­sor­gung, Pra­xis­wis­sen, 9. Auf­la­ge, Else­vier Ver­lag, München

Win­ter GD. For­ma­ti­on of the scab and the rate of epi­the­lia­liz­a­ti­on of super­fi­cial wounds in the skin of the young domestic pig. Natu­re 1962 Jan 20; 193:293–294.

World Uni­on of Wound Healing Socie­ties (WUWHS) – Kon­sens­do­ku­ment. Wundex­su­dat: effi­zi­en­te Beur­tei­lung und Behand­lung Wounds Inter­na­tio­nal, 2019

Wund­zen­trum Ham­burg e. V., Stan­dards: www.wundzentrum-hamburg.de