Exsudatmanagement
Exsudat­ma­nage­mentBild: Zeich­nung: Jan Hinnerk Timm, Hamburg

Wundex­su­dat – was, wo und wie?

Im Versor­gungs­all­tag ist Wundex­su­dat als Wundflüs­sig­keit/-feuch­tig­keit, Nässen der Wunde oder auch Wundse­kret bekannt. Letzte­rer Begriff ist verbrei­tet aber sachlich falsch, da Sekret aus Drüsen austritt. Wundex­su­dat hinge­gen tritt bei einer Gewebe­schä­di­gung aus dem sogenann­ten inter­s­ti­ti­el­len Zwischen­raum aus, der die einzel­nen Körper­zel­len umgibt. Bei intak­tem Gewebe gelangt diese Flüssig­keit aus dem Blut in die Zellzwi­schen­räume und wird von dort aus durch die Lymph­ge­fäße aufge­nom­men und wieder in die Blutge­fäße zurückgeführt.

Wird dieser Kreis­lauf durch Verlet­zun­gen unter­bro­chen, fließt die Flüssig­keit in die Wunde und wird zu Wundex­su­dat. Dessen Zusam­men­set­zung ähnelt dem Blutplasma und besteht somit etwa zu 90 Pprozent aus Wasser. Weitere Bestand­teile sind:

  • Fibrin­fä­den und Throm­bo­zy­ten, die eine rasche Blutge­rin­nung gewährleisten
  • Glukose, die Energie­quelle der Zellen
  • Immun­zel­len, zum Beispiel Lympho­zy­ten und Makro­pha­gen, zur Infektabwehr
  • Wachs­tums­fak­to­ren, die eine rasche Wieder­her­stel­lung des geschä­dig­ten Gewebes initiieren
  • Protea­sen, die Prote­ine abbauen, die Migra­tion neuer Zellen und die Autolyse unterstützen

Auf dem Weg in die Wunde nimmt das Wundex­su­dat noch weitere Bestand­teile auf, wie Zelltrüm­mer, Abfall­stoffe und Mikro­or­ga­nis­men, die in jeder Wunde vorkom­men. Die Initia­tive Chroni­sche Wunden (ICW) definiert als Wundex­su­dat die Flüssig­kei­ten „[…], die von einer Wunde freige­setzt werden. In Abhän­gig­keit des Wundzu­stan­des kann dies Lymphe, Blut, Prote­ine, Keime, Zellen und Zellreste beinhalten.“

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Wirkung – zu viel oder zu wenig?

Schon in den 1960er Jahren stellte George Winter fest, dass ausge­trock­nete und verkrus­tete Wunden langsa­mer heilen. Daher liegt ein Schwer­punkt der Wundver­sor­gung auf Schaf­fung und Erhal­tung eines feuch­ten Wundmi­lieus. Mit der Bildung von Wundex­su­dat reagiert der Körper auf eine Geweb­schä­di­gung. Ziel ist zum einen, Fremd­kör­per und Abfall­stoffe aufzu­neh­men und aus der Wunde zu spülen, um die Regene­ra­tion vorzu­be­rei­ten. Zum anderen liefert Wundex­su­dat mit dem Trans­port­me­dium Wasser wesent­li­che Heilungs­fak­to­ren in die verletz­ten Bereiche.

Es handelt sich somit um einen physio­lo­gi­schen Prozess, der auf natür­li­che Weise reguliert wird und am stärks­ten in der Wundhei­lungs­phase auftritt, die entspre­chend als „Reini­gungs­phase“ oder noch treffen­der als „Exsuda­ti­ons­phase“ (Abb.1) bezeich­net wird. Mit dem Ablauf der nun folgen­den Phasen der Wundhei­lung, Granu­la­ti­ons­phase (Abb. 2) und Epithe­li­sie­rungs­phase (Abb. 3), nimmt die Menge an Wundex­su­dat üblicher­weise konti­nu­ier­lich ab. Ausnah­men sind Wunden, die auf bestimmte Krank­heits­bil­der zurückgehen.

1: Wunde in der Reinigungsphase 2: Wunde in der Granulationsphase 3: Wunde in der Epitelisierungsphase
1: Wunde in der Reini­gungs­phase 2: Wunde in der Granu­la­ti­ons­phase 3: Wunde in der Epithe­li­sie­rungs­phaseBild: Kerstin Protz

Hohe Exsudat­men­gen sind unter anderem typisch bei infizier­ten Wunden (Abb. 4), venösen (Abb. 5)/ lympha­ti­schen Ulzera (Abb. 7) in der Entstau­ungs­phase, malignom-assozi­ier­ten Wunden und Verbren­nun­gen. Je größer und tiefer die Wunde ist, desto mehr Exsudat kann auftre­ten. Zudem können Erkran­kun­gen, wie Nieren- und Herzin­suf­fi­zi­enz aber auch das fortge­schrit­tene Alter sowie eine Malnut­ri­tion die Exsudat­menge erhöhen.

Im Gegen­satz dazu stehen Wunden mit krank­heits­be­dingt gerin­ger Exsuda­tion, wie ischä­mi­sche Ulzera (Abb. 6) und solche aufgrund von syste­mi­scher Störung, wie Dehydra­tion und hypovo­lä­mi­scher Schock.

4: Wundinfektion 5: Hohe Exsudatmengen bei Ulcus cruris venosum in der initialen Entstauungsphase 6: Trockene Nekrosen bei kritischer Ischämie 7: Durchnässte Kleidung aufgrund hoher Wundexsudation
4: Wundin­fek­tion 5: Hohe Exsudat­men­gen bei Ulcus cruris venosum in der initia­len Entstau­ungs­phase 6: Trockene Nekro­sen bei kriti­scher Ischä­mie 7: Durch­nässte Kleidung aufgrund hoher Wundex­su­da­tionBild: Kerstin Protz, Hamburg

Wenn die Wundex­su­da­tion jedoch das normale Maß über- oder unter­schrei­tet, kann dies folgen­schwere Konse­quen­zen für den Abhei­lungs­pro­zess haben. In einer zu trocke­nen Wunde laufen die Abhei­lungs­pro­zesse oft verzö­gert ab oder kommen ganz zum Erlie­gen. Hohe Exsudat­men­gen erschwe­ren die Versor­gung mit Verband­mit­teln, die womög­lich regel­recht „wegschwim­men“ und schrän­ken die Produkt­aus­wahl ein. In diesem Fall führt die hohe Wundex­su­da­tion zu einer gravie­ren­den Belas­tung der Lebens­qua­li­tät des Betrof­fe­nen und zudem zu zusätz­li­chem Aufwand an Zeit, Material und Kosten im Versorgungsprozess.

Auch die Zusam­men­set­zung des Exsudats hat Einfluss auf die Wundhei­lung. Bei einer chroni­schen Wunde liegt oft ein übermä­ßig hoher Anteil an Matrix-Metallo-Proteinasen (MMP) vor. Diese werden durch Entzün­dungs­me­dia­to­ren stimu­liert und bauen die extra­zel­lu­läre Matrix ab, die zum Gewebe­auf­bau benötigt wird. Zudem behin­dern sie die Arbeit der Wachs­tums­fak­to­ren. In diesem Fall wandelt sich Wundex­su­dat vom wichti­gen Unter­stüt­zer zum Gegen­spie­ler der Abheilung.

Die Lebens­qua­li­tät im Blick

Mit stark exsudie­ren­den Wunden geht oft auch eine unange­nehme Geruchs­ent­wick­lung einher. Zudem zeich­net sich das Wundex­su­dat als Flecken auf der Kleidung ab (Abb. 7) und wird nach außen sicht­bar. Beides hat Auswir­kun­gen auf das persön­li­che Wohlbe­fin­den des Betrof­fe­nen sowie seine gesell­schaft­li­che Teilhabe. Dies führt dazu, dass die eigene Wohnung kaum mehr verlas­sen wird und eine soziale Isola­tion droht. Die zur Aufnahme des Wundex­su­dats notwen­di­gen dicken Verbände tragen zudem auf und schrän­ken die Kleider- und Schuh­aus­wahl sowie die Beweg­lich­keit ein. Der Termin­druck durch die kurzen Verband­wech­sel­in­ter­valle hat zudem Auswir­kun­gen auf die selbstän­dige Gestal­tung von Sozial‑, Privat- und Arbeits­le­ben. Hinzu kommen Schmer­zen, denn ein hohes Exsudat­auf­kom­men, das perma­nent über einen länge­ren Zeitraum auf Wundrand einwirkt kann diesen und die umgebende Haut nachhal­tig schädi­gen. Eine hohe Wundex­su­da­tion geht mit dem Verlust von Flüssig­keit sowie wichti­gen Prote­inen und Elektro­ly­ten einher, die entspre­chend wieder zuzufüh­ren sind. Eine hohe Exsuda­tion beein­träch­tigt also die Lebens­qua­li­tät und das Wohlbe­fin­den des Betrof­fe­nen in vielfa­cher Hinsicht.

In Teil 2 dieses Beitrags (folgt in Kürze) erfah­ren Sie, wie man durch Maßnah­men des Exsudat­ma­nage­ments auf diese Probleme reagiert und den Versor­gungs­pro­zess zum Wohle des Patien­ten gestaltet.

Kerstin Protz: Gesund­heits- und Kranken­pfle­ge­rin, Projekt­ma­na­ge­rin Wundfor­schung am Insti­tut für Versor­gungs­for­schung in der Derma­to­lo­gie und bei Pflege­be­ru­fen (IVDP) am Unikli­ni­kum Hamburg-Eppen­dorf, Referen­tin für Wundver­sor­gungs­kon­zepte, Vorstands­mit­glied Wundzen­trum Hamburg, Deutscher Wundrat und European Wound Manage­ment Associa­tion (EWMA)

[1] Disse­mond J et al. Standards des ICW e.V. für die Diagnos­tik und Thera­pie chroni­scher Wunden. WundMa­nage­ment. 2017; 11(2): 81–86.
[2] Protz K (2019). Moderne Wundver­sor­gung, Praxis­wis­sen, 9. Auflage, Elsevier Verlag, München
[3] Winter GD. Forma­tion of the scab and the rate of epithe­lia­liz­a­tion of super­fi­cial wounds in the skin of the young domestic pig. Nature 1962 Jan 20; 193:293–294.
[4] World Union of Wound Healing Socie­ties (WUWHS) – Konsens­do­ku­ment. Wundex­su­dat: effizi­ente Beurtei­lung und Behand­lung Wounds Inter­na­tio­nal, 2019
[5] Wundzen­trum Hamburg e. V., Standards: www.wundzentrum-hamburg.de