Die Organspende steht auf wackeligen Füßen.
Seit Bekannt­wer­den von Mani­pu­la­ti­on bei der Organ­ver­ga­be in den Jah­ren 2010 bis 2012 ist die Spen­den­be­reit­schaft zurück­ge­gan­gen. Neu­er­li­che Vor­fäl­le könn­ten seit­dem neu gewon­ne­nes Ver­trau­en wie­der ver­spie­len.skeeze/Pixabay.com [CC0 1.0]

Der deut­schen Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin droht in dem Bemü­hen, das durch bekannt­ge­wor­de­ne Mani­pu­la­tio­nen in der Organ­ver­ga­be gestör­te Ver­trau­en in der Bevöl­ke­rung wie­der­her­zu­stel­len, einen wei­te­ren Dämp­fer zu bekom­men: Laut einem Bericht der Kom­mis­si­on zur Prü­fung und Über­wa­chung des Lun­gen­trans­plan­ta­ti­ons­pro­gramms des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Ham­burg-Eppen­dorf (UKE) soll das Kran­ken­haus in ins­ge­samt 14 Fäl­len die Pati­en­ten­da­ten ver­än­dert haben, um einen schnel­le­ren Zugang zu einem Spen­der­or­gan zu ermög­li­chen.

Das Ham­bur­ger Uni­kli­ni­kum arbei­tet in einem Lun­gen­trans­plan­ta­ti­ons­pro­gramm mit der Lun­gen­Cli­nic Groß­hans­dorf zusam­men. Die Kom­mis­si­on – bestehend aus Exper­ten der Bun­des­ärz­te­kam­mer, des Spit­zen­ver­ban­des der Kran­ken­kas­sen und der Deut­schen Kran­ken­haus­ge­sell­schaft – unter­such­te 25 Lun­gen­trans­plan­ta­tio­nen im Zeit­raum 2010 bis 2012. Dabei stell­te sie laut ihrem Bericht „Unre­gel­mä­ßig­kei­ten“ in erheb­li­chem Aus­maß fest.

Grotesk niedrige Werte

Der Vor­wurf: In mehr als der Hälf­te der unter­such­ten Fäl­le hät­ten die Ärz­te den Gesund­heits­zu­stand der Pati­en­ten gegen­über der Organ­ver­mitt­lungs­stel­le Euro­trans­plant schlech­ter dar­ge­stellt, als er tat­säch­lich war.

Dem Kom­mis­si­ons­be­richt zufol­ge soll in den Befun­den „zum Teil gro­tesk nied­ri­ge Sauer­stoff­par­ti­al­drü­cke und Sauer­stoff­sät­ti­gun­gen“ ange­ge­ben wor­den sein. Trotz Sauer­stoff­the­ra­pie und teil­wei­ser Beatmung lag die Sauer­stoff­sät­ti­gung bei die­sen Pati­en­ten zwi­schen teil­wei­se unter 70%. Dies sei „über Wochen und Mona­te selbst bei Gesun­den nicht mit dem Leben ver­ein­bar“, so die Kom­mis­si­on in ihrem Bericht wei­ter.

Mit den ange­ge­be­nen Wer­ten soll­te bei den Betrof­fe­nen offen­bar ein lebens­be­droh­li­cher Zustand vor­ge­täuscht wer­den, damit die­se als HU-Pati­en­ten („High Urgen­cy“) auf der War­te­lis­te nach oben rut­schen.

Akten unvollständig oder nicht auffindbar

Eigent­lich müss­te sich eine Auf­klä­rung des Sach­ver­hal­tes unter nor­ma­len Umstän­den ein­fach gestal­ten: Immer­hin sind die Doku­men­ta­ti­ons- und Auf­be­wah­rungs­pflich­ten im Bereich der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin umfang­reich gere­gelt. Doch laut dem Kom­mis­si­ons­be­richt konn­te in den frag­wür­di­gen Fäl­len ganz über­wie­gend kei­ne und in den übri­gen Fäl­len nur Ori­gi­nal­ak­ten mit nur weni­gen Kur­ven­blät­tern und Befun­den vor­ge­legt wer­den.

„Das fast voll­stän­di­ge Feh­len einer aus­sa­ge­kräf­ti­gen medi­zi­ni­schen Doku­men­ta­ti­on wäh­rend teil­wei­se mehr­mo­na­ti­ger sta­tio­nä­rer Auf­ent­hal­te der Pati­en­ten ist … aus­ge­spro­chen unge­wöhn­lich“, stellt die Über­wa­chungss­kom­mis­si­on in ihrem Bericht fest. Die feh­len­den Doku­mem­te und Doku­men­ta­tio­nen wür­den viel­mehr den Ver­dacht begrün­den, dass sys­te­ma­tisch ein Fehl­ver­hal­ten der betei­lig­ten Ärz­te ver­tuscht wer­den soll, so die Kom­mis­si­on wei­ter.

Jetzt ist die Staatsanwaltschaft gefordert

Nach Berich­ten des NDR-Maga­zins „Pan­ora­ma 3“ ist nun­mehr auch die ham­bur­gi­sche Staats­an­walt­schaft in den Fall ein­ge­schal­tet und hat Ermitt­lun­gen wegen „Akten­un­ter­drü­ckung“ auf­ge­nom­men. Soll­ten sich die Vor­wür­fe bestä­ti­gen, wäre das ein wei­te­rer Tief­schlag für die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin – Aus­wir­kun­gen auf die jetzt schon nied­ri­ge Bereit­schaft zur Organ­spen­de nicht aus­ge­schlos­sen.