Anzeige
avanti
AU mit Long Covid
Die Auswir­kun­gen von Long Covid auf die Arbeits­welt sind noch nicht abzuse­hen.Bild: Ralf Liebhold/Dreamstime.com

Seit Beginn der Corona­pan­de­mie stehen die Versäum­nisse der Politik gegen­über dem deutschen Gesund­heits­sys­tem stärker im Fokus. Die dort vorherr­schen­den Probleme – schlechte Bezah­lung, belas­tende Arbeits­zei­ten, fehlen­des Perso­nal und Nachwuchs­man­gel – sind seit langem bekannt.

Vor diesem Hinter­grund wirkt Long Covid beson­ders bedroh­lich: Denn auf die angespannte Situa­tion im Gesund­heits­we­sen rollt mögli­cher­weise eine Welle von Long-Covid-Pflege­fäl­len zu, deren Größe sich aufgrund der fehlen­den Studi­en­lage bisher kaum abschät­zen lässt.

Auswir­kun­gen auf das Gesundheitssystem

Bundes­ge­sund­heits­mi­nis­ter Prof. Dr. Karl Lauter­bach (SPD) warnte diesbe­züg­lich in einem Inter­view mit der ZEIT: „Long Covid ist ein Riesen­pro­blem. Wir haben nicht im Ansatz die Kapazi­tät, die vielen Fälle zu versor­gen. Es gibt nicht genügend spezia­li­sierte Ärzte, nicht genügend Behand­lungs­plätze, wir haben noch keine Medika­mente. Hier kommt wirklich etwas auf uns zu. Ich glaube, dass das Problem unter­schätzt wird.“

Auch Kinder und Jugend­li­che sind betrof­fen. Zwar scheint Long Covid bisher auf sehr junge Menschen nur sehr geringe Auswir­kun­gen zu haben. Spätes­tens aber mit Eintritt in die Puber­tät können bei Jugend­li­chen ähnli­che Probleme auftre­ten wie bei den erwach­se­nen Long-Covid-Patienten.

Bei ihnen spielt beson­ders der psycho­lo­gi­sche Faktor eine große Rolle. Schon seit Beginn der Pande­mie werden immer wieder Stimmen von Jugend­li­chen und jungen Erwach­se­nen laut, die ihre Jugend sowie Schul- und Studi­en­zeit – die im Zuge der Corona-Pande­mie und den damit verbun­de­nen Lockdown-Maßnah­men erheb­li­che Einschrän­kun­gen hat erfah­ren müssen – mit den sorglo­sen Jahren frühe­rer Genera­tio­nen vergleichen.

Für eine Genera­tion, die sich jetzt schon um viele Erleb­nisse betro­gen sieht, kann eine Long-Covid-Erkran­kung – und damit die Aussicht, auch den Einstieg ins Berufs­le­ben nur sehr einge­schränkt zu erleben – deshalb beson­ders belas­tend sein.

Zusatz­fak­tor Gesund­heits­sek­tor: Berufs­krank­heit bei Pflegenden

Für Menschen in Pflege­be­ru­fen ist eine Corona­er­kran­kung – und damit auch die Möglich­keit an Long Covid zu erkran­ken – deutlich wahrschein­li­cher als für andere Berufs­grup­pen. Inzwi­schen wurde in Berufen, die mit einem erhöh­ten Infek­ti­ons­ri­siko einher­ge­hen – wie beispiels­weise Pflege­be­rufe, Erzie­her in Kitas und Lehrkräfte an Schulen -, COVID-19 als Berufs­krank­heit anerkannt.

Aller­dings gilt das noch nicht für etwaige Folge­schä­den. Viele Versi­che­run­gen überneh­men diese Kosten aktuell nicht, da das Krank­heits­bild noch zu wenig eindeu­tig ist.

Long Covid: Gefahr für das Rentensystem?

Die Auswir­kun­gen von Long Covid auf Arbeits­markt und Renten­sys­tem könnten drastisch sein. Long Covid trifft auch junge, sport­lich aktive Menschen, die norma­ler­weise – zumin­dest für einige Jahrzehnte – von den Folgen chroni­scher Krank­hei­ten nicht betrof­fen sind. Aber auch für diese Gruppe besteht bei einer Long-Covid-Erkran­kung das Risiko, für längere Zeit nicht mehr in ihren Beruf zurück­keh­ren zu können.

Und das hat Folgen. Bisher trat eine Berufs­un­fä­hig­keit vor allem aufgrund von psychi­schen Krank­hei­ten oder Rücken­be­schwer­den auf. Aber seit 2020 haben die Anträge auf Berufs­un­fä­hig­keit durch Corona deutlich zugenom­men. Im Jahr 2020 haben rund 106.000 Menschen entspre­chende Leistun­gen beantragt, 2021 waren es mit 132.000 schon ein Drittel mehr.

Nach einer aktuel­len Auswer­tung des Wissen­schaft­li­chen Insti­tuts der AOK (WIdO) ist seit Beginn der Pande­mie mehr als jeder Fünfte erwerbs­tä­tige AOK-Versi­cherte als Folge einer COVID-19-Erkran­kung ausge­fal­len. Fast vier Prozent der Erkrank­ten waren anschlie­ßend durch Long Covid für einen durch­schnitt­li­chen Zeitraum von sieben Wochen arbeitsunfähig.

Lauter­bach fürch­tet, dass viele Erkrankte ihr frühe­res Leistungs­ni­veau nicht mehr errei­chen werden: „Viele denken: Na ja, nach ein paar Monaten sind die Beschwer­den wieder weg. Aber das ist oft nicht so. Das wird auch für den Arbeits­markt relevant sein, weil viele leider nicht mehr zu ihrer alten Leistungs­fä­hig­keit zurück­keh­ren werden. Zum Teil fehlt auch die Betreu­ung durch Psycho­lo­gen und Psycho­the­ra­peu­ten. Denn es ist hart, festzu­stel­len, dass man sein Leben so wie früher nicht mehr ausüben kann“, so der Bundesgesundheitsminister.

Lauterbach zu Long Covid
Lauter­bach: „Es ist hart, dass man sein Leben so wie früher nicht mehr ausüben kann.„Bild: BMG/Thomas Ecke

Exper­ten­ge­mium zu Long Covid: „Dringend benötigte Maßnahmen“

Im Moment ist das Thera­pie­an­ge­bot für Long-Covid-Patien­ten jedoch noch nicht bedarfs­de­ckend. So gibt es in den spezia­li­sier­ten Long-Covid-Ambulan­zen oftmals monate­lange Wartezeiten.

Der Exper­tIn­nen­rat der Bundes­re­gie­rung zu COVID-19 empfiehlt in seiner 9. Stellung­nahme vom 15. Mai 2022 aus diesem Grund einige als dringend einge­stufte Maßnah­men, die die Berei­che Versor­gung, Forschung, Aufklä­rung, Kommu­ni­ka­tion und Analyse abdecken sollen:

  1. Etablie­rung flächen­de­cken­der, inter­sek­to­ra­ler und inter­dis­zi­pli­nä­rer Versor­gungs­struk­tu­ren für Betrof­fene aller Alters­grup­pen (Versor­gungs­al­go­rith­men, Netzwerke geschul­ter nieder­ge­las­se­ner Haus- sowie Kinder- und Jugend­ärzte, weite­ren Fachärzte, Kompe­tenz­zen­tren, Spezi­al­am­bu­lan­zen und Rehabi­li­ta­ti­ons­kli­ni­ken). Aufbau und Refinan­zie­rung ambulan­ter und statio­nä­rer Struk­tu­ren an Klini­ken zur Bünde­lung der Fachex­per­tise und Verbes­se­rung des Behand­lungs­an­ge­bots für Betroffene.
  2. Enge Verzah­nung ambulan­ter und klini­scher Versor­gungs­struk­tu­ren mit konsen­tier­ten Quali­täts­kri­te­rien in der Behand­lung von Long/­Post-Covid Betrof­fe­nen. Trans­pa­rente Auswei­sung entspre­chen­der medizi­ni­scher Anlauf­stel­len zum Beispiel auf der Webseite des Robert Koch Insti­tuts, der Kassen­ärzt­li­chen Verei­ni­gun­gen und Ärztekammern.
  3. Auswei­tung der Förde­rung der klini­schen und trans­la­tio­na­len Forschung, Grund­la­gen­for­schung und Versor­gungs­for­schung zu Post-Covid sowie deren Koordi­na­tion, Harmo­ni­sie­rung und Vernetzung.
  4. Etablie­rung von Zentren für klini­sche Studien unter anderem zur Prüfung von bereits zugelas­se­nen und neuen Medika­men­ten sowie Behand­lungs­ver­fah­ren. Nutzung des Stand­ort­vor­teils (pharma­zeu­ti­sche Indus­trie mit vielver­spre­chen­den Kandi­da­ten für Medika­mente und Medizin­pro­dukte, Exper­tise zu ME/CFS und bestehende Studienplattformen).
  5. Aufklä­rungs- und Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gnen für alle Akteure im Gesund­heits­we­sen (einschließ­lich Gesund­heits­äm­tern) und von sonsti­gen versor­gungs­re­le­van­ten Berufs­grup­pen (zum Beispiel Lehrer, Juris­ten) in Form von Öffent­lich­keits­ar­beit sowie von Aus‑, Fort- und Weiterbildungsprogrammen.
  6. Aufklä­rung der Bevöl­ke­rung durch profes­sio­nelle Gesund­heits­kom­mu­ni­ka­tion darüber, was bekannt und noch unbekannt ist, wie man sich schüt­zen kann (zum Beispiel die Bedeu­tung des Impfens auch als bestmög­li­cher Schutz vor Long/­Post-Covid) und welche sonsti­gen Handlungs­emp­feh­lun­gen und Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten bestehen (siehe zum Beispiel die Leitli­nie „Long/­Post-COVID-Syndrom für Betrof­fene, Angehö­rige, naheste­hende und pflegende Perso­nen“ der AWMF). Dies sollte durch eine für alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen anspre­chende und inten­si­vierte Impfkam­pa­gne beglei­tet werden.
  7. Erstel­lung einer detail­lier­ten wissen­schaft­li­chen Analyse mit quali­ta­ti­ver und quanti­ta­ti­ver Einord­nung von Long/­Post-Covid.
  8. Einbin­dung von Patien­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen (siehe hierzu Natio­na­ler Aktions­plan und „Natio­nale Klini­sche Studien-Gruppe von Long COVID Deutsch­land“ und „Deutsche Gesell­schaft für ME/CFS“ vom 18.2.2022).
  1. www.bundesregierung.de/resource/blob/975196/2040048/feffdcc21a9892def37df142e4feb9b6/9‑stellungnahme-long-covid-data.pdf?download=1
  2. www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/corona-long-covid-folgen-deutschland-100.html
  3. www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/gesundheitsreport-2022-long-covid-krankenstand-2130826
  4. www.spiegel.de/wirtschaft/corona-long-covid-patienten-droht-der-finanzielle-absturz-a-c2bfd32f-05f8-4b82-aa62-728e2ce71291
  5. www.longcovid-info.de
  6. www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/wird-das-long-covid-syndrom-zur-neuen-volkskrankheit-a-9d22706b-0002–0001-0000–000178589859