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Rechtsdepesche: Ihr Partner Dr. Dirk Hochlenert berichtete in der Ausgabe RDG 03/2011 von Erfolgen bei der Reduzierung der Majoramputationen. Welche Vorteile genie­ßen Ihre Patienten darüber hinaus?

Engels: Die Patienten erhalten alle not­wendigen diagnostischen und thera­peutischen Verfahren extrem zeitnah zur Verfügung gestellt, d.h., eine Schnitt­stellenproblematik zwischen den Sek­torengrenzen existiert in unseren Netz­werken nicht. Der Patient wird so in unser System eingeschleust, wie es gerade nötig ist. Die zeitnahe Deeskalation des Wundszenarios und die Optimierung des Heilungsverlaufs liegen auf der Hand.

Rechtsdepesche: Die Vergütungsstruktur in der Wundversorgung wird oftmals bemän­gelt. Gibt es hierzu Lösungen?

Engels: In der Regelversorgung erhält der niedergelassene Chirurg in Nord­rhein derzeit unter 25 Euro pro Quar­tal. Hier muss man sich sehr gut über­legen, was man tut, sonst gerät man schnell in eine Schieflage. Im Rahmen unserer Netzwerkstrukturen und der daran geknüpften IV-­Verträge sind wir in der Lage, die Patienten mit Diabetischem Fußsyndrom (DFS) kostende­ckend zu behandeln. Die Vergütung er­laubt eine Investition in die personelle und materielle Professionalisierung der Strukturen und ermöglicht dadurch eine effiziente Schwerpunktversorgung der DFS-­Patienten.

Rechtsdepesche: Der finanzielle und personelle Aufwand der Behandlung von Patien­ten mit DFS ist sehr hoch. Wie stehen Sie zur verantwortlichen Einbindung von qualifizierten Pflegenden, und wie stellt sich für Sie deren Vergütung dar?

Engels: Klar ist, dass der Behandlungs­aufwand von chronischen Wundpatien­ten nicht von den Ärzten alleine gestemmt werden kann. Das Patientenauf­kommen und die Intensität der Behand­lungen sind einfach zu hoch. Die Ärzte brauchen die Pflege – die qualifizierte Pflege durch verantwortliches, gut aus­gebildetes Fachpersonal. Dessen Leis­tungen müssen auch vergütet werden, das versteht sich von selbst. Momentan ist die Vergütung der Pflegenden in der Wundversorgung regional noch sehr unterschiedlich ge­regelt. Hier bedarf es einer grundsätz­lichen Überprüfung der Leistungsstruk­turen unter Berück­sichtigung der Qualifikation.

Rechtsdepesche: Wie gestaltet sich die Zusammen­arbeit von Medizin und Pflege in Ihrem Netzwerk?

Engels: Wir unterhalten verschiedene, gut funktionierende Kooperationen mit ambulanten Pflegediensten. Voraussetzung für die Kooperation mit den Netz­werkärzten ist, dass die Pflegedienste ihre Struktur­ und Prozessqualität ex­akt definieren. Beispielsweise muss der Pflegedienst mindestens drei wundthe­rapeutisch weitergebildete Mitarbeiter beschäftigen und eine solide, lückenlose Kommunikationsstruktur vorhalten. Außerdem muss natürlich sichergestellt sein, dass bei einem unerwarteten Verlauf die unverzügliche Rückmeldung an das Wundzentrum erfolgt.

Rechtsdepesche: Wie ist die Resonanz der Patienten auf das Angebot der IV­-Versorgung?

Engels: Extrem gut. Mittlerweile hat sich die Qualität unserer Konzepte in den Regionen – auch über die Kran­kenkassen – herumgesprochen, so dass wir zunehmend kleinere chirurgische Eingriffe in einem frühen Stadium vornehmen und Schlimmeres verhindern können. Ein Problem stellen allerdings die Patienten dar, die durch ihre poly­neuropathische Störung und das fehlende Warnsignal „Schmerz“ ihr Risiko nicht realisieren und deshalb den Weg zum Arzt nicht früh genug finden.

Rechtsdepesche: Wird bei der Versorgung des DFS durch die Netzwerkpartner Wert auf die Anwendung bestimmter Verfahren gelegt?

Engels: Wir arbeiten konse­quent leitliniengerecht, und zwar zeitnah. Natürlich ist die systematisch entwickelte S3-Versorgungsleitlinie „Diabeti­scher Fuß“ der AWMF für uns von besonderer Bedeutung.

Rechtsdepesche: Wie beurteilen Sie den Stellenwert des DFS in Medizin und Pflegewissenschaft?

Engels: Ich glaube, dass die Risikopro­file des DFS regelhaft nicht hinreichend beachtet werden. Das gilt insbesonde­re für hospitalisierte Patienten, die im Rahmen ihrer Neuropathie z.B. unnötige Druckläsionen durch Fußbretter in Krankenhausbetten erleiden. Weiterhin sollte die Komplexität des DFS Einzug in die Risiko­-Skalen finden.

Rechtsdepesche: Sind für die Zukunft hierzu Publikationen geplant, und/oder setzen Sie auf das Internet zur Wissensvermitt­elung?

Engels: Es fehlt eine Evaluation der chirurgischen Verfahren im DFS­-Bereich. Hier ist dringender Handlungsbe darf. Wir planen eine interaktive Struktur, durch die der Blickwinkel auf ein­zelne biomechanisch relevante Phänomene in der Entwicklung von typischen Fußläsionen bei DFS-­Patienten in den Fokus der Behandler gerückt werden kann. Die Entscheidung pro Print oder pro Elektronik ist noch nicht gefallen.

Das Interview führte Michael Schanz.

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