Die sechs Pflegefachkräfte, die die Petition auf change.org initiiert haben
Die sechs Pfle­ge­fach­kräf­te, die die Peti­ti­on auf change.org initi­iert haben: Paul-David Dei­ke, Eva Ohlert, Mar­cus Jogerst-Ratz­ka, Fran­zis­ka Böh­ler, Jana Lan­ger, Yvonne Falck­ner (von oben links nach unten rechts)Fotos von Mar­cus Jogerst-Ratz­ka und Yvonne Falck­ner: Thors­ten Stra­sas

Eine sofor­ti­ge Ver­sor­gung mit aus­rei­chend Schutz­ma­te­ria­li­en, eine Mobi­li­sie­rung aller Mit­ar­bei­ter von Prüf­be­hör­den, eine kurz­fris­ti­ge Lohn­zu­la­ge und eine dau­er­haf­te Anhe­bung der Bezah­lung in der Pfle­ge – das sind die For­de­run­gen einer Grup­pe von Fach­kräf­ten, die die Peti­ti­on ins Leben geru­fen haben. Die zöger­li­che Ein­lei­tung der Maß­nah­men sei „ein Trau­er­spiel“ gewe­sen, heißt es in der Peti­ti­on. Jetzt dro­he ein aku­ter Per­so­nal­man­gel auf den Inten­siv­sta­tio­nen, warnt die Grup­pe von sechs bekann­ten Pfle­ge­fach­kräf­ten, die die Platt­form „CareS­lam!“ zur Erst­ver­öf­fent­li­chung nutz­ten .

Über 200.000 haben sich auf change.org inzwi­schen als Unter­stüt­zer ein­ge­tra­gen. Die For­de­run­gen, unter ande­rem nach einer Ver­staat­li­chung von Pro­duk­ti­ons­stät­ten – im Not­fall – zur Her­stel­lung von Schutz­klei­dung, haben offen­bar einen Nerv getrof­fen. Dass inzwi­schen zehn Mil­lio­nen Schutz­mas­ken unter Poli­zei­schutz aus­ge­lie­fert wer­den, sei begrü­ßens­wert, decke aber nur den aku­ten Bedarf, so Mit­in­itia­tor Mar­cus Jogerst-Ratz­ka gegen­über der Rechts­de­pe­sche: „Ich ken­ne Ein­rich­tun­gen, wo auch jetzt noch eine tota­le Unter­ver­sor­gung herrscht und teil­wei­se nur eine Schutz­mas­ke pro Schicht vor­han­den ist.“ Der Bedarf an wirk­sa­men und zuge­las­se­nen Schutz­ma­te­ria­li­en wer­de wei­ter dras­tisch stei­gen. Hier­zu müs­se man auch dras­ti­sche Maß­nah­men ergrei­fen.

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Die Peti­ti­on läu­tet vor allem die Alarm­glo­cken, was die Per­so­nal­si­tua­ti­on in den Hei­men und Kli­ni­ken angeht: „Wer pflegt denn die Pati­en­ten auf den Inten­siv­sta­tio­nen, wer bedient die Maschi­nen?“ Im Kran­ken­haus­be­reich sei Deutsch­land mit einem Per­so­nal­schlüs­sel von 13 zu 1 das abso­lu­te Schluss­licht in Euro­pa, klagt Jogerst-Ratz­ka. Der Geschäfts­füh­rer eines baden-würt­tem­ber­gi­schen Senio­ren­heims sieht die Ursa­che hier­für nicht zuletzt in der man­gel­haf­ten Ent­loh­nung von Pfle­ge­kräf­ten. „Wenn irgend­ein Unter­neh­men Pro­ble­me hat, aus­rei­chend Fach­per­so­nal zu fin­den, wird es natür­lich die Löh­ne erhö­hen. In der Pfle­ge wird statt­des­sen mit war­men Wor­ten ver­trös­tet und die Arbeits­be­las­tung auf weni­ger Schul­tern ver­teilt. Damit wird die Situa­ti­on noch wei­ter ver­schlim­mert“, kri­ti­siert Jogerst-Ratz­ka. „Wir haben uns natür­lich über­legt, ob wir in der jet­zi­gen Situa­ti­on auch die Ent­loh­nung in der Pfle­ge anspre­chen sol­len. Aber wann, wenn nicht jetzt, ist auch die öffent­li­che Unter­stüt­zung für solch weit­ge­hen­de Schrit­te gege­ben?“ Kon­kret for­dert die Peti­ti­on einen kräf­ti­gen Lohn­zu­schlag in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on, für alle die jetzt ihre eige­ne Gesund­heit für die ande­rer ris­kie­ren. Zudem brin­gen Jogerst-Ratz­ka und sei­ne Mit­strei­ter ein Ein­stiegs­ge­halt von 4.000 Euro in der Pfle­ge in die Dis­kus­si­on, statt der „lächer­li­chen Vor­schlä­ge“ knapp über Min­dest­lohn.

„Han­deln Sie jetzt, Herr Spahn“, heißt es in der per­sön­lich an den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter adres­sier­ten Peti­ti­on, die stel­len­wei­se auch lobt, dass die­ser die Kri­tik offen­sicht­lich zur Kennt­nis neh­me „und sich zumin­dest par­ti­ell dar­an ori­en­tie­re“. Ande­rer­seits reagie­ren die Peten­ten mit bei­ßen­dem Sar­kas­mus auf die Anwei­sung der Behör­den, auch ver­ren­te­te Ärz­te ins Gesche­hen ein­zu­be­zie­hen. „Wir freu­en uns jetzt schon auf die Hoch­ri­si­ko­grup­pe an der Beatmungs­ma­schi­ne hoch infek­tiö­ser Pati­en­ten. Eine unglaub­lich aus­sichts­rei­che, durch­dach­te Maß­nah­me!“

Eine Reak­ti­on Spahns auf den offe­nen Brief habe es bis­her nicht gege­ben, bedau­ert Jogerst-Ratz­ka im Gespräch mit der Rechts­de­pe­sche. Doch die Situa­ti­on der Beschäf­tig­ten in der Pfle­ge sei dra­ma­tisch. „Sie ste­hen unter einer enor­men phy­si­schen und psy­chi­schen Belas­tung. Vie­le Mit­ar­bei­ter leben in Angst, sich und ihre Fami­li­en zu infi­zie­ren.“ Das sei ins­ge­samt ein unhalt­ba­rer Zustand, der auf­hö­ren müs­se, sonst „wer­den die Beatmungs­ma­schi­nen bald nutz­los her­um­ste­hen, weil nie­mand mehr da sein wird, der sie bedient“, heißt es war­nend in der Peti­ti­on. Er selbst habe Sor­ge um der­ar­ti­ge Zustän­de: „Ich möch­te nicht in die Situa­ti­on kom­men, wo wir Tria­ge machen müs­sen und die Ent­schei­dung dann lau­tet, einen 75-jäh­ri­gen mit schwe­rer Lun­gen­ent­zün­dung nur noch pal­lia­tiv zu behan­deln, um die Beatmungs­ma­schi­ne für jemand Jün­ge­res frei­zu­ma­chen“. Die­sen Worst Case gel­te es jetzt gemein­sam zu ver­mei­den.