Pflegekammer
Sandra Postel, hier bei einer Demons­tra­tion in Köln am 13. Mai 2022Bild: Alexan­der Meyer-Köring

Rechts­de­pe­sche: Zuletzt haben Pflegende aus NRW in Köln ihrem Unmut im Rahmen der Streiks Luft gemacht und auch behaup­tet, die Zustände (Perso­nal­man­gel) in Unikli­ni­ken seien lebens­ge­fähr­lich für die Patien­ten. Was sagen Sie als Vorsit­zende des Errich­tungs­aus­schus­ses der Pflege­kam­mer NRW dazu?

Pflege­kam­mer: „Mangel an Kräften ist lebensgefährlich“

Sandra Postel: Der Mangel an Pflege­fach­per­so­nen ist lebens­ge­fähr­lich! Da haben die Kolle­gin­nen und Kolle­gen absolut recht. Die profes­sio­nelle Pflege ist eine elemen­tare Säule im Gesund­heits­we­sen. Sie sorgt in Klini­ken, Alten­hei­men und ambulan­ten Diens­ten für die Sicher­heit der Patien­tin­nen und Patien­ten sowie Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner und sichert die Betriebsabläufe.

Das führt uns der anhal­tende Streik an den sechs Unikli­ni­ken in NRW drastisch vor Augen. Denn ohne Pflege­fach­per­so­nen in ausrei­chen­der Zahl, ist die Situa­tion drama­tisch. Die Klini­ken arbei­ten am Limit und oft auch darüber hinaus. Der Schritt zu einem Tarif­ver­trag Entlas­tung für die Pflegen­den in den Unikli­ni­ken ist richtig. Eine Entlas­tung ist zwingend notwen­dig. Wir unter­stüt­zen daher jede Aktivi­tät, die zur Entlas­tung und Verbes­se­rung für die Pflegen­den führt. Entlas­tun­gen, leistungs­ge­rechte Gehäl­ter und ausrei­chende Perso­nal­schlüs­sel müssen für alle Sekto­ren geschaf­fen werden.

Die Sicher­stel­lung gleicher Arbeits­be­din­gun­gen in allen pflege­ri­schen Einrich­tun­gen ist essen­zi­ell, um eine weitere Abwan­de­rung von Pflege­fach­per­so­nen zu verhindern.

„Pflege­not­stand bleibt große Herausforderung“

Rechts­de­pe­sche: Die CDU verspricht in ihrem Wahlpro­gramm eine Kranken­haus­pla­nung für NRW, eine Verbes­se­rung der Ausbil­dung und Arbeits­be­din­gun­gen in der Pflege – was ist jetzt von der neuen Schwarz-Grünen Landes­re­gie­rung zu erwarten?

Sandra Postel: Es ist wichtig, dass pflege­po­li­ti­sche Themen weit oben auf die politi­sche Agenda kommen. Der Pflege­not­stand bleibt eine große Heraus­for­de­rung, hier besteht dringen­der Handlungs­be­darf. Daher begrü­ßen wir es sehr, wenn die Landes­re­gie­rung sich verstärkt für bessere Rahmen­be­din­gun­gen einset­zen will. Denn es gibt viel Raum für Verbes­se­run­gen in der profes­sio­nel­len Pflege. Wir haben eine klare Erwar­tungs­hal­tung an die neue Landes­re­gie­rung, werden mit den politi­schen Akteu­ren in einen engen Dialog treten und die angestreb­ten Ziele mit konkre­ten Maßnah­men auch einfordern.

Mit über 200.000 Mitar­bei­te­rin­nen und Mitar­bei­tern ist die Pflege die größte medizi­ni­sche Berufs­gruppe in NRW. Daran kann keine Regie­rung vorbei­schauen. Der Grund­stein für ein enges Zusam­men­wir­ken ist gelegt und wir freuen uns auf die Zusam­men­ar­beit. So hält die Landes­re­gie­rung im Koali­ti­ons­ver­trag an der Einrich­tung der Pflege­kam­mer NRW fest. Wir werden unserem Auftrag nachkom­men und unsere fachli­che Exper­tise einbrin­gen, beraten und beglei­ten und vor allem Entschei­dun­gen auf den Weg bringen.

Eine unserer zentra­len Aufga­ben wird es sein, Stellung­nah­men zu Geset­zes­ent­wür­fen einzu­brin­gen. Mit unserem breiten Knowhow und unserer langjäh­ri­gen Erfah­rung in der pflege­ri­schen Versor­gung werden wir schauen, wo Anpas­sun­gen nötig sind und wie diese umgesetzt werden sollten. Konkret wird die Pflege­kam­mer NRW zum Beispiel Teil des Landes­aus­schus­ses Kranken­haus­pla­nung sein und insbe­son­dere dort aus pflege­fach­li­cher Perspek­tive ihre Stimme vertre­ten. So können wir langfris­tig und nachhal­tig Verän­de­run­gen bewir­ken, die das Gesund­heits­sys­tem für die Bürge­rin­nen und Bürger in Nordrhein-Westfa­len nach vorne bringen und gleich­zei­tig die Rahmen­be­din­gun­gen für die Pflege­fach­per­so­nen verbes­sern werden.

„Wir wollen eine moderne, digitale Behörde sein!“

Rechts­de­pe­sche: Eine Pflege­kam­mer als bürokra­ti­scher Apparat braucht die Akzep­tanz der Menschen, die durch sie vertre­ten werden. Die Kammer NRW verspricht größt­mög­li­che Trans­pa­renz herzu­stel­len sowie die Betrof­fe­nen über Struk­tur, Arbeits­weise und Vorteile der Verkam­me­rung aufzu­klä­ren – wie soll das geschehen?

Sandra Postel: Kommu­ni­ka­tion ist ein elemen­ta­rer Baustein unserer Arbeit. Wir kommen der im Heilbe­rufs­ge­setz (§ 6 HeilBerG) festge­schrie­be­nen Aufgabe, die Kammer­an­ge­hö­ri­gen und ebenso die Öffent­lich­keit über unsere Tätig­keit und berufs­be­zo­gene Themen zu infor­mie­ren, gerne nach. Dafür treten wir in den direk­ten Dialog mit unseren Mitglie­dern und sind auf vielen kommu­ni­ka­ti­ven Wegen erreichbar.

Wir verste­hen uns als moderne und auch digitale Behörde und wollen bewei­sen, dass starres Behör­den­den­ken bei uns keinen Platz hat. Wir haben in kürzes­ter Zeit ein umfang­rei­ches Online-Mitglie­der­por­tal entwi­ckelt, das stetig verbes­sert werden soll. Jeder erhält von uns eine Antwort auf seine Fragen. Wir sind per Telefon, per E‑Mail oder auch auf Social Media für Fragen und Anregun­gen erreich­bar. Auf unserer Webseite und in Broschü­ren und Flyern klären wir umfas­send über unsere Aufga­ben und Ziele auf. Darüber hinaus infor­miert wöchent­lich ein Newslet­ter über Wissens­wer­tes und Neuig­kei­ten rund um den Kammeraufbau.

Mit dem ersten Newslet­ter sind wir im Oktober 2021 gestar­tet und haben nun insge­samt schon rund 40 Newslet­ter versen­det. Viermal im Jahr landet unser Magazin „Pflege und Familie“ im Brief­kas­ten der Mitglie­der. Zudem veröf­fent­li­chen wir regel­mä­ßig einen Podcast. Hier berich­ten Mitglie­der des Errich­tungs­aus­schus­ses über Fakten und neuste Entwick­lun­gen in der Kammer­ar­beit. Auch weitere Exper­ten aus der Pflege­bran­che teilen hier ihr Wissen mit den Zuhörern. Vor einigen Tagen haben wir die 23. Episode veröf­fent­licht. Darüber hinaus sind wir mit vielen Infover­an­stal­tun­gen aktiv, sowohl digital als auch in Präsenz.

Bis heute haben wir bereits über 400 Infover­an­stal­tun­gen durch­ge­führt. Mit unserer Reihe „Kammer vor Ort“ haben wir zuletzt zahlrei­che Einrich­tun­gen in NRW besucht und über die Pflege­kam­mer im direk­ten Gespräch infor­miert. Im August gehen wir wieder für zwei Wochen auf Tour. Es hat sich gezeigt, dass gerade der direkte Kontakt Missver­ständ­nisse aufklä­ren und Mythen ausräu­men kann. Daher werden wir weiter­hin nah an den Pflegen­den sein und auch nach der Kammer­grün­dung immer dort sein, wo noch Klärungs- und Infor­ma­ti­ons­be­darf besteht. Wir unter­neh­men also wirklich eine Menge, um über unsere Arbeit aufzu­klä­ren und in den Austausch mit den Mitglie­dern zu gehen.

„Mitglied­schaft für alle Mitglie­der bis Mitte 2023 beitragsfrei“

Rechts­de­pe­sche: Thema Mitglieds­bei­träge – wie lange wird auf diese verzich­tet werden?

Sandra Postel: Diese Frage beschäf­tigt in der Tat viele Mitglie­der. Lassen Sie mich das gerne etwas ausführ­li­cher einord­nen. Die Pflege­kam­mer NRW ist solide finan­ziert. Der Landtag Nordrhein-Westfa­len hat beschlos­sen, dass die Anschub­fi­nan­zie­rung bis Ende Juli 2027 gesichert wird. Durch die Förde­rung wird der Aufbau unserer Heilbe­rufs­kam­mer erheb­lich erleich­tert. Das ermög­licht einen guten Start, da sich die Pflege­kam­mer so auf die fachli­chen Aufga­ben und die Inter­es­sen­ver­tre­tung für die Pflege konzen­trie­ren kann.

Gleich­zei­tig wird die Möglich­keit des Landtags­be­schlus­ses genutzt und die Mitglied­schaft für alle Mitglie­der bis Mitte 2023 beitrags­frei gestellt. Über die Beitrags­ord­nung werden dann die noch zu wählen­den Mitglie­der der Kammer­ver­samm­lung beraten und entschei­den. Die Wahl der Kammer­ver­samm­lung findet am 31. Oktober 2022 statt. Mit einer Entschei­dung über die Höhe der Mitglieds­bei­träge ist dann im kommen­den Jahr zu rechnen. Der Errich­tungs­aus­schuss hat bereits eine Empfeh­lung für einen Kammer­bei­trag von fünf Euro monat­lich ausgesprochen.

Darüber hinaus empfeh­len wir, dass Mitglie­der, die eine Berufs­ur­kunde besit­zen, aber nicht mehr im Pflege­be­ruf arbei­ten (z.B. Rentner), beitrags­frei gestellt werden. An dieser Stelle ist es mir noch einmal wichtig zu betonen, dass die zu erheben­den Mitglieds­bei­träge eine unabhän­gige Kammer­ar­beit garan­tie­ren und somit Selbst­be­stim­mung statt Fremd­be­stim­mung bedeuten.

„Der Koali­ti­ons­ver­trag bietet ein Versprechen“

Rechts­de­pe­sche: Die Grünen wollen keine Großheime. Anstatt diese weiter auszu­bauen, setzen sie auf Alter­na­ti­ven wie Wohn- und Hausge­mein­schaf­ten mit einem umfas­sen­den Pflege­an­ge­bot und neuen Versor­gungs­for­men im Quartier – inwie­weit werden Sie das mittra­gen, wie realis­tisch ist das?

Sandra Postel: Eine quali­ta­tiv hochwer­tige Versor­gung ist nur durch gute Quartiers­lö­sun­gen und enge Einbin­dung der Pflege­ex­per­tise wirklich zu sichern. Die Pflege­wis­sen­schaft und weitere Bezugs­wis­sen­schaf­ten wie die Geron­to­lo­gie geben hierzu eine eindeu­tige Empfeh­lung. Nur mit diesen Ideen und Konzep­ten kann den wachsen­den Heraus­for­de­run­gen begeg­net werden.

Hier muss aus unserer Sicht also dringend ein Umden­ken statt­fin­den und der vorlie­gende Koali­ti­ons­ver­trag bietet ein gewis­ses „Verspre­chen“, welches die Politik jetzt einlö­sen kann. Wir werden in solchen Frage­stel­lun­gen und Projek­ten unsere fachli­che Perspek­tive einbringen.

„Ausbil­dung weiter voranbringen“

Rechts­de­pe­sche: Die Grünen wollen zudem die Pflege­aus­bil­dung verbes­sern – auch dadurch, dass mehr Lehrkräfte die Auszu­bil­den­den unter­rich­ten und die Praxis­an­lei­tun­gen in den Betrie­ben gestärkt wird – was passiert da und wie realis­tisch ist das in Zeiten des Mangels?

Sandra Postel: Der Koali­ti­ons­ver­trag hat sich das Thema Pflege­aus­bil­dung ganz klar auf die Fahne geschrie­ben. Die Kammer ist ja direkt dadurch einge­bun­den, da sie die Grund­la­gen der Weiter­bil­dung für die Praxis­an­lei­ten­den stellen wird. Gute Pflege­fach­per­so­nen erhal­ten wir nur durch eine hochwer­tige Ausbil­dung. Wir wollen deshalb schon die zukünf­ti­gen Kolle­gin­nen und Kolle­gen begrü­ßen und einbin­den. Daher streben wir zeitnah die freiwil­lige Mitglied­schaft der Auszu­bil­de­nen in der Pflege­kam­mer NRW an, um auch hier in den direk­ten Austausch zu kommen.

Praxis­an­lei­ter und Lehrende sind bereits Mitglie­der in der Pflege­kam­mer. Wir sind also auch hier sehr nah dran an den struk­tu­rel­len Heraus­for­de­run­gen und wissen um die Schwie­rig­kei­ten in der Pflege­aus­bil­dung. Auch haben wir einen runden Tisch mit Bildungs­ein­rich­tun­gen initi­iert. Die Übertra­gung von weite­ren staat­li­chen Aufga­ben an die Kammer, wie zum Beispiel die Übernahme von Prüfungs­aus­schüs­sen, ist eine wichtige Frage­stel­lung in diesem Diskurs.

Die zukünf­tige Pflege­kam­mer NRW wird sich im Begleit­gre­mium Pflege­be­ru­fe­re­form der Landes­re­gie­rung aktiv einbrin­gen, um gemein­sam mit dem Gremium die pflege­fach­li­che Ausbil­dung weiter voranzubringen.

„Wir regeln Fort- und Weiter­bil­dung selbstän­dig und verbindlich“

Rechts­de­pe­sche: Die Struk­tu­rie­rung der Pflege­aus­bil­dung/-fortbil­dung/-weiter­bil­dung ist ja auch eine zentrale Aufgabe der Kammer. Was halten sie von den derzei­ti­gen Angeboten?

Sandra Postel: Es ist richtig, dass alle Ordnun­gen in Bezug auf die Fort- und Weiter­bil­dung in der Pflege von der Pflege­kam­mer erlas­sen werden. Die aktuel­len Regelun­gen bilden nach meinem Dafür­hal­ten nicht das gesamte Spektrum der Pflege ab. Es hier bedarf hier einer neuen Struk­tur, die maßgeb­lich von Pflegen­den bestimmt wird. Zudem braucht es eine klarere Orien­tie­rung für die Pflegen­den. Denn derzeit ist es oftmals schwie­rig, den Überblick bei den verschie­de­nen Angebo­ten zu behalten.

Das hören wir vielmals in unseren Gesprä­chen mit den profes­sio­nell Pflegen­den. Die zukünf­tige Pflege­kam­mer NRW ist daher gesetz­lich ermäch­tigt, die Fort- und Weiter­bil­dungs­mög­lich­kei­ten selbstän­dig und verbind­lich zu regeln. Was die Ausbil­dungs­ord­nung betrifft, so ist diese ja bundes­ge­setz­lich geregelt.

„Wir müssen raus aus der Fremdbestimmung!“

Rechts­de­pe­sche: Was wünschen Sie sich persön­lich für die nahe Zukunft an Verbes­se­run­gen in der Pflege, was wäre für Sie das Wichtigste dabei?

Sandra Postel: Grund­sätz­lich müssen wir raus aus der Fremd­be­stim­mung! Keine Entschei­dung darf mehr über die Köpfe der Pflege hinweg getrof­fen werden. Deshalb müssen die Kammern beispiels­weise in die Umset­zung von Pflege­stel­len­för­der­pro­gram­men einge­bun­den werden. Und natür­lich gehört die Pflege an die Krisen­ti­sche, um Fehler wie in der aktuel­len Pande­mie zu vermeiden.

Raus aus der Fremd­be­stim­mung heißt aber noch mehr! Die Chance der Kammer besteht für mich auch darin, eine Platt­form zu schaf­fen, auf der Pflegende eine Haltung zu ihrem Beruf im gemein­sa­men Dialog erarbei­ten und diese in einer Berufs­ord­nung auch selbst bestim­men. Wenn wir als profes­sio­nell Pflegende besser lernen, mit einer Stimme zu sprechen, können wir auch mit den anderen Partnern im Gesund­heits­we­sen besser in die Aushand­lung gehen. Diese gemein­same Stärke unseres Berufs­stan­des ist für mich der eigent­li­che grund­le­gende Schritt zur Verbes­se­rung unserer Situation.

Rechts­de­pe­sche: Vielen Dank für das Gespräch!

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