Zahngesundheit
Wur­de ein Pati­ent durch einen Behand­lungs­feh­ler geschä­digt, liegt die Beweis­last auf Sei­ten des Zahn­arz­tes.Serghei Starus | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Sachverhalt

In einem aktu­el­len Fall hat­te ein Zahn­me­di­zi­ner eine umfas­sen­de Gebis­s­er­neue­rung vor­ge­nom­men. Die ursprüng­li­che pro­the­ti­sche Ver­sor­gung wies zum Zeit­punkt der Erst­be­hand­lung defek­te bzw. per­fo­rier­te Kro­nen auf. Nach umfas­sen­der Vor­be­hand­lung wur­de mit der Erneue­rung der Kro­nen­ver­sor­gung begon­nen. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer nahm inner­halb von zwei Mona­ten eine Bis­s­an­he­bung um 2 mm vor. Eine vor­he­ri­ge Modellana­ly­se und eine Biss­he­bungs­pha­se mit­hil­fe einer Schien­en­the­ra­pie erfolg­ten indes nicht.

Der Pati­ent war mit der pro­the­ti­schen Ver­sor­gung höchst unzu­frie­den. Rechts bestand eine Non­ok­klu­si­on (unzu­rei­chen­de oder feh­len­de Kon­takt­be­zie­hung der Zahn­rei­hen) und die Kro­nen­rän­der waren an meh­re­ren Zäh­nen insuf­fi­zi­ent. Zahl­rei­che Ein­schleif­maß­nah­men wäh­rend der fol­gen­den Mona­te hat­ten zu kei­ner beschwer­de­frei­en okklu­sa­len Situa­ti­on geführt. Viel­mehr ent­wi­ckel­ten sich aus­ge­präg­te Kopf- und Nacken­be­schwer­den im Sin­ne einer cra­nio­man­di­bu­lä­ren Dys­funk­ti­on (CMD), die umfas­send durch Schien­en­the­ra­pie sowie Phy­sio­the­ra­pie behan­delt wer­den muss­ten.

Die zum Teil insuf­fi­zi­en­ten Kro­nen muss­ten zunächst ent­fernt wer­den. Nach einer The­ra­pie zur Biss­ein­stel­lung mit­tels Lang­zeit­pro­vi­so­ri­um wur­de eine neue Kro­nen­ver­sor­gung ein­ge­glie­dert.

Der gericht­li­che Gut­ach­ter kon­sta­tier­te, dass die Biss­he­bung um 2 mm ohne eine funk­tio­nel­le Befund­er­he­bung und eine funk­ti­ons­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung grob feh­ler­haft sei. Denn nur so kön­ne kon­trol­liert wer­den, ob der Pati­ent die Biss­he­bung tole­riert und funk­tio­nel­le Stö­run­gen aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen.

Rechtliche Würdigung

Die Erneue­rung der pro­the­ti­schen Ver­sor­gung war im vor­lie­gen­den Fall zwar indi­ziert, deren Aus­füh­rung aus medi­zi­ni­scher Sicht hin­ge­gen grob feh­ler­haft.

Ein gro­ber Behand­lungs­feh­ler liegt vor, wenn gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln bzw. gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se in einer Wei­se ver­sto­ßen wird, dass der Feh­ler aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil er einem (Zahn-)Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen darf, vgl. BGH, Urt. v. 19.06.2001, Az. VI ZR 286/00.

Die The­ra­pie zur Biss­he­bung wird auf Grund­la­ge eines Dienst­ver­trags geleis­tet, d. h., der Zahn­arzt muss den Pati­en­ten „lege artis“ und damit gemäß gesi­cher­ter medi­zi­ni­scher Erkennt­nis­se behan­deln. Einen Erfolg im Sin­ne eines kom­pli­ka­ti­ons­lo­sen Ver­laufs schul­det er indes nicht. Bei Pati­en­ten mit Kie­fer­ge­lenks­pro­ble­men – so auch bei einer gra­vie­rend ver­än­der­ten Biss­la­ge – for­dert der medi­zi­ni­sche Stan­dard regel­mä­ßig eine umfas­sen­de Funk­ti­ons­dia­gnos­tik. Auch ohne das Vor­lie­gen einer CMD-Pro­ble­ma­tik ist die­se Vor­be­hand­lung not­wen­dig, wenn im Rah­men der pro­the­ti­schen Restau­ra­ti­on eine voll­stän­di­ge Auf­he­bung der Biss­la­ge geplant ist, vgl. OLG Düs­sel­dorf, Urt. v. 15.01.1998, Az. 8 U 57/97. So ver­hielt es sich auch hier. Der Biss soll­te ins­ge­samt um 2 mm geho­ben wer­den, wodurch die ursprüng­li­che Biss­la­ge voll­stän­dig auf­ge­ho­ben wur­de. Eine vor­aus­ge­hen­de funk­ti­ons­the­ra­peu­ti­sche Dia­gnos­tik und The­ra­pie war daher zwin­gend erfor­der­lich.

Wur­de ein Pati­ent – wie hier – durch einen gro­ben Behand­lungs­feh­ler geschä­digt, geht die Beweis­last vom Pati­en­ten auf den Zahn­arzt über, der bewei­sen müss­te, dass der Scha­den auch bei recht­mä­ßi­gem Ver­hal­ten ein­ge­tre­ten wäre.

Den Nach­weis, dass die Biss­he­bung auch nach einer durch­ge­führ­ten funk­ti­ons­the­ra­peu­ti­schen Dia­gnos­tik und The­ra­pie vom Pati­en­ten nicht tole­riert wor­den wäre, war selbst­re­dend nicht zu füh­ren. Der Zahn­arzt wur­de des­halb zur Rück­zah­lung des Hono­rars von rd. 10.000 Euro, einem Schmer­zens­geld von 7.000 Euro sowie wei­te­ren rd. 10.000 Euro Fol­ge­be­hand­lungs­kos­ten der nun­mehr ent­stan­de­nen CMD ver­ur­teilt.

Fazit

Abwei­chun­gen von weni­gen Mil­li­me­tern im Gebiss kön­nen weit­rei­chen­de Fol­gen haben. So kann eine CMD Schä­den an der Wir­bel­säu­le ver­ur­sa­chen, wel­che mit­un­ter chro­nisch ver­lau­fen. Wegen die­ser weit­rei­chen­den Risi­ken wird dem Arzt bei einer erheb­li­chen Bis­s­an­he­bung und/oder der Behand­lung von CMD-Pati­en­ten ein äußerst gewis­sen­haf­tes Arbei­ten abver­langt. Wird der erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Stan­dard nicht erfüllt, hat der Behand­ler für den ent­stan­de­nen Scha­den in sei­ner gan­zen Trag­wei­te auf­zu­kom­men. Dabei erhö­hen die lang­wie­ri­gen und kost­spie­li­gen Behand­lun­gen den Scha­den beträcht­lich.