Eine ange­neh­me­re Behand­lungs­maß­nah­me, ver­spricht nicht zwangs­läu­fig eine risi­ko­freie­re The­ra­pieRazyph | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

So wird Pati­en­ten vor der Implan­ta­ti­on eines neu­en Knie­ge­lenks in Aus­sicht gestellt: „Am Tag danach stel­len wir Sie schmerz­frei auf Ihre Bei­ne.” Und dies trifft in vie­len Fäl­len auch zu. Natür­lich ist es begrü­ßens­wert und not­wen­dig, dass in der Medi­zin die Angst und der Schmerz des Pati­en­ten ernst genom­men wer­den und sich Ver­fah­ren eta­bliert haben, die die­se unan­ge­neh­men Sei­ten der Behand­lung mini­mie­ren. Aller­dings ist auch dies wie­der­um oft mit Risi­ken ver­bun­den, über die vor­ab auf­ge­klärt wer­den muss. Es müs­sen alter­na­tiv auch die zur Ver­fü­gung ste­hen­den, ver­meint­lich „unan­ge­neh­me­ren“ Behand­lungs­mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt wer­den, ins­be­son­de­re, wenn die­se risi­ko­är­mer zum glei­chen Ergeb­nis füh­ren kön­nen. Dies gilt zum Bei­spiel für Zahn­be­hand­lun­gen, die in Lokal­an­äs­the­sie durch­ge­führt wer­den könn­ten, aber auf Wunsch des Pati­en­ten, der von allem nichts mit­be­kom­men will, unter Voll­nar­ko­se vor­ge­nom­men wer­den.

Recht­li­che Risi­ken erge­ben sich daher, auch wenn die Nar­ko­se lege artis unter Wah­rung aller medi­zi­ni­schen Erfor­der­nis­se von appa­ra­ti­ver Aus­stat­tung durch Fach­per­so­nal durch­ge­führt wird, im Bereich der Auf­klä­rung.

Lei­der haben sich die Risi­ken einer sol­chen Behand­lung in einem Fall dra­ma­tisch ver­wirk­licht, als für einen Pati­en­ten Anfang 20, der gera­de sei­ne Aus­bil­dung abge­schlos­sen hat­te, eine Ent­fer­nung der Weis­heits­zäh­ne anstand.

Sachverhalt

Der jun­ge Mann stell­te sich auf­grund von Beschwer­den im Bereich bei­der Kie­fer­ge­len­ke bei sei­nem Zahn­arzt vor. Der Zahn­arzt dia­gnos­ti­zier­te vier ver­la­ger­te Weis­heits­zäh­ne, deren ope­ra­ti­ve Ent­fer­nung drin­gend indi­ziert war. Der Pati­ent war ent­setzt. Zum einen litt er unter einer erheb­li­chen Zahn­arzt­angst, dar­über hin­aus hat­te er auch in sei­nem Bekann­ten­kreis von beängs­ti­gen­den Erleb­nis­sen zum The­ma Weis­heits­zahnent­fer­nung gehört. Daher stand für ihn fest, dass er, wenn über­haupt, den ambu­lan­ten Ein­griff in Voll­nar­ko­se durch­füh­ren las­sen woll­te. Der Zahn­arzt erläu­ter­te dar­auf­hin das geplan­te Vor­ge­hen unter Voll­nar­ko­se, ohne jedoch auf die risi­ko­är­me­re Behand­lungs­al­ter­na­ti­ve ein­zu­ge­hen.

Der Anäs­the­sist mel­de­te sich eini­ge Tage vor dem Ein­griff tele­fo­nisch und führ­te ein Auf­klä­rungs­ge­spräch durch. Hier­bei wur­den die mit der Voll­nar­ko­se typi­scher­wei­se ver­bun­de­nen Risi­ken bespro­chen. Am Tag der Ope­ra­ti­on wur­den zunächst eine kör­per­li­che Unter­su­chung und sodann noch­mals ein Gespräch durch­ge­führt, um etwai­ge noch offe­ne Fra­gen zu klä­ren. Der Pati­ent unter­zeich­ne­te schließ­lich, ohne wei­te­re Fra­gen zu stel­len, den Auf­klä­rungs­bo­gen.

Wäh­rend der Ope­ra­ti­on kam es jedoch zu Kom­pli­ka­tio­nen bei der Beatmung, die trotz Ergrei­fens aller erfor­der­li­chen Maß­nah­men sei­tens des Anäs­the­sis­ten auf­grund einer zuneh­men­den Mus­kel­stei­fe zunächst erschwert und sodann schließ­lich unmög­lich war. Es kam zur Sauer­stoff­un­ter­ver­sor­gung mit der Fol­ge eines Herz­still­stands und einer kar­dio­pul­mo­na­len Reani­ma­ti­on. Zeit­nah wur­de der Not­arzt geru­fen. Gleich­wohl tra­ten schwer­wie­gen­de Schä­den ein.

Im Nach­gang ließ der Pati­ent vor­tra­gen, dass er in Kennt­nis der mög­li­chen Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven, die der­art risi­ko­be­haf­te­te Behand­lung unter Voll­nar­ko­se abge­lehnt und sich in meh­re­ren Ein­zel­sit­zun­gen hät­te behan­deln las­sen.

Die fach­me­di­zi­ni­sche Begut­ach­tung stell­te die Indi­ka­ti­on einer Voll­nar­ko­se infra­ge, weil ein Ein­griff in Lokal­an­äs­the­sie bei dem erwach­se­nen, ansons­ten gesun­den Pati­en­ten mög­lich und aus­rei­chend gewe­sen wäre. Die Durch­füh­rung der Nar­ko­se und das Not­fall­ma­nage­ment wur­den hin­ge­gen als dem anäs­the­sio­lo­gi­schen Stan­dard ent­spre­chend bewer­tet.

Rechtliche Würdigung

Auch wenn der Pati­ent von vorn­her­ein mit­teilt, für ihn kom­me auf­grund einer zu erwar­ten­den Angst­re­ak­ti­on nur ein Ein­griff in Voll­nar­ko­se infra­ge, so ist sicher von dem behan­deln­den Zahn­arzt zu ver­lan­gen, dem Pati­en­ten ein rea­lis­ti­sches Bild über Nut­zen und Risi­ken aller in Betracht kom­men­den Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven zu ver­schaf­fen, damit der Pati­ent in frei­er Wil­lens­ent­schlie­ßung ent­schei­den kann, wel­cher Behand­lung er sich unter­zie­hen und ins­be­son­de­re wel­che damit ver­bun­de­nen Risi­ken er ein­ge­hen möch­te. Vor­lie­gend war der Pati­ent dem­nach über die Risi­ken der Weis­heits­zahn­ex­trak­ti­on inner­halb meh­re­rer Behand­lungs­ab­schnit­te im Ver­gleich zur Extrak­ti­on aller Weis­heits­zäh­ne in einer Sit­zung auf­zu­klä­ren. Ins­be­son­de­re waren dem Pati­en­ten die Risi­ken einer Voll­nar­ko­se im Ver­gleich zur mög­li­chen Lokal­an­äs­the­sie auf­zu­zei­gen.

§ 630e BGB ver­langt inso­weit eine münd­li­che Auf­klä­rung, die durch den Behand­ler oder eine Per­son statt­fin­den muss, die über die zur Durch­füh­rung der Maß­nah­me not­wen­di­ge Aus­bil­dung ver­fügt. Durch die „Münd­lich­keit“ soll sicher­ge­stellt sein, dass der Pati­ent auch Fra­gen stel­len kann. In ein­fach gela­ger­ten Fäl­len kann eine Auf­klä­rung auch tele­fo­nisch durch­ge­führt wer­den, wenn der Pati­ent hier­mit aus­drück­lich ein­ver­stan­den ist.

Die Anfor­de­run­gen an die Auf­klä­rung ori­en­tie­ren sich dabei an dem Umfang der mit dem Ein­griff ein­her­ge­hen­den Risi­ken. Als Faust­for­mel gilt hier: je höher die Risi­ken, des­to höher auch die Anfor­de­run­gen an die Auf­klä­rung. Sind die Risi­ken eines Ein­griffs erheb­lich, so sind sie dem Pati­en­ten in aller Deut­lich­keit und Ver­ständ­lich­keit dar­zu­le­gen. Dies gilt umso mehr, wenn risi­ko­är­me­re Behand­lungs­me­tho­den zur Wahl ste­hen. Erfolgt die Auf­klä­rung nicht in der gebo­te­nen Ver­ständ­lich­keit und Deut­lich­keit, steht die Rechts­wid­rig­keit des Ein­griffs und damit eine Kör­per­ver­let­zung zur Dis­kus­si­on.

Ist im Rah­men einer Behand­lung eine Voll­nar­ko­se nicht zwin­gend indi­ziert, son­dern die­se auch unter Lokal­an­äs­the­sie mög­lich, so ist selbst der von vorn­her­ein zur Voll­nar­ko­se als ver­meint­lich „ange­neh­me­ren“ Vari­an­te ent­schlos­se­ne Pati­ent detail­liert über die Mög­lich­keit der Lokal­an­äs­the­sie auf­zu­klä­ren. Nur wenn ihm eine rea­lis­ti­sche Vor­stel­lung aller im Ver­gleich der bei­den Vari­an­ten inne­woh­nen­den Risi­ken ver­mit­telt wird, kann er sich rechts­wirk­sam für die aus sei­ner Sicht „ange­neh­me­re“ Voll­nar­ko­se ent­schei­den.

Auch muss die Auf­klä­rung recht­zei­tig statt­fin­den, um dem Pati­en­ten den für eine freie Wil­lens­ent­schlie­ßung not­wen­di­gen Raum zu geben. Auch hier gilt: Je risi­ko­rei­cher der Ein­griff, des­to recht­zei­ti­ger muss die Auf­klä­rung erfol­gen.

Die Auf­klä­rung muss zudem im Detail doku­men­tiert wer­den. Allein an die Ver­let­zung der Doku­men­ta­ti­ons­pflicht knüp­fen sich zwar kei­ne unmit­tel­ba­ren Haf­tungs­fol­gen. Aller­dings führt die man­gel­haf­te oder feh­len­de Doku­men­ta­ti­on zu erheb­li­chen Beweis­nach­tei­len bis hin zur Beweis­last­um­kehr im Pro­zess.

Fazit

Obgleich die Behand­lung lege artis durch­ge­führt wur­de, war der Ein­griff vor­lie­gend rechts­wid­rig, weil dem Pati­en­ten die mög­li­che und deut­lich risi­ko­är­me­re Behand­lungs­al­ter­na­ti­ve der Lokal­an­äs­the­sie durch den behan­deln­den Zahn­arzt nicht auf­ge­zeigt wur­de. Auf­grund der erheb­li­chen Risi­ken war auch nicht von einer mut­maß­li­chen Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten aus­zu­ge­hen. Des­sen Ein­las­sung, dass er in Kennt­nis der Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven die beson­de­ren Risi­ken einer Voll­nar­ko­se nicht ein­ge­gan­gen wäre, war plau­si­bel und des­halb nicht zu wider­le­gen. Der Zahn­arzt hat inso­weit die Scha­den­fol­gen man­gels einer wirk­sa­men Auf­klä­rung im vol­len Umfang zu ver­tre­ten.