Herr Prof. Großkopf, Ihr Werkbuch „Kompaktwissen Haftpflichtrecht. Die Vertragshaftung in der Pflege“ ist brandneu in zweiter Auflage erschienen. Was ist das Besondere an dem Buch?

Das Beson­de­re an die­sem Werk­buch ist, dass man die haf­tungs­recht­li­che Inan­spruch­nah­me anhand der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen der ver­trag­li­chen Haf­tung dar­stellt. Grund­sätz­lich ist es so, dass der Klä­ger im Gesund­heits­we­sen – das ist der Pati­ent, das kann eine Kran­ken­kas­se sein – alle anspruchs­be­grün­den­den Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen zu bewei­sen hat, um Scha­dens­er­satz zu erhal­ten. Wenn man sich die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen anschaut, dann wird es bereits beim Behand­lungs­feh­ler schon rela­tiv schwie­rig für die kla­gen­de Par­tei, die­sen bewie­sen zu erhal­ten. Und des­we­gen gewinnt in der Regel der Klä­ger den Pro­zess nur, wenn Beweis­erleich­te­run­gen zu sei­nen Guns­ten hin­zu­tre­ten. Aus die­sem Grun­de ist es für die Gesund­heits­ein­rich­tun­gen und die dort han­deln­den Per­so­nen extremst wich­tig, die unter­schied­li­chen Beweis­erleich­te­run­gen und deren Aus­wir­kun­gen zu ken­nen. Und genau die­se Beweis­erleich­te­run­gen, oder die am häu­figs­ten vor­kom­men­den Beweis­erleich­te­run­gen im Gesund­heits­we­sen, wer­den in die­sem Buch dar­ge­stellt, und zwar auf der Ebe­ne der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen, auf der sich die Beweis­erleich­te­run­gen sozu­sa­gen aus­wir­ken.

Zum Beispiel?

Der Ein­satz nicht hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Per­so­nals führt zum Bei­spiel zu einer Beweis­erleich­te­rung. Ein­mal auf der Behand­lungs­feh­ler­ebe­ne: denn bereits der Ein­satz des nicht hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Per­so­nals stellt ein Fehl­ver­hal­ten der Ein­rich­tung dar. Und es wirkt sich aber auch auf der Kau­sa­li­täts­ebe­ne beweis­erleich­ternd aus: näm­lich dahin­ge­hend, dass nicht mehr der Klä­ger bewei­sen muss, dass der Scha­den bei ord­nungs­ge­mä­ßem Ver­hal­ten mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit nicht ein­ge­tre­ten wäre, son­dern die Ein­rich­tung muss sich ent­las­ten und muss dar­le­gen, dass die­ser Scha­den mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich auch ein­ge­tre­ten wäre, wenn ent­spre­chend befä­hig­tes Per­so­nal zum Ein­satz gekom­men wäre. Und so einen Beweis wird eine Ein­rich­tung schluss­end­lich nicht füh­ren kön­nen.

So, und das ist nun ein gutes Bei­spiel wie in die­sem Buch vor­ge­gan­gen wird: Der Beklag­te, das heißt hier die Ein­rich­tung respek­ti­ve die Pfle­ge­kraft, wird sen­si­bi­li­siert bezüg­lich der ent­spre­chen­den Beweis­erleich­te­rung, um die­se in der Pra­xis nicht ein­tre­ten zu las­sen. Und damit schla­gen wir zwei Flie­gen mit einer Klap­pe: zum einen ver­hin­dern wir näm­lich dadurch die Inan­spruch­nah­men der Ein­rich­tung und die Inan­spruch­nah­men gegen­über dem han­deln­den Per­so­nal und auf der ande­ren Sei­te ver­hin­dern wir aber auch Scha­dens­si­tua­tio­nen, weil wir eben befä­hig­tes Per­so­nal ein­setz­ten. Und damit – und ich den­ke, das ist das obers­te Ziel, das zu errei­chen wäre – schaf­fen wir es, dass der Pati­ent nicht zu Scha­den kommt.

Und, um viel­leicht noch eine Beson­der­heit des Buches zu nen­nen, wir neh­men unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven ein. Ein­mal die Per­spek­ti­ve des Klä­gers. Das ist natür­lich für den Leser, für den Han­deln­den von gro­ßer Wich­tig­keit, weil er sich sozu­sa­gen in die­se Per­spek­ti­ve hin­ein ver­set­zen kann und dann pro­spek­tiv in sei­ner Ein­rich­tung ent­spre­chend agie­ren kann, um genau die Feh­ler, die dort ein­tre­ten kön­nen, vor­aus­schau­end zu ver­hin­dern. Aber wir neh­men auch die Per­spek­ti­ve der Gesund­heits­ein­rich­tung oder des Sozi­al­hil­fe­trä­gers ein, um auch hier ent­spre­chend balan­ciert Scha­dens­si­tua­tio­nen ver­hin­dern zu kön­nen.

Ein Selfie darf bei so einem Interview natürlich nicht fehlen (v. l. n. r): Prof. Dr. Volker Großkopf, Autor und Herausgeber des neuen Werkbuchs
Ein Sel­fie darf bei so einem Inter­view natür­lich nicht feh­len (v. l. n. r): Prof. Dr. Vol­ker Groß­kopf, Autor und Her­aus­ge­ber des neu­en Werk­buchs „Kom­pakt­wis­sen Haft­pflicht­recht. Die Ver­trags­haf­tung in der Pfle­ge“; Maren van Les­sen, Rechts­de­pe­sche-Redak­teu­rin.

Was ist neu an Ihrem Werkbuch gegenüber der vorherigen Auflage?

Neu an dem Buch ist, dass es zum einen kom­plett über­ar­bei­tet und erwei­tert wor­den ist und mit der neu­es­ten Recht­spre­chung ver­se­hen wur­de. Aber auch, dass an den ent­spre­chen­den Stel­len mit Video­clips gear­bei­tet wird, die über QR-Codes her­un­ter­ge­la­den wer­den kön­nen, um dann noch­mal die Kern­in­hal­te bes­ser, qua­si syn­ap­tisch, ver­knüp­fen zu kön­nen. So kann über das Lesen auch hier noch­mal ein visu­el­ler und audio­vi­su­el­ler Kon­takt statt­fin­den.

Sie haben bereits ein Beispiel gemacht – welche Themenbereiche werden noch abgedeckt?

In dem Buch sind unzäh­li­ge Pra­xis­bei­spie­le auf­ge­zählt, weil anhand die­ser Pra­xis­bei­spie­le natür­lich der Trans­fer aus der Theo­rie in die Pra­xis viel bes­ser voll­zo­gen wer­den kann. Viel­leicht wich­tig vor­her­zu­he­ben ist, dass ich die klas­si­schen pfle­ge­ri­schen Pro­blem­fel­der in die­sem Buch auf­ge­nom­men habe. Dazu zählt natür­lich das Deku­bi­tal­ge­schwür, der Sturz als ein ganz ele­men­ta­res haf­tungs­recht­li­ches Pro­blem, die Hygie­ne, Doku­men­ta­ti­on und der Per­so­nal­ein­satz, den ich ja vor­hin schon erwähnt hat­te.

Können Sie noch einmal anhand eines anderen Problemfeldes erklären, wie es sich dort mit den Anspruchsvoraussetzungen bzw. mit der Beweiserleichterung verhält?

Wir kön­nen uns jetzt ein­fach mal das Pro­blem­feld Deku­bi­tus her­aus­grei­fen, weil hier­an ja in der Regel auch die pfle­ge­ri­sche Qua­li­tät gemes­sen wird. Dar­an kann man sehr schön in dem Buch die Sicht­wei­se des Klä­gers, bezo­gen auf die Fest­stel­lung des Behand­lungs­feh­lers, abar­bei­ten. Der Klä­ger wird in einem Haf­tungs­pro­zess, sprich nach einem auf­ge­tre­te­nen Deku­bi­tus, dar­le­gen wol­len oder müs­sen, dass eine Abwei­chung des Soll-Zustan­des vom Ist-Zustand statt­ge­fun­den hat. Das heißt, der Soll-Zustand ist das, was der Pfle­ger an Behand­lung schul­det und der Pati­ent wird dann sozu­sa­gen schau­en müs­sen, was tat­säch­lich geleis­tet wor­den ist – also das wäre dann der Ist-Zustand. Um die­sen Abgleich vor­zu­neh­men, muss der Klä­ger auf die klas­si­schen Beweis­mit­tel zurück­grei­fen – fünf an der Zahl – und das Beweis­mit­tel, das in solch einem Pro­zess in der Regel her­an­ge­zo­gen wird, ist die Doku­men­ta­ti­on.

Und die ist ja bekanntlich problembehaftet, da sie nicht immer fehlerfrei oder lückenlos angefertigt wird, richtig?

Genau, die Doku­men­ta­ti­on ist in den Ein­rich­tun­gen hoch belas­tet, weil in der Regel viel zu viel geschrie­ben wird, dadurch Wider­sprüch­lich­kei­ten ent­ste­hen oder es wer­den Lücken auf­ge­zeigt, also das Wesent­li­che wird eben nicht doku­men­tiert. So sehen Sie sehr schön, wie ein pfle­ge­ri­sches Pro­blem sich mit einem tat­säch­li­chen Pro­blem ver­quickt.

Und das kann in einem Haf­tungs­pro­zess, wie sich jetzt an die­sem Bei­spiel her­aus­stellt, zu einem Pro­blem füh­ren. Weil man mit die­ser Doku­men­ta­ti­on in der rück­bli­cken­den Betrach­tung fest­stel­len wird, ob sozu­sa­gen Ihre Hand­lun­gen, die Sie am Pati­en­ten voll­zo­gen haben, dem Soll-Zustand ent­spre­chen. Und wenn wir uns jetzt mal die Deku­bi­tus­pro­phy­la­xe anschau­en, wird man sehen: Haben Sie ein ent­spre­chen­des Assess­ment durch­ge­führt, also die ent­spre­chen­de not­wen­di­ge Risi­ko­be­trach­tung? Haben Sie den Pati­en­ten rich­tig ein­ge­stuft? Und wenn Sie dann zu einem Deku­bi­tus­ri­si­ko gekom­men sind – sind die erfor­der­li­chen Maß­nah­men zur Kom­pen­sa­ti­on die­ses Risi­kos ergrif­fen wor­den? Sind sie durch­ge­führt wor­den? – All das wird abge­gli­chen mit dem, was sie tun müs­sen – also dem Soll-Zustand, und der ergibt sich aus dem aner­kann­ten Stand der pfle­ge­ri­schen Wis­sen­schaft und For­schung. All das, die­ses Zusam­men­spiel, was sich jetzt rela­tiv kom­plex anhört, ist in die­sem Buch sehr gut auf­ge­ar­bei­tet, sodass Sie die Inhal­te in Ihr eige­nes Qua­li­täts­ma­nage­ment­sys­tem über­füh­ren kön­nen, um eben Schä­den vom Pati­en­ten abwen­den zu kön­nen.

Eine letzte Frage: An wen konkret richtet sich also das Buch?

Das Buch ist eigent­lich ein Lehr­buch, das ich mit den Mas­ter­stu­den­ten durch­ar­bei­te und daher ist es didak­tisch sehr gut erprobt. Gerich­tet ist das Buch an alle Hier­ar­chie­ebe­nen des Gesund­heits­sys­tems, also es ist für eine Pfle­ge­dienst­lei­tung genau­so geeig­net wie für eine Sta­ti­ons- oder Bereichs­lei­tung, aber auch die am Kran­ken­bett han­deln­de Pfle­ge­kraft, wenn ich das so sagen darf, wird hier ganz vie­le wert­vol­le Hin­wei­se fin­den, die sie dann in ihrer täg­li­chen Arbeit umset­zen kann.

Ich weiß, dass Ärz­te, wenn sie das Wort Pfle­ge hören, nicht ger­ne sol­che Bücher zur Hand neh­men. Aber durch­aus auch für den ärzt­li­chen Dienst ist die­ses Buch bes­tens geeig­net und ich wür­de mich wirk­lich sehr freu­en, wenn das Buch auch im Unter­richts­kon­text zum Ein­satz gebracht wer­den kann. Wie gesagt, ich set­ze es in mei­nem Mas­ter­stu­di­um ein, aber den einen oder ande­ren Aspekt und vie­le Inhal­te kön­nen bereits in den Kran­ken­pfle­ge­schu­len ein­ge­bracht wer­den, sodass hier ein nach­hal­ti­ger Lern­trans­fer sicher­ge­stellt wer­den kann.

Herr Prof. Dr. Großkopf, herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch.

 

Das Buch „Komp­takt­wis­sen Haft­pflicht­recht. Die Ver­trags­haf­tung in der Pfle­ge“ in zwei­ter Auf­la­ge kann hier im Shop erwor­ben wer­den.