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Medizi­ni­sches und Pflege­per­so­nal sind weiter­hin mit Arbeits­ver­dich­tung und Stellen­ab­bau konfron­tiert. Vor allem den Pflegen­den bleibt oft zu wenig Zeit für Kernauf­ga­ben, insbe­son­dere das Gespräch mit Patien­ten und Angehö­ri­gen. Das zeigt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geför­derte Untersuchung.

Die Forschungs­team vom Insti­tut Arbeit und Technik (IAT) der Westfä­li­schen Hochschule Gelsen­kir­chen haben darin erstmals unter­sucht, wie sich die Zuord­nung von Aufga­ben, Tätig­kei­ten und Quali­fi­ka­tio­nen im Reorga­ni­sa­ti­ons­pro­zess der Kranken­häu­ser verän­dern. Die Studi­en­ergeb­nisse resul­tie­ren in erster Linie aus einer umfang­rei­chen Online-Befra­gung, an der sich mehr als 2.500 Kranken­haus­be­schäf­tigte aus ganz Deutsch­land betei­ligt haben. Die nicht reprä­sen­ta­tive Befra­gung vermit­telt einen Einblick in die Situa­tion in deutschen Krankenhäusern.

Angesichts der hohen Belas­tung sowohl von Medizi­nern als auch von Pflegen­den werde in Fachkrei­sen häufig eine „neue Arbeits­tei­lung zwischen den Gesund­heits­be­ru­fen“ gefor­dert, schrei­ben die IAT-Forscher. Ansätze dazu seien auf vielen Statio­nen längst zu beobach­ten. So überneh­men zum Beispiel Pflege­kräfte Aufga­ben, die früher vor allem Medizi­nern vorbe­hal­ten waren und geben ihrer­seits Arbei­ten an „Assis­tenz­dienste“ ab. Kranken­haus­ma­na­ger geben in Umfra­gen an, in den letzten Jahren schon viel für bessere Arbeits­be­din­gun­gen getan zu haben. Die Sicht der Beschäf­tig­ten lasse aber „starke Zweifel daran aufkom­men, dass diese Verän­de­run­gen erfolg­reich sind“, betonen die Forscher um Prof. Dr. Josef Hilbert. Dabei unter­schie­den sich die verschie­de­nen Berufs­grup­pen zwar im Ausmaß ihrer Kritik, sähen aber insge­samt die gleichen Probleme. So wieder­spre­chen rund 78 Prozent der Pflegen­den, mehr als 63 Prozent der Ärzte und etwa 70 Prozent der übrigen Befrag­ten der Aussage: „Meine Arbeits­be­din­gun­gen haben sich in den letzten 5 Jahren verbes­sert“. Mehr als 50 Prozent der Befrag­ten glauben nicht, dass die Patien­ten von den bisher erfolg­ten Verän­de­run­gen der Aufga­ben­ver­tei­lung auf ihren Statio­nen profitieren.

Arbeits­ver­dich­tung gestiegen

Nach Schät­zun­gen sind seit Mitte der 1990er Jahre in den deutschen Klini­ken im Pflege­be­reich rund 50.000 Stellen abgebaut worden – bei zeitgleich steigen­den Patien­ten­zah­len. Die in der IAT-Studie befrag­ten Pflege­kräfte beschrei­ben die damit verbun­dene Arbeits­ver­dich­tung auch für die jüngste Zeit: 71 Prozent geben an, auf ihrer Station seien Pflege­stel­len abgebaut worden. Ledig­lich 16 Prozent berich­ten von neuen Arbeits­plät­zen und nur knapp 12 Prozent geben an, dass Aufga­ben in der Pflege reduziert worden seien. Auch nach Einschät­zung der Ärztin­nen und Ärzte sind in ihrem Arbeits­be­reich eher Stellen gestri­chen als geschaf­fen worden. Zudem berich­ten fast 37 Prozent, dass auf ihrer Station Medizi­ner als Leih- oder Zeitar­bei­ter beschäf­tigt würden.

Keine Zeit für das Wesentliche

Im Arbeits­all­tag erleben viele Beschäf­tigte aus allen Berufs­grup­pen perma­nente Zeitknapp­heit. Knapp 60 Prozent sagen, sie hätten nicht genug Zeit für ihre Arbeit, weitere 27 Prozent beant­wor­ten die Frage mit „teils-teils“. Mehr als die Hälfte der befrag­ten Ärzte und Pflege­kräfte können zumin­dest mehrmals in der Woche nicht die vorge­se­he­nen Pausen machen. Fast 83 Prozent aller Befrag­ten geben an, dass auf ihrer Station wichtige Aufga­ben vernach­läs­sigt würden. Rund 60 Prozent der Pflegen­den und rund die Hälfte der Medizi­ner beobach­ten beispiels­weise, dass nicht genug für die Infor­ma­tion, Anlei­tung und Beratung von Patien­ten getan werde. Jeweils knapp die Hälfte der Befrag­ten finden, dass die Ausbil­dung auf ihrer Station zu kurz komme. Ein Drittel der Pflegen­den und etwa jeder 5. Medizi­ner sprechen von Defizi­ten bei der Dokumentation.

Gleich­zei­tig, konsta­tie­ren die Forscher, liege bei den Pflege­kräf­ten „ein erheb­li­cher Teil des Aufga­ben­spek­trums abseits der Arbeit mit Patien­tin­nen und Patien­ten“. Jeweils rund 40 Prozent der Pflegen­den geben an, dass sie auch für Trans­porte, Boten­dienste, Reini­gungs­ar­bei­ten, Verwal­tung und hauswirt­schaft­li­che Tätig­kei­ten einge­setzt werden – während sie mit ihren Kernauf­ga­ben kaum nachkommen.

Verschie­bung von Aufga­ben, aber keine echte Reorganisation

Mehr als 78 Prozent der befrag­ten Pflege­kräf­ten haben nach eigener Angabe in letzter Zeit Tätig­kei­ten vom ärztli­chen Dienst übernom­men. Pflege­kräfte versor­gen verstärkt Wunden, sie setzen Sprit­zen, legen Venen­ka­nü­len, geben Medika­mente zur Chemo­the­ra­pie, kümmern sich um die Dokumen­ta­tion. 47 Prozent bekamen darüber hinaus zusätz­li­che Verwal­tungs­auf­ga­ben übertragen.

Zwar haben in etlichen Klini­ken offen­bar auch die Pflege­dienste Aufga­ben abgeben können. Der Anteil der Beschäf­tig­ten, die von solchen Entlas­tun­gen berich­ten, ist aller­dings deutlich gerin­ger: Knapp 44 Prozent der befrag­ten Pflege­kräfte tun das. Am häufigs­ten hat der Pflege­dienst Mahlzei­ten­be­stel­lun­gen, die Beglei­tung von Patien­ten im Kranken­haus, Boten- und Trans­port­auf­ga­ben sowie Reini­gungs­ar­bei­ten abgeben können. Übernom­men haben solche Tätig­kei­ten vor allem Beschäf­tigte in „Assis­tenz­diens­ten“ wie Service­hel­fe­rin­nen, Stati­ons­as­sis­ten­ten, Pflege­hilfs­kräfte. Ein gutes Drittel der Befrag­ten gibt an, dass derar­tige Dienste auf ihrer Station neu einge­rich­tet worden sind.

Doch auch wenn Verschie­bun­gen in der Arbeits­tei­lung damit durch­aus verbrei­tet sind – von effek­ti­ven Reorga­ni­sa­tio­nen kann nach Analyse der IAT-Exper­ten keine Rede sein. Hilbert und Kolle­gen sprechen von „Experi­men­ten“, die die Prakti­ker auf den Statio­nen meist nicht überzeug­ten. Beispiel Pflege­dienst: Dessen „Entlas­tung von patien­ten­fer­nen Aufga­ben“ sei „bei weitem noch nicht syste­ma­tisch und flächen­de­ckend umgesetzt“. Und wenn die Pflege­kräfte Aufga­ben und Verant­wor­tung von Ärztin­nen und Ärzten übernäh­men, dann handele es sich oft nur um „Einzel­tä­tig­kei­ten“ und nicht um zusam­men­hän­gende „Aufga­ben­kom­plexe“. Die von Gesund­heits­ex­per­ten immer wieder gefor­derte „sachge­rechte inter­dis­zi­pli­näre Koope­ra­tion der Berufe zur Verbes­se­rung der Patien­ten­ver­sor­gung“ komme dadurch kaum voran. Auch werde die Chance nicht genutzt, „die profes­sio­nelle Rolle der Pflege im Kranken­haus zu stärken“ und damit den Beschäf­tig­ten eine Perspek­tive zu bieten, die auch ihre Arbeits­zu­frie­den­heit erhöht. Dazu passt, dass die meisten Befrag­ten angemes­sene Weiter­bil­dungs­mög­lich­kei­ten vermis­sen: Nur knapp 17 Prozent der Pflege­rin­nen und Pfleger sind zufrie­den damit, wie ihr Arbeit­ge­ber sie in der Fort- und Weiter­bil­dung unter­stützt. Und ledig­lich ein gutes Drittel gibt an, bei Bedarf die nötige Weiter­bil­dung zu erhalten.

Viele machen sich Sorgen um die Rente

Die Forscher vom IAT attes­tie­ren den Kranken­haus­be­schäf­tig­ten hohes Engage­ment. Trotz­dem sehen sie insbe­son­dere den Pflege­be­reich schlecht für eine Zukunft gerüs­tet, in der das Perso­nal­an­ge­bot schon wegen der demogra­fi­schen Entwick­lung zurück­geht und ein gravie­ren­der Fachkräf­te­man­gel droht. Während die Verant­wor­tung der Beschäf­tig­ten wachse, blieben ihnen entspre­chende Gestal­tungs­spiel­räume und Entschei­dungs­be­fug­nisse vorent­hal­ten. In strate­gi­sche Entschei­dun­gen sehen sich viele Beschäf­tigte nicht hinrei­chend einge­bun­den – auch wenn diese ihren Arbeits­platz unmit­tel­bar betref­fen. Ein weite­rer Kritik­punkt ist die Bezah­lung: In der IAT-Umfrage sagen knapp zwei Drittel der Pflege­kräfte, sie würden nicht ihrer Leistung angemes­sen bezahlt. Laut WSI-Lohnspie­gel verdie­nen Kranken­schwes­tern bei einer 40-Stunden-Woche brutto durch­schnitt­lich 2.513,- Euro im Monat, ihre männli­chen Kolle­gen kommen auf 2.742,- Euro. Spezia­li­sierte Opera­ti­ons­schwes­tern und ‑pfleger erhal­ten im Durschnitt 3.247,- und 3.533,- Euro. Helfe­rin­nen und Helfer in der Kranken­pflege müssen sich mit weniger als 2.000,- Euro im Monat begnü­gen. Knapp die Hälfte der vom IAT befrag­ten Pflege­kräfte macht sich Sorgen, nicht genug zu verdie­nen, um später einmal eine auskömm­li­che Rente zu bekommen.