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Rechtsdepesche: Herr Prof. Kramer, mit Dermacyn wird zukünftig in Deutschland eine weitere Wundspüllösung angeboten. Welchen Stellenwert nimmt das Produkt im Vergleich zu Octenidin und Polihexanid basierten Produkten ein?

Kramer: Im Laborversuch erreicht Dermacyn die gleiche Wirksamkeit von Octenidin basierten Wundantiseptika; abhängig vom Infektionserreger ist es zurzeit sogar wirksamer als Polihexanid. Hervorzuheben ist, dass es nicht nur gegen Viren, Pilze und Bakterien wirkt, sondern auch gegen deren besonders widerstandsfähige Sporen. Entscheidend für die Anwendung auf Wunden ist jedoch nicht allein die mikrobiozide Wirksamkeit, sondern vor allem auch die Verträglichkeit. Hierdurch wird die therapeutische Breite bestimmt – der Therapeut bewegt sich ja fortwährend auf dem schmalen Grad zwischen effektiver Reduktion von Mikroben bei gleichzeitig höchstmöglicher Schonung des empfindlichen körpereigenen Gewebes.

Hinsichtlich Dermacyn haben wir die Verträglichkeit umfangreich untersucht, unter anderem im Vergleich an der Chorioallantoismembran des Hühnereis, einem etablierten Screeningmodell zur Ermittlung der Wundverträglichkeit. Hier erwies sich Dermacyn als deutlich besser verträglich als das parallel getestete Octenidin. In klinischen Studien wurde die hervorragende Verträglichkeit von Dermacyn weiter bestätigt.

Im direkten klinischen Vergleich erwies sich Dermacyn sowohl PVP-Iod als auch ionischem Silber in den Kriterien Wundheilungsdauer und Verträglichkeit als überlegen. Das findet seinen Niederschlag zum Beispiel auch in dem Punkt, dass die Anwendung von Octenidin, Polihexanid und PVP-Iod zur Bauchhöhlenspülung aufgrund der Gewebeunverträglichkeit kontraindiziert ist, bei Dermacyn hingegen in einer publizierten Untersuchung keine Probleme auftraten. Selbstverständlich ist die Bauchhöhlenspülung keine Primärindikation von Dermacyn, es gibt uns aber ähnlich wie die Anwendbarkeit auch auf Knorpel und Sehnen einen Hinweis auf die hervorragende Verträglichkeit.

Rechtsdepesche: Dermacyn wird von der Produktart als „naszierender Sauerstoff“ geführt, hierzulande werden solche Produkte kritisch beäugt. Zu Recht?

Kramer: Diese Auffassung ist historisch entstanden und basiert auf einem Missverständnis: Früher wurde zur Wundantiseptik Wasserstoffperoxid verwendet. Wasserstoffperoxid ist tatsächlich zytotoxisch in Konzentrationen, die für eine wirksame Bakterienbekämpfung erforderlich sind. Dermacyn hingegen enthält kein Wasserstoffperoxid. Seine Hauptbestandteile sind hypochlorige Säure und Natriumhypochlorit. Beide Substanzen haben nichts mit Wasserstoffperoxid zu tun!

Dermacyn basiert auf dem gleichen Wirkprinzip und den gleichen Substanzen, wie sie täglich bei uns in der Phagozytose Anwendung finden. Weil unser Körper diese eigene Form der Keimabwehr entwickelt hat, verfügt er über vielfältige Mechanismen, um eine mögliche Eigenschädigung zu verhindern. Er würde sich bildlich gesprochen ansonsten jeden Tag selbst vergiften. Weil das aber genau nicht geschieht, weil eine – laienhaft formuliert – „Immunität“ gegen Hypochlorsäure und Natriumhypochlorit besteht, ist auch der Wirkstoff von Dermacyn so hervorragend verträglich.

Rechtsdepesche: Dermacyn ist als Medizinprodukt zugelassen. Dem Produkt wird zugleich ein hohes antiseptisches Potenzial zugeschrieben; müsste es dann nicht als Arzneimittel klassifiziert sein?

Kramer: Seien wir ehrlich: 99 Prozent der heilungsfördernden Wirkung einer Wundspülung basieren auf der rein physikalischen Entfernung von Krankheitserregern, Detritus und sonstigen Wundbelägen. In diesem Hinblick ähneln sich alle Wundspüllösungen, über die wir sprechen. Entscheidend ist jedoch der Wirkstoff, der zur Stabilisierung der Wundspüllösung eingesetzt wird. Hier können wir sehr wohl Dermacyn mit Polihexanid basierten Produkten vergleichen. Hierbei zeigt sich, dass ein körpereigenes Abwehrprinzip wie das, auf dem Dermacyn basiert, nicht nur deutlich verträglicher ist, sondern es zudem noch den großen Vorteil mit sich bringt, zu keinerlei Wirkstoffakkumulation im Gewebe zu führen. Polihexanid ist eine körperfremde Substanz, die sich gegebenenfalls bei längerer Anwendung sogar anreichern kann. Die Wirkstoffe von Dermacyn zerfallen nach dem Auftragen auf die Wunde nach der Wirkungsentfaltung zu Kochsalz und Wasser.

Selbstverständlich muss eine Grenze zur Wundantiseptik gezogen werden, wenn es also um die Behandlung infizierter Wunden geht. Da Dermacyn ganz überwiegend jedoch auf dem physikalischen Effekt des „Wegschwemmens“ von Krankheitserregern basiert, ist es als Wundspüllösung zu klassifizieren.

Das Interview führte Michael Schanz.