Behandlung
Vertrau­en­voll sollte das Arzt-Patien­ten­ver­hält­nis seinBild: © Monkey Business Images | Dreamstime.com

„Wenn Sie abneh­men würden, hätten Sie weniger Schmer­zen.“ „Reißen Sie sich doch mal am Riemen.“ Kommt Ihnen das bekannt vor?

Das Verhält­nis zwischen Ärzten und Patien­ten ist oft nicht einfach. Früher sprach man von den „Halbgöt­tern in Weiß“, die Entschei­dun­gen im Allein­gang fällen. Heute richtet sich das Gesund­heits­sys­tem mehr und mehr auf selbst­be­stimmte Patien­ten und Patien­tin­nen ein, die über ihre Gesund­heit eigen­stän­dig entschei­den. Aber sehr oft verhin­dert die Sprache im Arztge­spräch den gleich­be­rech­tig­ten Austausch – und kann eine erfolg­rei­che Behand­lung so auch behindern.

Sprache spiegelt ein Machtverhältnis

Dabei spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Zum einen ist die medizi­ni­sche Fachspra­che zwar für Ärztin­nen und Ärzte (und auch für Pflege­kräfte) völlig normal, für Menschen ohne medizi­ni­schen Hinter­grund aber ein Buch mit sieben Siegeln. Oft fällt es medizi­ni­schen Exper­ten gar nicht so leicht, sich so auszu­drü­cken, dass sie allge­mein verständ­lich sind. Gerade das ist aber notwen­dig, damit Patien­ten eine gültige Einwil­li­gung in die Behand­lung geben können.

Noch wichti­ger ist aber das hierar­chi­sche Denken. Denn nach wie vor sind viele Arztge­sprä­che Monologe, in denen der Arzt dem Patien­ten seine Krank­heit erklärt. Für den Psycho­dia­be­to­lo­gen Prof. Bernd Kulzer ist ein reflek­tier­tes Rollen­ver­hal­ten von Arzt und Patient zentral für den Therapieerfolg.

Seiner Meinung nach bewegt sich die Gesell­schaft weg vom aktivem Arzt, der dem passi­ven Patien­ten gegen­über­sitzt, hin zu mehr Gleich­be­rech­ti­gung, was seit 2013 auch durch das Patien­ten­rech­te­ge­setz geregelt ist.

Trotz­dem spiegele die Sprache in der Medizin oft nach wie vor ein Macht­ver­hält­nis zwischen Arzt und Patient wieder, dass die Behand­lung unnötig erschwert. „Ein chronisch kranker Mensch erbringt jeden Tag eine Leistung. Die Sprache des Arztes muss das wieder­ge­ben und auch die Reali­tät des Patien­ten einbeziehen.“

Mit drasti­schen Aussa­gen wachrütteln

Noch fataler ist es, wenn sich Patien­ten druch die Behand­lung kriti­siert oder nicht respek­tiert fühlen. Das passiert oft unbewusst: Ärzte versu­chen, Patien­ten durch drasti­sche Aussa­gen wachzu­rüt­teln („Solange Sie nicht abneh­men, kann ich gar nichts für Sie tun“) oder ärgern sich über Patien­ten, die sie als beratungs­re­sis­tent wahrneh­men („Sie müssen endlich einse­hen, dass…“).

Diabe­to­loge Dr. Jens Kröger kennt das Problem. Die Reali­tät im Arztge­spräch sei immer noch, dass der Arzt die Ansagen macht. „Parti­zi­pa­tive Entschei­dungs­fin­dung muss nicht notwen­di­ger­weise den Zeitauf­wand erhöhen, es ist eine Frage der Struk­tur, wie man es in den Behand­lungs­pro­zess integriert.

Sowohl Ärzte und Ärztin­nen wie auch betrof­fene Menschen müssen lernen, mit diesem Konzept umzuge­hen. Menschen mit Diabe­tes müssen aber auch erken­nen, dass sie sich gegebe­nen­falls vorbe­rei­ten müssen und können, um sich aktiv einzu­brin­gen. Dies bedeu­tet, wie bei einem geplan­ten Einkauf einen Zettel mit Fragen und Anregun­gen zu formu­lie­ren und zum Gespräch mitzubringen.“

Meinung der Patien­ten muss respek­tiert werden

Dazu gehört auch, dass die Meinung der Patien­ten respek­tiert wird: „Wenn zum Beispiel eine Änderung des Lebens­stils aktuell nicht möglich ist oder als unange­neh­mer empfun­den wird als die Krank­heit, dann muss ich das akzep­tie­ren. Aber die Patien­ten sollten das Wissen darüber haben, was möglich ist.“

Abschre­ckung ist seiner Meinung nach wirkungs­los: „Wir sprechen über Folge­er­kran­kun­gen, aber in einer Form, in der die Menschen das auch umset­zen können. Von Schock­bil­dern bei Diabe­tes halte ich überhaupt nichts.“

Feder­füh­rend in der Beschäf­ti­gung mit Sprache ist die Bewegung Language matters, deren Ziel es ist, eine patien­ten­ge­rechte Sprache für Menschen mit Diabe­tes zu entwi­ckeln. Denn beson­ders bei Diabe­tes Typ 2 spielt auch das Thema Schuld eine Rolle: In den Medien wird zum Beispiel oft unter­stellt, dass ein Mensch mit Typ 2 durch ein falsches Ernäh­rungs- und Bewegungs­ver­hal­ten die Krank­heit selbst verur­sacht hat.

Dadurch sind viele Patien­ten den behan­deln­den Ärzten gegen­über schon zu Beginn der Behand­lung in der Defen­sive. Viele Ärzte machen das durch ihr Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten noch schlim­mer. Kröger nennt Beispiele aus der Praxis:

  • „Wenn Sie sich nicht besser um ihren Diabe­tes kümmern, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie blind an der Dialyse landen.“
  • „Leider ist es jetzt zu spät, das hätten Sie sich vorher überle­gen müssen. Die Folge­er­kran­kun­gen sind jetzt da und Sie können nur hoffen, dass Sie nicht noch schlech­ter werden.“
  • „Anstatt so viel Zeit mit Essen zu verbrin­gen, sollten Sie sich lieber in der frischen Luft bewegen.“
  • Auch Lob kann so verpackt werden, dass es auf den Patien­ten herab­las­send wirkt: „Na sehen Sie, geht doch.“

Ein Mensch, der so angespro­chen wird, verliert schnell die Motiva­tion, sich aktiv an der Behand­lung zu betei­li­gen. Dabei können schon Kleinig­kei­ten den Unter­schied machen: „Ihre Blutzu­cker­werte sind nicht im Zielbe­reich“ ist deutlich neutra­ler als „Ihre Blutzu­cker­werte sind schlecht.“

Ausnah­me­si­tua­tion für die Patienten

Viele Ärzte verges­sen auch, dass ein Mensch, der die Diagnose erhält, erst einmal Zeit benötigt, sich auf die neue Situa­tion und eine eventu­elle Behand­lung einzu­stel­len. Was für den Arzt ein ganz norma­ler Mittwoch ist, ist für den Patien­ten, der mit einer chroni­schen Krank­heit diagnos­ti­ziert wird, der Tag, an dem sich sein Leben drastisch verän­dert hat.

Dafür muss die Krank­heit noch nicht einmal tödlich sein. Schon die Diagnose Asthma kann dazu führen, dass der Patient plötz­lich sehr verun­si­chert ist: Kann ich noch Sport machen? Muss ich jetzt jeden Monat zum Arzt für ein neues Rezept? Sollte ich die Wander­tour in den Bergen, auf die ich mich schon lange freue, lieber absagen? Wie aufwän­dig wird die Behand­lung? Hier sollten Ärztin­nen und Ärzte empathisch sein und dem Patien­ten die Zeit lassen, die er braucht.