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Über den "Dunkelziffer"-Anteil von Coronavirus-Infizierten in der Gesamtbevölkerung kann derzeit nur spekuliert werden.
Über den „Dunkelziffer“-Anteil von Corona­vi­rus-Infizier­ten in der Gesamt­be­völ­ke­rung kann derzeit nur speku­liert werden.Bild: Photo 177829712 © Photo­jog­tom – Dreamstime.com

Schon seit andert­halb Monaten hält das Corona­vi­rus Deutsch­land in Atem. Für viele von uns gehört der morgend­li­che Blick auf die aktuel­len Fallzah­len, und deren Entwick­lung, mittler­weile zur Tages­struk­tur. Wie stark ist der Anstieg wohl diesmal ausge­fal­len; setzt sich das seit Anfang April allmäh­lich zu beobach­tende Abfla­chen der regis­trier­ten Neuin­fek­tio­nen fort, stagnie­ren die Zahlen oder gibt es einen „Rückfall“? Das Robert Koch-Insti­tut (RKI) regis­trierte rund 130.450 COVID-19-Fälle in Deutsch­land (Stand 16.04.2020) seit dem Übergrei­fen der Pande­mie auch auf Deutsch­land; die US-ameri­ka­ni­sche Johns Hopkins Univer­sity – die den RKI-Zahlen durch Live-Auswer­tung diver­ser Quellen auf Stadt- und Länder­ebene stets ein Stück voraus ist – bereits 132.000.

Doch all diese Zahlen können nur einen Teil der Wahrheit darstel­len. Schließ­lich wird immer noch über einen beträcht­li­chen „Dunkelziffer“-Anteil in der Bevöl­ke­rung speku­liert. Jener besteht aus Menschen, die ebenfalls Corona­vi­rus-infiziert sind, bei denen jedoch die Erkran­kung entwe­der aufgrund der Inkuba­ti­ons­zeit noch nicht ausge­bro­chen ist, sie komplett asympto­ma­tisch verläuft oder vielleicht gar schon überwun­den wurde. Um sich momen­tan auf das Corona­vi­rus testen zu können, muss man schließ­lich konkrete Symptome aufwei­sen, Kontakt zu dokumen­tier­ten Corona-Infek­ti­ons­fäl­len gehabt und/oder sich in einem Risiko­ge­biet wie Tirol, Nordita­lien, China, dem Elsass oder New York City aufge­hal­ten haben.

Die Höhe der Dunkel­zif­fer ist bisher reine Speku­la­tion – Erste Erkennt­nisse liefert Österreich

Wie hoch genau dieser verdeckte Anteil der unbewusst Infizier­ten ist – das weiß, erstaun­li­cher­weise, momen­tan noch niemand. Nicht einmal annähernd. Die gängi­gen Schät­zun­gen gehen, bezogen auf die offizi­el­len Infek­ti­ons­zah­len, von einem Dunkel­zif­fer-Faktor von 2 bis 4 aus. Es gibt jedoch auch Speku­la­tio­nen über eine zehn- bis mehr als zwanzig­fach so hohe Verbrei­tungs-Quote, als es die regis­trier­ten Zahlen verlaut­ba­ren. Höchste Zeit also, hier durch groß angelegte Stich­pro­ben-Unter­su­chun­gen Licht ins Dunkel zu bringen.

Bei unseren öster­rei­chi­schen Nachbarn ist ein genau solcher Test, wenngleich in noch kleinem Umfang, absol­viert worden. Das Ergeb­nis hier: Gegen­über den dort rund 8.500 zum Testzeit­punkt amtlich regis­trier­ten Corona­vi­rus-Infizier­ten kam die auf die Gesamt­be­völ­ke­rung hochge­rech­nete Stich­probe auf rund 28.500 Corona-Positive als statis­tisch wahrschein­lichs­ten Wert. Also fast dreiein­halb Mal so viel wie amtlich bekannt. Weitere Stich­pro­ben, mit einem beson­de­ren Fokus auf Medizin- und Pflege­per­so­nal sowie auf Senio­ren­heime, sollen folgen. Ein bisschen zur Erhel­lung trägt unter­des­sen auch die Corona-Studie aus Gangelt im Kreis Heins­berg bei. Die Gemeinde an der nieder­län­di­schen Grenze gilt als eine der Ursprungs­orte der COVID-19-Ausbrei­tung in Deutsch­land, seitdem es auf der dorti­gen Karne­vals­sit­zung Mitte Februar zu rund 40 Anste­ckun­gen durch ein infizier­tes Pärchen kam. Das dortige Ergeb­nis: 15 Prozent der rund 500 Proban­den trugen das Virus, oder Antikör­per dagegen, bereits im Körper. Da es sich jedoch um eine beson­ders schwer von COVID-19 betrof­fene Gemeinde handelt, dürften die Ergeb­nisse nur schwer auf Gesamt­deutsch­land übertrag­bar sein.

Denn die Infor­ma­tio­nen über die wahre Verbrei­tung des Virus in der Bevöl­ke­rung sind unver­zicht­bar. Nämlich dann, wenn es darum geht, über eine schritt­weise Locke­rung der gegen­wär­ti­gen Kontakt-Einschrän­kun­gen zu entschei­den. Je höher die Zahl der unbemerkt Infizier­ten, desto größer wird zwar die Heraus­for­de­rung, die Virus-Ausbrei­tung hierzu­lande in den Griff zu bekom­men und die Repro­duk­ti­ons­rate unter 1 zu halten – jedoch würde sich anderer­seits auch der Erkran­kungs­schwere- und Sterb­lich­keits­fak­tor nach unten relativieren.

Klar bleibt bei alledem: Akute Corona-Verdachts­fälle müssen bei den Tests natür­lich weiter­hin Priori­tät haben. Jedoch könnte man zumin­dest einen Teil der tägli­chen Testka­pa­zi­tät für Stich­pro­ben in der Gesamt­be­völ­ke­rung, nämlich unter (mutmaß­lich) gesun­den Menschen, abzwei­gen. Aus allen Landes­tei­len, in allen Alters­grup­pen und Berufen. Argumen­tiert wurde bislang, dass die begrenz­ten Testka­pa­zi­tä­ten den wirkli­chen Verdachts­fäl­len vorbe­hal­ten bleiben müssten. Doch diesen Kraft­akt zu vollbrin­gen, scheint gar nicht so utopisch: Schon heute gelten rund 60.000 Tests pro Tag als möglich; diese Zahl wird sich durch eine Auswei­tung der Testka­pa­zi­tä­ten und neue, schnel­lere Diagno­se­ver­fah­ren in der nächs­ten Zeit wohl stark erhöhen. Wie groß die Stich­probe sein sollte – etwa 20.000, 40.000 oder auch 80.000 Menschen – bleibt dabei den statis­tisch versier­ten Kräften in den Insti­tu­ten vorbe­hal­ten. Je größer die Probe, desto eher sorgt aller­dings schon das „Gesetz der großen Zahl“ für eine Reprä­sen­ti­vi­tät der Studie.

Erkennt­nisse über beruf­li­che Risiken und den Einfluss des Alters

Die momen­tane Zeit, inmit­ten der gelten­den Kontakt­ein­schrän­kun­gen, bietet sich für eine große Allge­mein-Erhebung geradezu an. Schließ­lich dürfte, durch den momen­ta­nen Wegfall von Massen­ver­an­stal­tun­gen wie Konzer­ten oder Fußball­spie­len, die nur noch sehr einge­schränk­ten priva­ten Treffen sowie das allge­meine Distanz­hal­ten im Alltag, die Zahl der hier und jetzt tatsäch­lich erfol­gen­den Neuin­fek­tio­nen (hoffent­lich!) überschau­bar sein. Denn zur Erinne­rung: Die tagtäg­lich gemel­de­ten Zahlen reflek­tie­ren das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in der Vergan­gen­heit, etwa eine bis zwei Wochen zuvor – bevor es nach einer Infek­tion zum Auftre­ten von Sympto­men, der Durch­füh­rung des Tests sowie der Auswer­tung und Ergeb­nis-Übermitt­lung kommt. Somit würde es die Statis­tik nicht allzu sehr verfäl­schen, sollte sich die Unter­su­chungs­dauer über zwei oder drei Tage hinziehen.

Weiter­hin ließen sich aus einer solchen Großun­ter­su­chung, neben dem tatsäch­li­chen Dunkel­zif­fer-Faktor, weitere wertvolle Erkennt­nisse ziehen. Wie stark erhöht ist das Übertra­gungs­ri­siko für Berufs­tä­tige mit vielen Kontak­ten – vor allem für Beschäf­tigte in Medizin und Pflege, aber auch Einzel­han­dels-Beschäf­tigte mit Kunden­kon­takt im Laden, für Bus- und Bahnfah­rer, Polizis­ten usw., im Vergleich zu reinen „Home Office“-Beschäftigten? Welche zusätz­li­chen Schutz­maß­nah­men sollte es deswe­gen für sie geben? Es ist an der Zeit, dies alles zu klären.