Streeck
Prof. med. Dr. Hendrik Streeck ist Mitglied des Exper­tIn­nen­ra­tes der Bundes­re­gie­rung Bild: BMG – Frank Burkhardt

Verschwun­den ist es immer noch nicht, nein, es ist nach wie vor präsent. In Deutsch­land gelten kaum noch Pande­mie-Maßnah­men. Doch in China gibt es anschei­nend ein Umden­ken:

Weg von der Null-Covid-Politik – schließ­lich sollen sich allein in den ersten drei Dezem­ber­wo­chen 2022 fast 250 Millio­nen Chine­sen mit Corona infiziert haben. Schuld daran ist vor allem die dominie­rende Omikron-Variante BF.7.

Die Virolo­gen Chris­tian Drosten und Hendrik Streeck hatten jedoch schon eine Entwar­nung ausge­spro­chen. Sinnge­mäß würde die in China aufge­kom­mene Variante BF.7 für Deutsch­land keine allzu große Bedro­hung darstel­len. Vorsicht sei dennoch geboten. Wie aber passt es da, dass Streeck für das Ende der bundes­wei­ten Corona-Maßnah­men plädiert?

Virologe Hendrik Streeck sieht Corona­pan­de­mie „aus virolo­gi­scher Sicht“ beendet

Streecks Kollege Drosten hatte gegen­über dem Tages­spie­gel bereits das Ende der Corona­pan­de­mie verkün­det. Rein „aus virolo­gi­scher Sicht“ könne Streeck ihm recht geben. Doch gibt er im Gespräch mit Focus Online auch zu beden­ken, dass das Ende einer Pande­mie letzt­lich auch eine Entschei­dung der Politik und Gesell­schaft sei. In Bezug auf Corona spricht der Virologe von einem Virus, das heimisch gewor­den sei.

Da in Deutsch­land jedoch eine hohe Grund­im­mu­ni­tät vorliege, mache das Corona­vi­rus „nicht mehr so schwer krank wie zu Beginn der Pande­mie“. Man müsse sich aber daran gewöh­nen, dass es im Herbst und Winter immer wieder entspre­chende Infek­ti­ons­wel­len geben werde.

Während die Corona­vi­ren im Frühjahr abfal­len würden, gebe es ihren Anstieg nun mal im Herbst und Winter. „Das ist die klassi­sche Husten- und Schnup­fen­zeit, das kennen wir alle“, erklärt Streeck.

Streeck gegen „Sonder­stel­lung“ von Corona

Der Virologe verweist auch auf andere Erreger, beispiels­weise Influ­en­za­vi­ren oder RSV (RS-Virus), die derzeit „viel stärker durch­kom­men“. Dementspre­chend gebe es für Streeck auch keinen Grund mehr, „Corona prinzi­pi­ell eine Sonder­stel­lung zu geben“. Vielmehr müsse es darum gehen, „langsam, aber stetig eine Anglei­chung an die anderen Erreger“ zu wagen.

Darauf angespro­chen, dass es gegen heimi­sche Corona­vi­ren noch keine Impfung gibt, ist Streeck der Meinung, „dass die Stiko (Ständige Impfkom­mis­sion) zum Herbst und Winter immer wieder den Über-60-Jähri­gen eine Auffri­schungs­imp­fung empfiehlt. Ähnlich der Grippe-Impfung.“ Ansons­ten könne man nur abwar­ten.

Geltende Corona-Maßnah­men „nicht zielfüh­rend“

Nach wie vor als Politi­kum entpup­pen sich die noch gülti­gen Corona-Regeln in der Bundes­re­pu­blik. Das „eigent­li­che Problem“ sieht Streeck aber im „akut reform­be­dürf­ti­gen Gesund­heits­sys­tem, in dem es vor allem an quali­fi­zier­ten Fachkräf­ten mangelt“.

Eine Aussage, die der Virologe vor dem Hinter­grund der überlas­te­ten Klini­ken trifft. Nichts­des­to­trotz ist Streeck auch folgen­der Ansicht: „Dennoch macht es Sinn, mehr über Gebote zu sprechen als über Pflich­ten. Wir müssen in meinen Augen den Umgang mit dem Corona­vi­rus anglei­chen, mit dem zu anderen Corona­vi­ren, anderen Erregern.“

Grund­sätz­lich müsse die Frage gestellt werden, inwie­fern die noch gelten­den Corona-Maßnah­men das Infek­ti­ons­ge­sche­hen überhaupt noch beein­flus­sen können. Die Masken­pflicht im Fernver­kehr sei für den Virolo­gen „nicht zielfüh­rend“.

Schließ­lich seien hier nie große Infek­ti­ons­herde festge­stellt worden. Anders würde es sich mit Bars oder Restau­rants verhal­ten, wo aber keine Einschrän­kun­gen mehr gelten. Dementspre­chend kann Streeck die Masken­pflicht im Fernver­kehr nur als „Augen­wi­sche­rei“ bezeich­nen.

Isola­ti­ons­ge­bot statt Isola­ti­ons­pflicht

Statt der Isola­ti­ons­pflicht plädiert der Virologe für ein Isola­ti­ons­ge­bot. Für Streeck sei es nämlich nicht verständ­lich, „warum wir hier so einen großen Unter­schied zu anderen Erregern machen, wie etwa der Grippe“. Schließ­lich würde es auch schon Bundes­län­der geben, welche die Isola­ti­ons­pflicht aufge­ho­ben haben. Und dort sehe man keinen Anstieg an Krank­heits­fäl­len.

Keinen Zweifel will Streeck daran aufkom­men lassen, dass die Menschen in Kranken­häu­sern und in Alten- oder Pflege­hei­men „eine beson­ders zu schüt­zende Bevöl­ke­rungs­gruppe“ sind. Doch hätte all diese Häuser ihre Exper­ten vor Ort. Diese wüssten genau, wie Patien­ten oder Bewoh­ner am besten geschützt werden.

Streecks ausdrück­li­cher Wunsch lautet: „Statt einer bundes- oder landes­wei­ten Regelung sollten die Häuser deshalb ihre eigenen Regeln erstel­len – wie sie es auch für andere Erreger machen“.

Strin­gente Linie im Umgang mit der Corona­pan­de­mie

Von der Politik wünscht sich Streeck in Bezug auf den Umgang mit der Corona­pan­de­mie eine „strin­gente Linie“. Laut dem Virolo­gen würde „eine verständ­li­che, abseh­bare Linie wesent­lich dazu beitra­gen […], die Thema­tik insge­samt souve­rä­ner zu managen“.

Doch könne man auch aus der Pande­mie lernen. Schließ­lich hätte sie gezeigt, „dass wir anfäl­lig sind für einfa­che, polari­sie­rende Meinun­gen“.

Man müsse aufhö­ren, in Lagern zu denken und Menschen mit anderer Meinung als Gegner einzu­stu­fen. Als „gesell­schaft­li­ches Gift“ sollte Corona nach Streeck nämlich nicht in Erinne­rung bleiben.

Vielmehr sollte Corona als „Kataly­sa­tor“ benutzt werden, „um den Debat­ten­raum in Deutsch­land zu verän­dern und den Umgang zwischen Gesell­schaft, Wissen­schaft und Politik wieder mehr in die Fugen zu bringen“.

Quellen: Focus, BMG