Myrte,
Die Myr­te ist nicht nur ein schö­nes Foto­mo­tiv, der Natur­stoff kann sogar Krebs­zel­len bekämp­fen. Phar­ma­zeu­ten der Uni Jena haben nun her­aus­ge­fun­den, wie der Wirk­stoff den auf­hält.Anne Günther/FSU

Die „Gemei­ne Myr­te“ gilt als eher unschein­ba­res Gewächs, das vor allem im Mit­tel­meer­raum weit ver­brei­tet ist. In der Anti­ke kam sie bei der Ver­eh­rung der Göt­tin Aphro­di­te zum Ein­satz, heu­te wird sie als Gewürz sowie in der Likör­her­stel­lung ver­wen­det.

Sind die „Zellkraftwerke“ gestört, gerät das Krebswachstum ins Stocken

Nach und nach jedoch ent­hül­len Wis­sen­schaft­ler, was noch alles in der buschi­gen Pflan­ze steckt. So schrie­ben sie dem Wirk­stoff Myr­tu­com­mu­lon, der aus den Blät­tern des Myr­testrau­ches gewon­nen wird, vor eini­gen Jah­ren bereits eine anti­bak­te­ri­el­le, ent­zün­dungs­hem­men­de und anti­oxi­da­ti­ve Wir­kung zu. Sogar Krebs­zel­len kann der Natur­stoff in rela­tiv nied­ri­ger Kon­zen­tra­ti­on bekämp­fen und geht dabei äußerst selek­tiv vor: Er greift, etwa bei Leuk­ämie, nur die Krebs­zel­len an, ver­schont aber alle ande­ren wei­ßen Blut­zel­len.

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Nun haben Phar­ma­zeu­ten der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena her­aus­ge­fun­den, wie genau der Wirk­stoff den auf­hält – und ganz neben­bei wich­ti­ge bio­lo­gi­sche Abläu­fe inner­halb einer Krebs­zel­le auf­ge­deckt. Bis­her wuss­ten die For­scher, dass Myr­tu­com­mu­lon die Mito­chon­dri­en einer Krebs­zel­le atta­ckiert. Da sich Tumor­zel­len sehr schnell ver­brei­ten, sind sie auf die Ener­gie die­ser „Zell­kraft­wer­ke“ beson­ders ange­wie­sen. Liegt eine Stö­rung vor, gerät das Krebs­wachs­tum ins Sto­cken.

Das passende Puzzleteil identifizieren

Gemein­sam mit Kol­le­gen von der Uni­ver­si­tät Saar­brü­cken und des Max-Planck-Insti­tuts für che­mi­sche Öko­lo­gie in Jena haben die Exper­ten der Uni­ver­si­tät Jena nun her­aus­ge­fun­den, wo der Wirk­stoff genau andockt. „Um gezielt das Pro­te­in in den Mito­chon­dri­en einer Leuk­ämie­zel­le her­aus­zu­grei­fen, das mit dem Wirk­stoff inter­agiert, haben wir genau genom­men ein­fach danach gefischt“, erklärt Prof. Dr. Oli­ver Werz von der Uni­ver­si­tät Jena, der vor allem mit sei­ner Mit­ar­bei­te­rin Kat­ja Wiech­mann an dem Pro­jekt gear­bei­tet hat. „Dazu haben wir uns eine Angel mit Myr­tu­com­mu­lon als Köder gebaut, an dem nur das ent­spre­chen­de Pro­te­in-Gegen­stück anbei­ßen kann.“ Zwar haf­te­ten nach dem Ver­such meh­re­re Pro­te­ine an der Angel, aber nur eines direkt am Köder, alle ande­ren eher an der Schnur oder der als Rute die­nen­den Matrix.

Nach eini­gen Ana­ly­sen konn­ten die Wis­sen­schaft­ler schließ­lich das pas­sen­de Puz­zle­teil iden­ti­fi­zie­ren: Es han­delt sich um das Hit­ze­s­chock­pro­te­in Hsp60, das zu den soge­nann­ten Cha­pe­ron-Pro­te­inen gehört. Benannt sind sie nach dem fran­zö­si­schen Wort für „Anstands­da­me“ – ein Hin­weis auf die Funk­ti­on von Hsp60: „Die­se beson­de­ren Cha­pe­ro­ne schüt­zen bestimm­te Pro­te­ine der Mito­chon­dri­en und ver­hin­dern so deren Inak­ti­vie­rung durch Zell­stress“, erklärt Werz. „Schal­tet man sie aus, kann das gan­ze Zell­kraft­werk lahm­ge­legt wer­den.“

Wen die „Anstandsdame“ bewacht

Dar­über hin­aus konn­ten die Wis­sen­schaft­ler wäh­rend ihrer Unter­su­chun­gen sogar die bei­den Pro­te­ine genau bestim­men, die von der „Anstands­da­me“ bewacht wer­den. „Wir wuss­ten, dass die­se bei­den Pro­te­ine das Tumor­wachs­tum för­dern, dass sie aber von Hsp60 geschützt wer­den, war bis­her nicht bekannt. Somit haben wir wäh­rend des Pro­jek­tes zum einen den Bin­dungs­part­ner des Myr­tu­com­mu­lons iden­ti­fi­zie­ren kön­nen und somit wert­vol­le Infor­ma­tio­nen über die Wir­kungs­wei­se die­ser Sub­stanz erfah­ren.“

„Zum ande­ren haben wir neue Erkennt­nis­se über die bio­lo­gi­schen Pro­zes­se inner­halb einer Tumor­zel­le gewon­nen“, resü­miert der Jena­er Phar­ma­zeut. „Bei Letz­te­rem dien­te uns der Natur­stoff aus der Myr­te als sehr hilf­rei­ches che­mi­sches Werk­zeug.“ Für die Zukunft gilt es nun, das Myr­tu­com­mu­lon wei­ter zu erfor­schen und es noch effi­zi­en­ter zu machen. Mög­li­cher­wei­se könn­te es dann sogar als Arz­nei­stoff gegen Leuk­ämie und ande­re Krebs­ar­ten ein­ge­setzt wer­den.