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Kurzzugbinde zur Verwendung in der Kompressionstherapie.
Kurzzugbinden zur Verwendung in der Kompressionstherapie.Enter [CC BY 4.0]

Eine Kompressionstherapie lindert die Symptome einer Venenerkrankung und unterstützt die Abheilung dadurch ausgelöster chronischer Wunden an den Beinen. Der äußere Druck einer festen Bandagierung reduziert hierbei den Durchmesser der Beinvenen, wodurch sich der Blutfluss in Richtung des Herzens steigert. Als Konsequenz verringern sich zudem Schwellungen und Schmerzen. „In Deutschland werden heutzutage die meisten Kompressionsbandagierungen mit Kurzzugbinden durchgeführt“, so Kerstin Protz. Sie ist Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. In ihrem Vortrag auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie in Bielefeld erläuterte Protz aktuelle Erkenntnisse zur Kompressionstherapie.

BSN

Ein Risiko für die Haut

Kurzzugbinden bestehen aus Baumwolle und sind verhältnismäßig wenig dehnbar. Bei sachgerechter Anlage erwirken sie in Ruhestellung einen kräftigen Druck von 40-60 mmHg. Wenn der Patient sich bewegt, nimmt dieser Druck zu und wird zum sogenannten Arbeitsdruck. Dabei setzen die Kurzzugbinden der Beinmuskelpumpen einen Druck entgegen. Diese Muskelpumpen sind für den Rücktransport des Blutes in Richtung des Herzens zuständig und steigern ihre Arbeitsleistung, wenn ein äußerer Gegendruck ihrer Ausdehnungsbewegung entgegenwirkt. Die wenig elastischen Kurzzugbinden sind hierfür gut geeignet. Sie können aber auch unerwünschte Nebeneffekte auslösen, wie eine aktuelle Studie zeigt, in der venengesunde Probanden testweise Bandagierungen mit Kurzzugbinden über einen kurzen Zeitraum trugen.

Anfang 2018 wurden im IVDP im Rahmen dieser Untersuchung über 120 Bandagierungen durchgeführt und bewertet – die Hälfte davon ohne Unterpolsterung. „Bereits nach einer Stunde hinterlassen nicht unterpolsterte Bandagierungen mit Kurzzugbinden deutliche Spuren auf der Haut“, berichtete Protz. Hierzu gehören Schnürfurchen, Hautreizungen, Rötungen und Druckstellen. „Über 90 % der Teilnehmer hatten mehr als einen Befund“, so Protz. „Es ist davon auszugehen, dass die oft trockene, schuppige Haut ödematöser Beine venenkranker Menschen anders auf solche Bandagierungen reagiert und noch stärker beeinträchtigt wird, als die intakte Haut der gesunden Teilnehmer. Zudem nehmen Erkrankungen, die eine Kompressionstherapie erfordern, mit dem Alter zu. Die Haut verliert an Elastizität und wird dünner, was wiederum eine herabgesetzte Toleranz gegenüber den Kompressionsmaterialien zur Folge haben kann.“

Kerstin Protz bei ihrem Vortrag auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie in Bielefeld.
Kerstin Protz bei ihrem Vortrag auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie in Bielefeld.© MDI

Polstern hat viele Vorteile

Nicht sachgerecht ausgeführte Kompressionsversorgungen führen zum Verfehlen von Therapiezielen und beeinträchtigen die Adhärenz des Patienten. Es ist bekannt, dass eine Unterpolsterung von Kompressionsbandagierungen Hautschädigungen, Nervenläsionen und Druckulzera vermeiden kann. In der aktuellen Untersuchung mit dem Titel „Kompressionsverbände mit und ohne Unterpolsterung – eine kontrollierte Beobachtungsstudie zu Kompressionsdruck und Tragekomfort“ zeigte Protz auf, dass bei den unterpolsterten Bandagierungen eine deutlich geringere Anzahl an Hautbefunden auftraten. „Weniger als die Hälfte der Teilnehmer hatte mit Unterpolsterung lediglich leichte Hautbefunde, wie einen leichten Abdruck des Schlauchverbandes“, so Protz.

Zudem erwiesen sich unterpolsterte Bandagierungen als deutlich komfortabler und fanden unter den Testpersonen eine größere Akzeptanz. Auch der therapierelevante Druck wurde wesentlich besser gewährleistet als unter den nicht unterpolsterten Kurzzugbandagierungen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass jede Kompressionsbandagierung unterpolstert werden sollte. Dennoch werden Polstermaterialien in der täglichen Praxis nicht standardmäßig eingesetzt. Insbesondere in der außerklinischen Versorgung, wo eine Verordnung für diese Materialien benötigt wird, ist es oft eine Herausforderung, Polstermaterial zu erhalten. Dies erschwert die sachgerechte Kompressionstherapie.

Moderne Alternativen

Bereits seit fast 20 Jahren sind am Markt sogenannte Mehrkomponenten- bzw. Fertigbindensysteme erhältlich. Es handelt sich um konfektionierte Sets aus Polster-, Kompressions- und kohäsiven Fixierbinden. Studien weisen auf die Überlegenheit dieser Systeme gegenüber Kurzzugbindenversorgungen hin. Einige Produkte nutzen zudem spezielle Dehnungstechniken oder verfügen über visuelle Marker, wodurch die sachgerechte Anlage erleichtert wird. Eine weitere attraktive Option sind die modernen adaptiven Kompressionsbandagen. Statt Binden nutzen diese Systeme Manschetten, die auf die Beingröße individuell angepasst und dann mit Klettverschlüssen fixiert werden. Dadurch ist der erzeugte Druck, der bei einem Produkt durch eine Schablone direkt auf der Manschette ablesbar ist, leicht zu regulieren. Patienten, die noch ausreichend beweglich sind, können solche adaptiven Kompressionsbandagen sogar selbst – oder mit Hilfe ihrer Angehörigen – anlegen und adjustieren.

Die Ergebnisse der auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie durch Kerstin Protz vorgestellten Studie unterstrichen die Bedeutung der adäquaten Unterpolsterung in der sachgerechten und patientenorientierten Kompressionstherapie. Zudem beleuchtete die Referentin modernere Therapieoptionen, deren Vorteile gegenüber den herkömmlichen Kurzzugbinden deutlich wurden.