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Älterer Mann im Atelier
Eine neue Studie unter­sucht die Ausein­an­der­set­zung mit Kunst im demen­zi­el­len KontextBild:

Dabei rücken derar­tige Angebote nach etlichen kürzlich bekannt gewor­de­nen Rückschlä­gen bei der Entwick­lung wirksa­mer Medika­mente zuneh­mend in den Mittel­punkt des Inter­es­ses. Deshalb startet der Arbeits­be­reich Alters­me­di­zin am Insti­tut für Allge­mein­me­di­zin der Goethe-Univer­si­tät in Koope­ra­tion mit dem Städel Museum (beides Frank­furt) das ARTEMIS-Projekt, eine deutsch­land­weit erste Studie zur inter­ak­ti­ven Kunst­ver­mitt­lung bei Demenz im Museum.

Die Idee brachte der Diplom-Psycho­loge Arthur Schall, der auch Kunst­ge­schichte studiert hat, vor zwei Jahren von einer Konfe­renz in Vancou­ver mit. Dort berich­te­ten ameri­ka­ni­sche Kolle­gen über thema­ti­sche Gruppen­füh­run­gen für Menschen mit Demenz und ihre Angehö­ri­gen am „Museum of Modern Art“ in New York. Es zeigten sich unter anderem Steige­run­gen des Selbst­wert­ge­fühls und Verbes­se­run­gen der Stimmung und des situa­ti­ven Wohlbe­fin­dens der Teilneh­mer. Das inspi­rierte die Arbeits­gruppe von Prof. Johan­nes Pantel zu ihrer auf zwei Jahre angeleg­ten und wissen­schaft­lich beglei­te­ten Pilotstudie.

Das Städel-Museum konnte rasch als eines der renom­mier­tes­ten deutschen Kunst­mu­seen von der Idee begeis­tert werden. Schließ­lich gibt es hier schon positive Erfah­run­gen mit Kunst­an­ge­bo­ten für krebs­kranke Menschen. Dank der Förde­rung durch die Familie Scham­bach Stiftung können die ersten Führun­gen für Menschen mit Demenz und ihre Angehö­ri­gen im Oktober begin­nen. Oberbür­ger­meis­ter Peter Feldmann hat die Schirm­herr­schaft für das Projekt übernommen.

Die Zielgruppe sind Menschen mit leich­ter bis mittel­gra­di­ger Demenz und ihre naheste­hen­den Angehö­ri­gen. In Gruppen von 12 Teilneh­mern besuchen sie einmal wöchent­lich an sechs Termi­nen das Städel-Museum. Auf eine etwa einstün­dige thema­ti­sche Führung durch eigens geschulte Kunst­ver­mitt­ler des Museums folgt bei jedem Besuch kreative Atelier­ar­beit. Vor und nach dem Museums­be­suchs werden in einer Kurzbe­fra­gung Daten zur Stimmung und zum Gedächt­nis der Menschen mit Demenz erhoben.

„Dies ist die erste rando­mi­sierte und kontrol­lierte Studie zum Einfluss von Museums­be­su­chen und künst­le­ri­scher Betäti­gung auf das emotio­nale Befin­den von Menschen mit Demenz“, erklärt die Diplom-Psycho­lo­gin Dr. Valen­tina Tesky. Die Studie vergleicht erstmals mit Hilfe einer Inter­ven­ti­ons­gruppe und einer Kontroll­gruppe die Auswir­kun­gen der inter­ak­ti­ven Ausein­an­der­set­zung mit Kunst im demen­zi­el­len Kontext. Die Zutei­lung zu einer von beiden Gruppen erfolgt nach dem Zufalls­prin­zip. Die Teilneh­mer in der Kontroll­gruppe erhal­ten ebenfalls die Gelegen­heit zu wöchent­li­chen Besuchen im Städel, aller­dings ohne Führung und anschlie­ßende Atelier­ar­beit. Zusätz­lich zu Standard­tests, die in beiden Gruppen den Verlauf der Demen­z­er­kran­kung dokumen­tie­ren, ermit­teln die Forscher auch die Belas­tung der Angehö­ri­gen, die Bezie­hung zwischen ihnen und den Erkran­ken, Verän­de­run­gen der Lebens­qua­li­tät und den Blick auf die Zukunft.

In der Inter­ven­ti­ons­gruppe, die insge­samt 60 Teilneh­mer umfas­sen soll, werden bei jedem Atelier­be­such Ausschnitte des gemein­sa­men kreati­ven Arbei­tens einzel­ner Teilneh­mer von Studi­en­mit­ar­bei­tern video­gra­fisch dokumen­tiert. Die streng vertrau­lich gehand­hab­ten Videos werden mit einem metho­di­schen Ansatz ausge­wer­tet, den Arthur Schall bereits für die Analyse der Musik­the­ra­pie angewen­det hat: die Zeitrei­hen­ana­lyse. Dabei wird jedes Video in kurze Zeitse­quen­zen unter­teilt, die von geschul­ten Beobach­tern im Bezug auf die Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit, das Wohlbe­fin­den und das emotio­nale Ausdrucks­ver­hal­ten ausge­wer­tet werden. Anschlie­ßend können Trend­ver­läufe berech­net und Inter­ven­ti­ons­ef­fekte nachge­wie­sen werden.

„Wir möchten in diesem Projekt Menschen mit Demenz und ihren durch die Pflege belas­te­ten Angehö­ri­gen ein Stück gesell­schaft­li­che Teilhabe und soziale Integra­tion ermög­li­chen“, erläu­tert Schall. Und Tesky fügt hinzu: „Man muss nicht malen können, um etwas gestal­ten und sich ausdrü­cken zu können.“ Bewusst haben die Forscher verschie­dene kreative Techni­ken in die Atelier­ar­beit aufge­nom­men: Colla­gen, Malerei, einfa­che Druck­tech­ni­ken und Arbei­ten mit Ton. Die Aufga­ben sind so angelegt, dass der an Demenz erkrankte Mensch und sein Beglei­ter mitein­an­der in einen kreati­ven Austausch treten können.

Zeitge­mäße Strate­gien im Umgang mit demen­zi­ell erkrank­ten Menschen sind auch Thema des kommen­den JuraHe­alth Congres­ses. Mehr unter: www.jurahealth.de