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Lebenserwartung
Die Anzahl der rauchen­den Menschen stagniert in Deutsch­land auf hohem NiveauBild: Pixabay

Lebens­er­war­tung im Fokus: Einschlä­gige Kampa­gnen der Bundes­zen­trale für gesund­heit­li­che Aufklä­rung (BZgA) zur Reduzie­rung des Raucher­quote schei­nen die Motiva­tion zum Verzicht aus das Zigaret­ten­rau­chen nicht nachhal­tig zu erhöhen. Die Öffent­lich­keits­ar­beit fokus­siert sich dabei seit vielen Jahren auf zwei Säulen: das Verhin­dern des Einstiegs in das Rauchen einer­seits und der Aufruf zum komplet­ten Rauch­stopp andererseits.

Die seit einigen Jahren im Markt erhält­li­chen Alter­na­ti­ven, die ohne Tabak­ver­bren­nung auskom­men und daher schad­stoff­re­du­ziert sind, darun­ter E‑Zigaretten und Tabak­er­hit­zer, spielen heute noch keine große Rolle als mögli­che dritte Säule zur Verrin­ge­rung der gesund­heit­li­chen Folgen des Rauchens. Einen inter­es­san­ten Beitrag zur Debatte liefert nun eine Forscher­gruppe rund um die Schwei­zer Analys­tin Romana Rytsar vom Forschungs­zen­trum von Philip Morris International.

Das inter­dis­zi­pli­näre Team hat mithilfe eines komple­xen Algorith­mus model­liert, welche gesund­heit­li­chen Auswir­kun­gen durch den Ausstieg via Rauch­stopp oder einen Umstieg von der Zigarette zu schad­stoff­re­du­zier­ten Alter­na­tiv­pro­duk­ten zu erwar­ten gewesen wären.

Lebens­er­war­tung: Bewer­tung der Zigarettenalternativen

Es steht außer Zweifel, dass der Rauch­stopp aus der medizi­ni­schen Perspek­tive die Ideal­lö­sung zur Minimie­rung der mit dem Rauchen assozi­ier­ten Erkran­kun­gen aufweist. Daneben konnte nunmehr aber auch nachvoll­zieh­bar gemacht werden, dass auch der Umstieg auf schad­stoff­re­du­zierte Alter­na­ti­ven – zwar in gerin­ge­rem Grad, aber immer noch erheb­lich – zur Verrin­ge­rung der gesund­heit­li­chen Folgen des Rauchens beitra­gen kann.

Auf validier­ter epide­mio­lo­gi­scher Daten­ba­sis wurde der Effekt einer hypothe­ti­schen Einfüh­rung von Alter­na­tiv­pro­duk­ten auf die Morta­li­tät bei 30- bis 79-Jähri­gen durch vier durch das Rauchen verur­sachte Krank­hei­ten (Lungen­krebs, COPD, Herzin­farkt, Schlag­an­fall) berech­net. Die Berech­nun­gen haben sich auf den zwanzig­jäh­ri­gen Zeitraum von 1995 bis 2015 bezogen. Ausge­wer­tet wurden zwei Messgrö­ßen: Reduk­tion in Morta­li­tät und, davon abgelei­tet, wieder­ge­won­nene Lebensjahre.

Ausge­hend von der Annahme, dass schad­stoff­re­du­zierte Produkte im betrach­te­ten Zeitraum nicht einge­führt waren – wurde zunächst die Anzahl der Todes­fälle durch Zigaret­ten­rau­chen zwischen 1995 und 2015 auf 852000, und die der verlo­re­nen Lebens­jahre auf 8,61 Millio­nen geschätzt. Dr. Alexan­der Nussbaum, Mitglied des Forscher­teams und Head of Scien­ti­fic & Medical Affairs bei der Philip Morris GmbH ergänzt: „Hätten im Laufe des Jahres 1995 alle Raucher:innen den Tabak- und Nikotin­kon­sum komplett einge­stellt, wäre die Zahl der Todes­fälle über zwanzig Jahre um 217000 zurückgegangen.

2,88 Millio­nen Lebens­jahre hätten somit gewon­nen werden können. Neben Aussa­gen über dieses Ideal­sze­na­rio liefert die vorlie­gende Model­lie­rung aber erstma­lig auch Erkennt­nisse darüber, wie sich Alter­na­ti­ven mit Poten­zial zur Schadens­min­de­rung (Harm Reduc­tion) auswir­ken könnten.“

Umstieg auf verbren­nungs­lose Produkte ist mit gerin­ge­rem Risiko behaftet

Die bei der Tabak­ver­bren­nung entste­hen­den toxischen Schad­stoffe sind die Haupt­ur­sa­che für die Gesund­heits­ge­fähr­dung durch das Zigaret­ten­rau­chen. Für den Umstieg von herkömm­li­chen Zigaret­ten auf verbren­nungs­freie Alter­na­ti­ven wird inzwi­schen in Studien eine signi­fi­kante Reduzie­rung der poten­zi­ell schäd­li­chen Chemi­ka­lien gemessen.

Das Forscher­team nahm für seine Berech­nun­gen insofern eine Schaden­re­duk­tion gegen­über dem Weiter­rau­chen von 80 bzw. 95 Prozent für Tabak­er­hit­zer bzw. E‑Zigaretten an. Neben dem Ideal­sze­na­rio Rauch­stopp fußen die Berech­nun­gen auf vier Umstiegs­sze­na­rien, die unter­schied­li­che Annah­men über die Dynamik und Vollstän­dig­keit des Wechsels zu E‑Zigaretten und Tabak­er­hit­zern berücksichtigen.

In den Szena­rien mit einem gradu­el­le­ren Umstieg lag die geschätzte Abnahme der Todes­fälle zwischen 39.800 und 81.000. Die geschätzte Zunahme an Lebens­jah­ren im Vergleich zum Weiter­rau­chen lag bei 0,50 bis 1,05 Millio­nen Jahren, was 17,5 bis 37,5 Prozent des Effekts des sofor­ti­gen Rauch­stopps im Jahr 1995 entspricht.

Sozio­öko­no­mi­scher Status und die Rauchquote

Verschie­dene Studien brach­ten in der Vergan­gen­heit hervor, dass die Raucher­quote in Abhän­gig­keit von der sozia­len Bevöl­ke­rungs­gruppe stark variie­ren. Nach einer im Jahr 2018 veröf­fent­lich­ten Unter­su­chung der Univer­si­tät Düssel­dorf, die im regel­mä­ßi­gen Rhyth­mus der „Deutschen Befra­gung zum Rauch­ver­hal­ten“ (DEBRA) statt­fand, korre­liert die Raucher­quote mit der Einkom­mens­klasse: Je niedri­ger das im Haushalt verfüg­bare Netto­ein­kom­men war, desto größer ist der Raucher­an­teil ausgefallen.

Gleich­zei­tig steht aber auch die Lebens­er­war­tung in einem unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit dem Raucher­sta­tus. Dies führt zu verstärk­ten gesund­heits­be­zo­ge­nen Ungleich­hei­ten in der Gesell­schaft. Zudem nimmt die Motiva­tion für den Ausstieg aus dem Tabak­kon­sum mit der gerin­ge­ren Gradu­ie­rung des sozio­öko­no­mi­schem Status ab. So gaben in der Studie „Barrie­ren des Rauch­stopps“ 43 Prozent der Rauche­rin­nen und Raucher mit gerin­ge­rem Einkom­men an, noch nie einen ernst­haf­ten Rauch­stopp­ver­such unter­nom­men zu haben.

Bei Rauche­rin­nen und Rauchern mit hohem Einkom­men waren es hinge­gen nur 16 Prozent. Dieser Erkennt­nis folgend teilte das Team rund um Romana Rytsar die Indivi­duen in der Model­lie­rungs­stu­die in zwei Gruppen mit unter­schied­li­chen Einkom­mens- und Bildungs­ver­hält­nis­sen ein. Unter­stellt, dass alle Rauche­rin­nen und Raucher im Jahr 1995 auf Tabak­er­hit­zer oder E‑Zigaretten umgestie­gen wären, hätten die Rückgänge der Todes­fälle in der höheren sozio­öko­no­mi­schen Gruppe schät­zungs­weise bei 60000 und in der niedri­ge­ren sozio­öko­no­mi­schen Gruppe bei 122000 gelegen.

Bei einem gradu­el­le­ren Umstieg hätten sich in der ersten Gruppe die Todes­fälle um 26000 reduziert, in der zweiten um 53000. Die Rückgänge der Todes­fälle bzw. die gewon­ne­nen Lebens­jahre wären in der niedri­ge­ren sozio­öko­no­mi­schen Gruppe etwa 2- bzw. 1,5‑mal höher gewesen, aufgrund der Größe, des höheren Durch­schnitts­al­ters und der höheren Raucher­prä­va­lenz dieser Gruppe.

Ausblick

Neben der Ideal­lö­sung des Rauch­stopps sind die verbren­nungs­freien Alter­na­ti­ven als Werkzeuge zur Verrin­ge­rung der Auswir­kun­gen durch das Rauchen für die indivi­du­elle und öffent­li­che Gesund­heit in Betracht zu ziehen. Auf der Basis der rückwärts­ge­rech­ne­ten Model­lie­rung hätte in dem kalku­lier­ten Zwanzig­jah­res-Zeitraum insge­samt bis zu einer Million der durch die Folgen des Rauchens verlo­re­nen Lebens­jahre, weiter erlebt werden können.

Vor dem Hinter­grund dieses gewal­ti­gen Volumens an poten­zi­el­lem Lebens­zeit­wie­der­ge­winn sollten die Kampa­gnen zur Aufklä­rung über die Risiken des Zigaret­ten­rau­chens und zur Änderung des Rauch­ver­hal­ten zukünf­tig zusätz­lich auch Infor­ma­tio­nen über die schad­stoff­re­du­zier­ten Alter­na­tiv­pro­dukte beinhal­ten. „Unsere Model­lie­rung liefert einen neuen Beitrag zur Bewer­tung einer mögli­chen Rolle von Schadens­min­de­rung beim Rauchen in Deutsch­land“, so Dr. Alexan­der Nussbaum.

„Zudem können die Berech­nun­gen den deutschen Gesund­heits- und Regulie­rungs­be­hör­den als Grund­lage für Kosten-Nutzen-Bewer­tun­gen von Maßnah­men zur Verrin­ge­rung der gesund­heit­li­chen Auswir­kun­gen des Rauchens dienen.“

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