StS Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, bei der Live-Videokonferenz auf der Winterakademie 2021
StS Andre­as Wes­ter­fell­haus, Pfle­ge­be­voll­mäch­tig­te der Bun­des­re­gie­rung, bei der Live-Video­kon­fe­renz auf der Win­ter­aka­de­mie 2021

„Licht ist da am Ende des Tun­nels – ich weiß nur noch nicht, wie lang der Tun­nel ist…“, resü­mier­te Andre­as Wes­ter­fell­haus ange­sichts der Coro­na-Pan­de­mie und der lang­sam anrol­len­den Impf­kam­pa­gne. Doch noch sei die Mit­ar­beit der Bevöl­ke­rung von­nö­ten, das Virus ein­zu­he­gen und einer Ver­brei­tung der anste­cken­de­ren, mög­li­cher­wei­se auch töd­li­che­ren aus Groß­bri­tan­ni­en stam­men­den Coro­na-Muta­ti­on zu ver­hin­dern. „Wir brau­chen 7‑Ta­ges-Inzi­den­zen von unter 30 pro 100.000 Ein­woh­nern, sonst bekom­men wir die neue Coro­na-Vari­an­te nicht in den Griff“, ist er überzeugt.

Der lang­jäh­ri­ge Prä­si­dent des Deut­schen Pfle­gera­tes und heu­ti­ge Staats­se­kre­tär und Pfle­ge­be­voll­mäch­tig­ter der Bun­des­re­gie­rung war zum Semi­nar mit rund 30 Teil­neh­mern aus Pfle­ge, Ärz­te­schaft, Medi­zin­recht­lern und aus dem Pfle­ge­pro­duk­te-Bereich per Video­kon­fe­renz-Tool bei der dies­jäh­ri­gen Win­ter­aka­de­mie zuge­schal­tet. In sei­nem ein­stün­di­gen Refe­rat mit Fra­ge­run­de ging er auf die Rol­le der Pfle­ge und die sich ver­än­dern­den poli­ti­schen Vor­zei­chen im Zuge der Pan­de­mie ein, und gab zugleich einen Aus­blick auf die Wei­ter­ent­wick­lung des Gesundheitswesens.

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Keine validen Zahlen zur Impfbereitschaft beim Pflegepersonal – „Pflegende sind keine Impfverweigerer“

Ener­gisch trat er den Mel­dun­gen aus der Pres­se ent­ge­gen, dass es in der Pfle­ge eine ver­brei­te­te Impf­mü­dig­keit oder ‑unwil­lig­keit gebe. „Wir haben kei­ne vali­den Zah­len über die Impf­be­reit­schaft beim Pfle­ge­per­so­nal“, beton­te er. „Pfle­gen­de sind kei­ne Impf­ver­wei­ge­rer, son­dern an der einen oder ande­ren Stel­le Skep­ti­ker.“ Die ihm vor­lie­gen­den Stu­di­en deu­te­ten eher auf das Gegen­teil hin, etwa eine Impf­be­reit­schaft von 78 Pro­zent der befrag­ten Pfle­ger aus der Regi­on West­fa­len-Lip­pe. All­ge­mein sieht er durch Coro­na und die ver­stärk­te Wahr­neh­mung der Pfle­ge­be­ru­fe auch eine Gele­gen­heit, die Rah­men­be­din­gun­gen zum Bes­se­ren zu wen­den. „Wir haben in der Pan­de­mie dafür gesorgt, dass wir The­men in der Pfle­ge anders dis­ku­tie­ren – wovon wir vor 10 Jah­ren nicht ein­mal geträumt hät­ten. Inso­fern ist die Kri­se tat­säch­lich eine Chance.“

Die Pflege braucht eine bessere Selbstorganisation

Um tat­säch­lich etwas zum Posi­ti­ven zu ver­än­dern, brau­che man aber – ent­spre­chend des lang­jäh­ri­gen Cre­dos des 64-Jäh­ri­gen – eine stär­ke­re Eigen­in­itia­ti­ve aus der Pfle­ge. „Die Poli­tik schafft das allei­ne nicht. Wir brau­chen eine star­ke Orga­ni­sa­ti­on in der Pfle­ge­bran­che, da wir mit der Pfle­ge reden müs­sen, nicht über sie. Aber dafür müs­sen die Pfle­gen­den auch eine Insti­tu­ti­on haben, die für sie spre­chen kann.“ Ange­sichts des­sen bedau­re er die Ent­wick­lung in Nie­der­sach­sen sehr, wo die bereits gebil­de­te Lan­des­pfle­ge­kam­mer der­zeit nach nega­ti­vem Votum der Berufs­an­ge­hö­ri­gen rück­ab­ge­wi­ckelt wird. „Wenn ich nach Nie­der­sach­sen schaue, tut es mir in der See­le weh, wenn ich die Rück­wärts-Ent­wick­lung dort ver­fol­ge.“ Gera­de jetzt sei es jedoch wich­tig für die Pfle­ge, als Berufs­stand nach­zu­set­zen, damit es nicht bei sym­bo­li­schen Applaus-Aktio­nen oder ein­ma­li­gen Mini-Prä­mi­en blei­be. „Ich fin­de nicht, dass die 150 Euro brut­to aus den Tarif­ver­hand­lun­gen des Öffent­li­chen Diens­tes der gro­ße Sprung sind, von denen dann viel­leicht 80 net­to übrig bleiben.“

Posi­tiv dage­gen ver­fol­ge er die Ent­wick­lung des Bochu­mer Bun­des, der ers­ten Spar­ten­ge­werk­schaft spe­zi­ell für die Pfle­ge. „Es hat etwas gedau­ert, bis dass der Bochu­mer Bund Fahrt auf­ge­nom­men hat. Aber nun ist er ers­ter Tarif­part­ner für Pfle­gen­de an eini­gen Kran­ken­häu­sern. Das stellt Rücken­wind dar, und ist sehr ermu­ti­gend.“ Des­sen For­de­rung nach einem Ein­stiegs­ge­halt von 4.000 Euro für aus­ge­bil­de­te Pfle­ge­fach­kräf­te mache deut­lich, wohin die Rich­tung gehen müs­se. „Es stimmt schon, als Alten­pfle­ger könn­te ich mir bei­spiels­wei­se nicht leis­ten, in Mün­chen zu leben. Wenn das Geld auch nicht alles ist, muss man sich im Leben auch was leis­ten kön­nen, mal in Urlaub fah­ren. Und Wei­ter­qua­li­fi­zie­run­gen müs­sen sich loh­nen, auch finan­zi­ell.“ Nicht Min­der­qua­li­fi­ka­ti­on – also das groß­flä­chi­ge Absen­ken der Anfor­de­run­gen – sei die Lösung, son­dern „die Auf­ga­ben­tei­lung zwi­schen Pfle­ge­as­sis­ten­ten, exami­nier­ten Pfle­gen­den und stu­dier­ten Kräf­ten“. Auch etwa das aus den Nie­der­lan­den stam­men­de Buurt­z­org-Kon­zept sei sehr viel­ver­spre­chend. „Wir wis­sen, dass es funk­tio­niert. War­um braucht es da noch­mal auf­wän­di­ge Studien?“

Neben der berufs­stän­di­schen und gewerk­schaft­li­chen Arbeit müss­ten sich die Pfle­gen­den jedoch auch ihres poli­ti­schen Stimm­ge­wichts bewusst wer­den. „Wenn 1,4 Mil­lio­nen Pfle­ge­kräf­te einen Part­ner oder eine Part­ne­rin haben, sind wir schon bei 2,8 Mil­lio­nen Wäh­lern. Wir haben es also in der Hand, die Debat­te wei­ter zu befeu­ern.“ Die Struk­tur des Gesund­heits­we­sens sehe er in Zukunft der­art ver­än­dert, dass sich die Struk­tu­ren und Kom­pe­ten­zen der Berufs­fel­der ein­an­der ergän­zen und Sek­to­ren­gren­zen auf­ge­löst sind. „Wir müs­sen sie zusam­men­füh­ren, das braucht unser Gesund­heits­sys­tem. Poli­tik kann nur steu­ern – die Kom­pe­ten­zen müs­sen aus den Berufs­grup­pen kom­men“, wie­der­hol­te er sei­nen Appell zur stär­ke­ren Beteiligung.