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Kerstin Protz
Für Kerstin Protz besteht ein großer Schulungbedarf bei den Pflegekräften in Hinblick auf die Kompressionstherapie.MDI

Gleichwohl wird dieser Behandlungsmethode sowohl auf ärztlicher als auch auf pflegerischer Seite nicht immer der gebührende Stellenwert eingeräumt, so das Resümee auf dem Workshop des Medical Data Institutes (MDI) in Hamburg.

Die erfolgreiche Behandlung von venösen und lymphologischen Krankheitsbildern ist ohne die Kompressionstherapie nicht denkbar. Ein genau definierter übt Druck auf das Gewebe und die Gefäße aus. Zuvor erweiterte Venen werden auf ihren normalen Durchmesser zusammengepresst, noch nicht zerstörte Venenklappen schließen wieder und werden ihrer Funktion als Rückstauventil gerecht. Der Rückfluss des Blutes zum Herzen wird befördert, weil es sich nicht mehr in den Beinen staut; es bilden sich deutlich weniger venöse Blutgerinnsel. Die Beine schwellen ab, weil die Gewebeflüssigkeit wieder verstärkt in die Venen aufgenommen wird und besser abfließen kann.

Dieses einfache mechanische Wirkprinzip bildet die Basis der Behandlung zahlreicher Venenleiden und Erkrankungen des Lymphsystems und beugt zahlreichen Folgeerkrankungen wie Gefäßverschlüssen, Thrombosen oder Ulzerationen vor.

Gleichwohl wird dieser effektiven Therapieform sowohl auf ärztlicher als auch auf pflegerischer Seite nicht immer der gebührende Stellenwert eingeräumt. Aus diesem Grund diskutierten auf einem Workshop des MDI am Freitag, den 9. Oktober 2015 am Rande des 13. Gesundheitspflege-Kongresses in Hamburg Experten aus ganz Deutschland über die Möglichkeiten und Grenzen der Kompressionstherapie.

Gerd Lulay
Dr. Gerd Lulay, Facharzt für Gefäßchirurgie aus Rheine, hob lobend ein neues ärztliches Curriculum der Ärztekammer Westfalen-Lippe hervor.MDI

Vor allem bei Erkrankungen wie dem Ulcus cruris venosum und Lymphödemen sei es allgemeiner Konsens, dass die Kompressionstherapie die Basis einer erfolgreichen Behandlung sei, erklärte der Gefäßchirurg Prof. Martin Storck aus Karlsruhe. Die Effektivität dieser Therapieform hätte nicht zuletzt auch eine Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2012 nachdrücklich untermauert. Wie Storck betonte, ist aber auch die effiziente Durchführung der Therapie für deren Erfolg entscheidend.

Doch gerade hierbei gebe es häufig Probleme, so Kerstin Protz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie sieht insbesondere bei Pflegekräften einen großen Schulungsbedarf in Hinblick auf eine fachgerechte Versorgung. „Die in der Ausbildung vermittelten Kenntnisse zur Kompressionstherapie sind keineswegs ausreichend“, so Protz. Eine Untersuchung zur Anwendungspraxis habe gezeigt, dass in Deutschland die Mehrheit der Versorger die verschiedenen Kompressionsmaterialien nicht kennt und auch mit der adäquaten Ausführung der Kompressionstherapie nicht vertraut ist.

Protz zufolge müsse das Anlegen einer Kompressionsbandagierung regelmäßig geübt werden – auch unter Verwendung von Druckmessgeräten. Vor diesem Hintergrund sei es erfreulich, dass mittlerweile Kompressionsbandagen-Systeme auf dem Markt sind, die auch vom Patienten selbst angelegt werden könnten. Der Vorteil: Das Bandagensystem ist flexibel an sich verändernde Beinumfänge anpassbar und der adäquate Kompressionsdruck kann jederzeit schnell und einfach vom Anwender überprüft werden.

Dringender Fortbildungsbedarf wird aber auch auf der ärztlichen Seite erkannt. Leider sähen weder die universitären Ausbildungen noch die Facharztausbildungen einen entsprechenden Platz für die Kompressionstherapie vor, ebenso würden die Inhalte in den einschlägigen Weiterbildungen eher theoretisch als praktisch vermittelt, stellte Dr. Gerd Lulay, Facharzt für Gefäßchirurgie aus Rheine fest. Er hob lobend ein neues ärztliches Curriculum der Ärztekammer Westfalen-Lippe„Lymphologie für Ärzte/innen“ – hervor, durch das erstmals in Deutschland systematische Einblicke in die Mikro- und Makroanatomie, Physiologie und Pathophysiologie sowie in physikalische und apparative Untersuchungsmethoden vermittelt werden.