Das Satellitensymposium der BGW "Gewalt und Aggression managen? – Beispiele und Anwendung in der betrieblichen Praxis" auf der 12. Pflegefortbildung des Westens.
Das Satel­li­ten­sym­po­si­um der BGW „ und Aggres­si­on mana­gen? – Bei­spie­le und Anwen­dung in der betrieb­li­chen Pra­xis“ auf der 12. Pfle­ge­fort­bil­dung des Wes­tens 2019 in Köln.

„Wir tun gut dar­an, dass wir die Arbeits­be­din­gun­gen so gut gestal­ten wie’s geht. Nicht nur Arbeit­neh­mer sind gefor­dert, ihre Resi­li­enz her­zu­stel­len, son­dern es ist auch ein The­ma von Per­so­nal­ein­satz und Fort­bil­dungs­an­ge­bo­ten“, merk­te Rah­wa Geb­re­ki­ros von der Köl­ner Geschäfts­stel­le der Berufs­ge­nos­sen­schaft für Gesund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge (BGW) an. Der gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rer unter ande­rem für Kran­ken­häu­ser, Pfle­ge­hei­me und Behin­der­ten-Ein­rich­tun­gen hat­te im Rah­men der 12. Pfle­ge­fort­bil­dung des Wes­tens in Köln (ehe­mals JuraHe­alth Con­gress, ) zum Satel­li­ten­sym­po­si­um zu einem wich­ti­gen und bri­san­ten, sehr unschö­nen The­ma ein­ge­la­den: der ver­ba­len und phy­si­schen gegen Beschäf­tig­te in Ein­rich­tun­gen des Gesund­heits- und Pfle­ge­we­sens. Unter dem Titel „ und Aggres­si­on mana­gen? – Bei­spie­le und Anwen­dung in der betrieb­li­chen Pra­xis“ erör­ter­ten die 100 Besu­cher im sehr gut gefüll­ten Kon­fe­renz­saal „Bau­er“ des Mer­cu­re-Hotels zwei Stun­den über Mit­tel und Wege, dem Pro­blem bei­zu­kom­men.

„Aggression und Gewalt gehören für viele Beschäftigte zum beruflichen Alltag“

Zur Ein­füh­rung prä­sen­tier­te Dr. Anja Scha­blon vom Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ham­burg-Eppen­dorf höchst beun­ru­hi­gen­de Zah­len dazu, wie ver­brei­tet Gewalt­er­fah­run­gen auf der Arbeit mitt­ler­wei­le sind. In einer aktu­el­len Stu­die, die mit För­de­rung der BGW vom CVCa­re unter 1.984 Beschäf­tig­ten des Gesund­heits- und Sozi­al­we­sens durch­ge­führt wor­den ist, gaben 80 % der Befrag­ten an, in den letz­ten 12 Mona­ten Gewalt erlebt zu haben. Von den Betrof­fe­nen berich­te­ten 94 % über ver­ba­le und 70 % über kör­per­li­che Gewalt­er­leb­nis­se. „Aggres­si­on und Gewalt gehö­ren für vie­le Beschäf­tig­te zum beruf­li­chen All­tag“, so Dr. Scha­blons Schluss­fol­ge­rung.

Min­des­tens eben­so bedenk­lich ist das oft unzu­rei­chen­de Ange­bot in Ein­rich­tun­gen zur und Nach­sor­ge für von Gewalt betrof­fe­ne Mit­ar­bei­ter. „Lei­der sag­ten 22 Pro­zent der Befra­gungs-Teil­neh­mer, dass es über­haupt kei­ne Ange­bo­te zur Gewalt gibt – weder Fall­be­spre­chun­gen, Nach­sor­ge­ge­sprä­che, tech­ni­sche Not­fall­sys­te­me, Dees­ka­la­ti­ons­trai­nings oder Hand­lungs­an­lei­tun­gen.“ Dabei habe gera­de die Nach­sor­ge eine sehr wich­ti­ge Rol­le, um Burn-Out-Syn­dro­men vor­zu­beu­gen. „Und 60,1 Pro­zent der Befrag­ten wuss­ten gar nicht, dass Über­grif­fe Arbeits­un­fäl­le sind, für die man Hil­fe der Berufs­ge­nos­sen­schaft erhal­ten kann.“

Das Thema Gewalt enttabuisieren, um es zu bewältigen

Einen vor­bild­li­chen Weg, um Gewalt­fäl­len im Arbeits­all­tag zu begeg­nen, zeig­te Chris­ti­an Jan­ßen, Psy­cho­lo­ge in der Bie­le­fel­der Bethel-Stif­tung, auf. Die Stif­tung, die in acht Bun­des­län­dern Wohn­hei­me und Arbeits­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­rung anbie­tet, hat vor eini­gen Jah­ren eine Dienst­ver­ein­ba­rung zur Gewalt­prä­ven­ti­on abge­schlos­sen. Vor­aus gegan­gen war auch hier eine enor­me Häu­fung von Gewalt­fäl­len. So gab es unter dem Dach der Stif­tung  noch im Jahr 2011 14 Fäl­le von schwe­rer Gewalt, 2012 waren es schon 25 und bis Okto­ber 2013 33 schwe­re Fäl­le. Davon sei­en jeweils fünf bis sechs sogar sehr schwer gewe­sen. „Wir hat­ten eini­ge Fäl­le, wo die Kol­le­gen froh sein kön­nen, dass sie noch am Leben sind. Es war dann per Zufall jemand in der Gegend, der recht­zei­tig ein­grei­fen kann“, erin­nert sich Jan­ßen.

Die Aus­lö­ser sei­en unter­schied­lich gewe­sen – neben Wider­stand gegen Pfle­ge­tä­tig­kei­ten oder der Ver­wei­ge­rung von Medi­ka­men­ten-Ein­nah­men oder Kon­flik­ten mit Mit­be­woh­nern habe sich in 38 Pro­zent der Fäl­le kein nach­voll­zieh­ba­rer Anlass für den Gewalt­aus­bruch gefun­den. Doch der Psy­cho­lo­ge reg­te auch zum Per­spek­tiv­wech­sel an. „Wer von Ihnen möch­te schon in einer WG mit acht bis 15 ande­ren Per­so­nen leben, die Sie sich nicht aus­ge­sucht haben?“ frag­te er in den Saal. „Es hängt auch mit einem Lern­pro­zess zusam­men – nach dem Mot­to: Stel­le ich irgend­et­was an, wird auf mich reagiert.“ Zusätz­lich beför­de­re der Para­dig­men­wech­sel von der sta­tio­nä­ren zu ambu­lan­ten Betreu­ung die Schwie­rig­kei­ten in der Heim­ar­beit. „Per­so­nen mit leich­te­ren Behin­de­run­gen wer­den, wenn es irgend­wie geht, heu­te ambu­lant betreut. In den Ein­rich­tun­gen bleibt dann der har­te Kern zurück, die in Nach­bar­schaf­ten Pro­ble­me berei­ten wür­den. Die­se Fäl­le wer­den in den Hei­men also gebün­delt.“ Die Dienst­ver­einab­rung zur Gewalt­prä­ven­ti­on sowie die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung sind Instru­men­te, die die Stif­tung als Reak­ti­on auf das Gewalt­auf­kom­men eta­bliert hat. Sie hel­fen, das The­ma Gewalt in den Ein­rich­tun­gen zu ent­ta­bui­sie­ren und mit allen Betei­lig­ten rich­tig zu kom­mu­ni­zie­ren.

Notsignalanlagen als Maßnahme für Gewaltprävention

Den Abschluss des Sym­po­si­ums bil­de­te Tho­mas Stein­we­del mit sei­nem Vor­trag zu der Fra­ge, was eigent­lich der Betrieb im Rah­men der Dienst­ver­ein­ba­rung machen muss, um Gewalt­prä­ven­ti­on in der Ein­rich­tung zu inte­grie­ren. Dazu führ­te der Tech­ni­sche Lei­ter der Theo­dor Flied­ner Stif­tung in Ratin­gen und Sach­ver­stän­di­ge für Brand- und Arbeits­schutz im DGSV die Sym­po­si­um-Teil­neh­mern in die Welt der Per­sön­li­chen Not­si­gnal­an­la­gen ein, gab ihnen dazu hilf­rei­che Rat­schlä­ge und klär­te sie vor allem über die dies­be­züg­li­chen Pflich­ten der Arbeit­ge­ber und Beschäf­tig­ten auf.

Dazu lie­gen näm­lich eine Rei­he von gesetz­li­chen Rege­lun­gen vor, wie etwa das Arbeits­schutz­ge­setz und das Arbeits­si­cher­heits­ge­setz, die beim The­ma Not­si­gnal­an­la­gen grund­le­gend sind. Zum einen ist der Arbeit­ge­ber unter ande­rem dazu ver­pflich­tet, Maß­nah­men des Arbeits­schut­zes auf Basis einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung vor­zu­neh­men und die­se auch zu doku­men­tie­ren. Zum ande­ren haben wie­der­um die Beschäf­tig­ten nach ihren Mög­lich­kei­ten für ihre Sicher­heit und Gesund­heit Sor­ge zu tra­gen.

Mit anschau­li­chen Bei­spie­len demons­trier­te Tho­mas Stein­we­del, wel­che Sys­te­me von Not­si­gnal­an­la­gen als Maß­nah­me für Gewalt­prä­ven­ti­on es gibt: Die Aus­wahl­mög­lich­kei­ten rei­chen von bereichs­be­zo­ge­nen Not­fall­pie­pern mit stil­lem Not­fall­alarm, über Tele­fon­an­la­gen mit Not­fall-Kurz­wah­len bis hin zur Aus­stat­tung mit spe­zi­el­len Sen­dern. „Die Sys­te­me müs­sen nur immer indi­vi­du­ell auf den Nut­zer ange­passt sein“, beton­te Stein­we­del. Kei­nes­wegs gebe es Mus­ter­sys­te­me, die für jede Ein­rich­tung pas­send sei­en. Viel­mehr müs­se für jede Ein­rich­tung indi­vi­du­ell beur­teilt wer­den, wel­che Not­si­gnal­sys­te­me sich für die­se eig­nen. Das heißt, die Ent­schei­dung für die jewei­li­gen Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men dürf­ten also nicht allein auf Grund­la­ge der Kos­ten­ab­wä­gung erfol­gen, bekräf­tig­te der Tech­ni­sche Lei­ter.

Zum Abschluss gaben die Refe­ren­ten noch Raum zur Dis­kus­si­on und für Nach­fra­gen und boten den Teil­neh­mern zudem aus­führ­li­ches Infor­ma­ti­ons­ma­te­ri­al zum Mit­neh­men an.