JuraHealth Congress 2019: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Innovationsforums.
JuraHe­alth Congress 2019: Die Teilneh­mer und Teilneh­me­rin­nen des Innovationsforums.

Organi­sa­to­ri­sche Unter­stüt­zung erhiel­ten der veran­stal­tende G&S Verlag und die PWG-Seminare auch in diesem Jahr wieder von der Berufs­ge­nos­sen­schaft für die Gesund­heits­dienste und Wohlfahrts­pflege (BGW) und der Univer­si­täts­kli­nik Köln.

Neben einem bunten Mix an Ausstel­lern aus der Gesund­heits- und Pflege­bran­che in der Fachaus­stel­lung wurde den Teilneh­mern ein breites Angebot aus Vorträ­gen und Satel­li­ten­sysm­po­sien geboten, in denen getreu dem diesjäh­ri­gen Motto Wege und Lösungs­an­sätze für eine gewalt­freie Pflege disku­tiert worden sind. Ganz nach der Devise „Alles neu macht der Mai“, passend zum aller­schöns­ten frühsom­mer­li­chen Wetter in Köln, wartete der Kongress zudem mit diver­sen Neuhei­ten für die über 500 Teilneh­me­rin­nen und Teilneh­mer auf: Nicht nur der Veran­stal­tungs­name hat sich vom bishe­ri­gen JuraHe­alth Congress zu nunmehr „Pflege­fort­bil­dung des Westens“ gewan­delt, sondern erstma­lig wurde mit dem Innova­ti­ons­fo­rum auch ein Wettbe­werb zwischen Start-up-Unter­neh­men auf dem diesjäh­ri­gen Kongress ausge­tra­gen, der mit der App „SuperN­urse“ einen glück­li­chen ersten Sieger hervorbrachte.

Zu Beginn der Veran­stal­tung hieß der Initia­tor und Präsi­dent des Kongres­ses, Prof. Dr. Volker Großkopf, natür­lich zunächst einmal die zahlrei­chen Teilneh­me­rin­nen und Teilneh­mer in seiner Eröff­nungs­rede willkom­men und legte seine Motiva­tion für die Wahl des Themas „Gewalt in der Pflege“ dar. Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich, die wie Großkopf an der Katho­li­schen Hochschule Nordrhein-Westfa­len (KatHO NRW) lehrt, sprach das erste Grußwort, gefolgt von dem zweiten Grußwort des stell­ver­tre­ten­den Haupt­ge­schäfts­füh­rers der BGW, Jörg Schud­mann. In seinem Beitrag schil­derte er nicht nur, weshalb „Gewalt“ auch ein Thema für die gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung ist, sondern auch wie Gewalt­er­eig­nisse besten­falls der Berufs­ge­nos­sen­schaft mitzu­tei­len sind.

Zwei ausge­wie­sene Kenner des Betreu­ungs­rechts über die Fixierungsproblematik

Just am gleichen Tag des JHC jährte sich das Grund­ge­setz zum 70. Mal, was der auf das Betreu­ungs­recht spezia­li­sierte Rechts­an­walt Hubert Klein in seinem Vortrag mit einbet­tete, in dem er mitun­ter inten­siv auf jüngste Entschei­dun­gen des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts zur Fixie­rungs­pro­ble­ma­tik einging. Thema­tisch daran angelehnt erläu­terte Rechts­an­walt und frühe­rer Richter Harald Reske die Feinhei­ten, die bei der Betrach­tung und Anwen­dung der Rechts­grund­la­gen bezüg­lich freiheits­ent­zie­hen­der Maßnah­men (FEM) zu beach­ten sind und unter­füt­terte sie mit zahlrei­chen Beispie­len aus seiner langjäh­ri­gen Berufspraxis.

Deeska­la­tion bereits durch kleinste Verhaltensänderungen

Erschro­cken haben dürften das Publi­kum die Zahlen, die Dr. Anja Schablon vom Compe­tenz­zen­trum Epide­mio­lo­gie und Versor­gungs­for­schung bei Pflege­be­ru­fen (CVcare) des Univer­si­täts­kli­ni­kums Hamburg-Eppen­dorf (UKE) bereit hielt. In einer aktuel­len Studie, die mit Förde­rung der BGW vom CVCare unter 1.984 Beschäf­tig­ten des Gesund­heits- und Sozial­we­sens durch­ge­führt worden ist, gaben gaben 80 Prozent der Befrag­ten an, in den letzten 12 Monaten Gewalt erlebt zu haben. Von den Betrof­fe­nen berich­te­ten 94 Prozent über verbale und 70 Prozent über körper­li­che Gewalt­er­leb­nisse. Wiederum beruhigt dürften die Zuhörer gewesen sein, als der Dipl.-Sozialpädagoge und Deeska­la­ti­ons­ex­perte Ulrich Krämer aufzeigte, dass bereits kleinste Verhal­tens­än­de­run­gen erheb­lich zu einer Deeska­la­tion von konflikt­ge­la­de­nen Situa­tio­nen beitra­gen können.

Keine Scheu vor Tabuthe­men und eine Reise nach „Anders­land“

Einbli­cke in ein Tabuthema, dass nicht selten zu Konflik­ten führt, gab Gabriele Paulsen: 2014 gründete die Hambur­ge­rin mit Nessita das erste Portal Deutsch­lands, das eroti­sche Dienst­leis­tun­gen für immobile Menschen anbie­tet. Paulsen merkte in ihrem Vortrag an, dass in vielen Einrich­tun­gen das essen­zi­elle Bedürf­nis der Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­nern nach Intimi­tät und Zunei­gung nicht erkannt oder sogar missach­tet wird. So fehlt es oftmals an den insti­tu­tio­nel­len Voraus­set­zun­gen, wie zum Beispiel genügend Rückzugs­mög­lich­kei­ten und ausrei­chend Privatsphäre.

Der bekannte Dipl.-Pädagoge Erich Schüt­zen­dorf nahm das Publi­kum mit auf eine Reise nach „Anders­land“: dem Land, in welchem viele demen­zi­ell erkrankte Menschen leben und in der die für uns selbst­ver­ständ­lich gehal­te­nen Dinge „anders“ wahrge­nom­men werden.

Wie kann Gewalt und Aggres­sion gemanagt werden?

Neben den abwechs­lungs­rei­chen Vorträ­gen und dem Innova­ti­ons­fo­rum bot sich für die Besuche­rin­nen und Besucher der „Pflege­fort­bil­dung des Westens“ auch die Möglich­keit zur Teilnahme an einer der drei Begleit­ver­an­stal­tun­gen (Satel­li­ten­sym­po­sien), die in den Räumlich­kei­ten des angren­zen­den Mercure-Hotels statt­fan­den. Hierbei hatten die Teilneh­me­rin­nen und Teilneh­mer die Qual der Wahl zwischen einem inter­dis­zi­pli­nä­ren Workshop des Trans­fer­netz­werks Soziale Innova­tion (s_inn) unter dem Titel „Gewalt hat keine Diszi­plin, dem Sympo­sium der BGW mit dem Thema „Gewalt und Aggres­sion managen? – Beispiele und Anwen­dung in der betrieb­li­chen Praxis“ sowie der Begleit­ver­an­stal­tung „Risiken erken­nen – Risiken minimie­ren“ von PMI Scien­ces und der PWG-Seminare.

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress

Auch für das kommende Jahr steht bereits das Motto der Pflege­fort­bil­dung des Westens in 13. Auflage fest: Unter dem Thema „Die Zukunft der Pflege – Hoffnungs­los war gestern?“ werden Wege aus der Pflege­mi­sere, zu denen Substi­tu­tion und Delega­tion, das neuar­tige nieder­län­di­sche „Buurtzorg“-Pflegekonzept sowie Perso­nal­un­ter­gren­zen, Techni­sie­rung und neue Möglich­kei­ten der Dienst­plan­ge­stal­tung gehören, beleuchtet.