Arzneimittelverordnungs-Report.
Die Arz­nei­mit­tel­aus­ga­ben der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen inklu­si­ve der Zuzah­lung der Ver­si­cher­ten sind im Jahr 2016 um 3,9 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr ange­stie­gen.jarmoluk/Pixabay.com [CC0 1.0]

Die Arz­nei­mit­tel­aus­ga­ben der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen inklu­si­ve der Zuzah­lung der Ver­si­cher­ten
lagen 2016 bei rund 38,5 Mil­li­ar­den Euro. Das ist ein Plus von 3,9 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr, wäh­rend das Ver­ord­nungs­vo­lu­men nur um 2,1 Pro­zent gestie­gen ist. „2016 wur­den mehr, aber vor allem auch teu­re­re ver­ord­net. Haupt­ur­sa­che dafür war die über­pro­por­tio­na­le Kos­ten­stei­ge­rung bei den patent­ge­schütz­ten Wirk­stof­fen“, sagt Prof. Ulrich Schwa­be, Her­aus­ge­ber des Arz­nei­ver­ord­nungs-Reports 2017.

Patentgeschützte in Deutschland besonders teuer

Der anhal­ten­de Trend zu neu­en hoch­prei­si­gen Arz­nei­mit­teln im patent­ge­schütz­ten Markt zeigt sich unter ande­rem an der Ent­wick­lung der höchs­ten Brut­to­um­sät­ze je Ver­ord­nung. Das teu­ers­te eine Pro­zent aller Pro­duk­te hat­te 2006 min­des­tens einen Brut­to­um­satz von 946 Euro je Ver­ord­nung. 2016 waren es bereits min­des­tens 3.979 Euro. „Patent­ge­schütz­te Arz­nei­mit­tel sind in Deutsch­land beson­ders teu­er. In Län­dern wie Öster­reich oder den Nie­der­lan­den, deren Wirt­schafts­kraft mit Deutsch­land ver­gleich­bar ist, sind die öffent­lich bekann­ten Lis­ten­prei­se etwa 20 Pro­zent güns­ti­ger als bei uns“, so Jür­gen Klau­ber, eben­falls Her­aus­ge­ber des Arz­nei­ver­ord­nungs-Reports und Geschäfts­füh­rer des Wis­sen­schaft­li­chen Insti­tuts der AOK (WIdO).

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Ins­be­son­de­re die gen­tech­no­lo­gisch her­ge­stell­ten Bio­lo­gi­ka trei­ben die Aus­ga­ben im Patent­markt in die Höhe. Von 2006 bis 2016 hat sich ihr Umsatz auf 7,8 Mil­li­ar­den Euro erhöht. Eine Abkehr vom Wachs­tums­trend ist nicht zu erwar­ten: Mitt­ler­wei­le ist bei­na­he jeder drit­te neue Wirk­stoff im deut­schen Markt ein Bio­lo­gi­kum. Für sie­ben Bio­lo­gi­ka waren in Deutsch­land Ende 2016 Bio­si­mi­lars zuge­las­sen. Sie sind einem Bio­lo­gi­kum struk­tu­rell ähn­lich und üben die glei­che phar­ma­ko­lo­gi­sche Wir­kung im mensch­li­chen Kör­per aus. „Bio­lo­gi­ka wer­den in den kom­men­den Jah­ren eine deut­lich zuneh­men­de the­ra­peu­ti­sche Bedeu­tung für den Arz­nei­mit­tel­markt haben. Auf­grund ihrer meist hohen Prei­se wer­den damit auch immer höhe­re Aus­ga­ben ver­bun­den sein. Durch die kon­se­quen­te Ver­ord­nung von Bio­si­mi­lars könn­ten mit­tel­fris­tig beträcht­li­che Ein­spa­run­gen für unser soli­da­risch finan­zier­tes Gesund­heits­sys­tem erzielt wer­den, ohne dabei die Qua­li­tät der Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln in Deutsch­land zu beein­träch­ti­gen“, erläu­tert Prof. Wolf-Die­ter Lud­wig, Vor­sit­zen­der der Arz­nei­mit­tel­kom­mis­si­on der deut­schen Ärz­te­schaft (AkdÄ) und Her­aus­ge­ber des Arz­nei­ver­ord­nungs-Reports.

Hochpreispolitik im Arzneimittelwesen

Ver­stärkt wird die Ent­wick­lung hin zu hohen Prei­sen für patent­ge­schütz­te Arz­nei­mit­tel dadurch, dass Phar­ma­fir­men in Deutsch­land den Preis ihres patent­ge­schütz­ten Pro­dukts in den ers­ten zwölf Mona­ten nach dem Markt­zu­gang noch immer frei fest­le­gen kön­nen. Erst nach einem Jahr gilt ein zwi­schen dem Anbie­ter und dem GKV-Spit­zen­ver­band auf der Grund­la­ge der Frü­hen Nut­zen­be­wer­tung aus­ge­han­del­ter Erstat­tungs­preis.

Trend zu beschleunigten Zulassungsverfahren

Neben der Preis­ent­wick­lung gibt es bei den patent­ge­schütz­ten Arz­nei­mit­teln auch den Trend zu mehr beschleu­nig­ten Zulas­sungs­ver­fah­ren. Deren Ziel ist es, neue Wirk­stof­fe für die medi­ka­men­tö­se Behand­lung sel­te­ner Erkran­kun­gen mög­lichst schnell für betrof­fe­ne Pati­en­ten zugäng­lich zu machen. Gleich­zei­tig kom­men dadurch aber immer mehr Pro­duk­te ohne eine aus­rei­chen­de Daten­ba­sis zu Nut­zen und Risi­ken für die Pati­en­ten auf den Markt. In Deutsch­land betraf das im Jahr 2016 bereits fast jedes drit­te neue Arz­nei­mit­tel. Im Jahr 2011 waren es noch unter zehn Pro­zent. Daher wer­den nach der Zulas­sung in der Regel auch wei­te­re kli­ni­sche Stu­di­en und die kon­ti­nu­ier­li­che Über­wa­chung der Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit bei der Anwen­dung gefor­dert. „Doch ist der Markt­zu­gang erst ein­mal erfolgt, kom­men vie­le Phar­ma­un­ter­neh­men ihrer Ver­pflich­tung nach wei­te­ren Daten nicht aus­rei­chend nach“, kri­ti­siert Mar­tin Litsch, Vor­stands­vor­sit­zen­der des AOK-Bun­des­ver­ban­des. „Des­halb muss die Euro­päi­sche Arz­nei­mit­tel-Agen­tur strin­gen­ter vor­ge­hen und Sank­tio­nen umset­zen. Außer­dem müs­sen wir in Deutsch­land Lösun­gen fin­den, ent­spre­chen­de Stu­di­en fir­men­über­grei­fend zu finan­zie­ren und phar­ma­u­n­ab­hän­gig durch­füh­ren zu kön­nen“, so Litsch wei­ter.