Pflege
Randolf Mäser, Geschäfts­füh­rer der Bezirks­ver­tre­tung Mainz der BGW bei seinem Grußwort auf der Pflege­fort­bil­dung des Westens – JHC 2022.

„Digital first – Beden­ken second.“ Dies war einer der Wahl-Slogans einer mittler­weile in der Bundes­re­gie­rung vertre­te­nen Partei – doch inwie­weit lässt sich die Devise aufs Gesund­heits- und Pflege­we­sen übertra­gen? „Wenn man überhaupt etwas Positi­ves aus der nun allmäh­lich hinter uns liegen­den Corona­pan­de­mie heraus­zie­hen kann, ist es, dass wir uns endgül­tig dem Digita­len zugewandt haben. Ich hoffe, dass die letzten Faxge­räte in den Behör­den durch moderne PC-Technik ersetzt werden; der QR-Code, der längst totge­sagt war, erlebte eine Renais­sance“, betonte Kongress-Initia­tor Prof. Dr. Volker Großkopf in seiner Eröff­nungs­rede.

„Noch vor einigen Jahren hätte man jeman­den für verrückt erklärt, wenn dieser erklärte, dass er seine Fortbil­dung per Online-Konfe­renz macht, denn Zoom & Co. kannte kaum jemand. Wir schonen die Umwelt, wir sparen Zeit, wir brauchen nicht hin und her fahren“, so Großkopf weiter. „Aber es fehlt etwas: die Begeg­nung unter­ein­an­der, das Gespräch. Wir alle sind nun mal soziale Menschen. Zum Glück können wir nun die Gesich­ter wieder erken­nen, die nicht mehr hinter Masken verbor­gen sind.“

Die Chancen, aber auch die Risiken der fortschrei­ten­den Digita­li­sie­rung waren das Kernthema der vierten Auflage der „Pflege­fort­bil­dung des Westens“ (JHC) am Donners­tag, 19. Mai, in den Kölner Sartory-Sälen. Inklu­sive des Vorgän­ger-Veran­stal­tungs­for­mats, dem vorma­li­gen JuraHe­alth Congress, war es bereits die 15. Veran­stal­tung seit 2008. Erstmals seit 2019 fand der Kongress­tag wieder live vor Publi­kum statt – 2020 und 2021 war die Pflege­fort­bil­dung des Westens als reines Online-Event über die Bühne gegan­gen. Mehr als 300 Gäste fanden den Weg nach Köln, und erleb­ten einen wie gewohnt anregen­den Kongress­tag voller Einsich­ten, Neuerun­gen von der Indus­trie­aus­stel­lung und den großen, breiten Austausch mit Branchen-Kolle­gin­nen und ‑Kolle­gen.

Doch wehe dem, der an den Vorzü­gen des Digita­len nicht teilneh­men kann oder will – weil er oder sie es nie gelernt haben, oder sich im fortge­schrit­te­nen Alter nicht mehr aneig­nen wollen. Darauf machte auch Modera­tor Jörg Schmeng­ler von der Berufs­ge­nos­sen­schaft für Gesund­heits­dienst und Wohlfahrts­pflege (BGW) aufmerk­sam. „Die Wahrneh­mung des Rechts auf eine analoge Welt wird immer schwie­ri­ger. Die zweit­größte Bank Deutsch­lands etwa hat in der Corona-Zeit ihr Filial­netz von 1000 auf 400 reduziert. Und das mit dem Schuhe­kau­fen ist kniff­lig, wenn es in der Innen­stadt keine Läden mehr gibt.“ – „Es ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Eine Riesen­chance, die aber auch Risiken birgt“, fand auch Marina Filipo­vić, Pflege­di­rek­to­rin und Vorstands­mit­glied der Unikli­nik Köln, in ihrem Grußwort.

In ihrem Heimat­land Kroatien etwa sei die Digita­li­sie­rung schon viel weiter. „Dort sind E‑Rezepte schon längst Standard. Meine Schwes­ter war bei ihrem Besuch in Köln erstaunt, beim Arzt ein Stück Papier überreicht zu bekom­men.“ Auch Angelika Zegelin, emeri­tierte Profes­so­rin für Pflege­wis­sen­schaf­ten an der Univer­si­tät Witten/Herdecke, berich­tete von Wider­stän­den unter Auszu­bil­den­den gegen allzu­viel Technik. „Da heißt es schon mal, ich bin gerade in die Pflege gegan­gen, damit ich das nicht habe – dass ich am Menschen arbeite.“ Dass es zur demogra­fi­schen Lücke keine verläss­li­chen Zahlen gebe, sei eine gesund­heit­li­che Katastro­phe, betonte sie.

Wie sehr das demogra­fi­sche Problem nach digita­ler (Ab-)Hilfe schreit, verdeut­lichte Prof. Dr. Großkopf in seinem späte­ren Vortrag „Wege aus der demogra­fi­schen Katastro­phe“. Denn wenn die Babyboo­mer aus den 1960er-Jahren in Rente gingen, werde sich die Lage schlag­ar­tig verschär­fen. „So gut, wie es uns jetzt perso­nell geht, wird es uns in den nächs­ten 30, 40 Jahren nicht mehr gehen. Wir haben jetzt sozusa­gen ein Best-Case-Szena­rio.“ Man müsse über ein höheres Renten­al­ter nachden­ken, und ein Aufhe­ben der starren Pensio­nie­rungs-Grenzen. „Arbeit hat eben auch etwas Sinnstif­ten­des, viele wollen gar nicht aufhö­ren.“

Sein Kanzlei-Kollege, Rechts­an­walt Hubert Klein, ging auf die Frage des Daten­schut­zes angesichts der drängen­den digita­len Durch­drin­gung von Gesund­heit und Pflege ein – mit dem immer noch aktuel­len Urteil des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts, als auch der „sehr belieb­ten“ DSGVO. Doch Deutsch­land laufe Gefahr, den Bogen zu überspan­nen. „Was hätten wir uns in der Corona-Nachver­fol­gung erspa­ren können, wenn der Daten­schutz nicht so penibel gehand­habt worden wäre? Dass ich an diesem und jenem Tag in der und jener Kneipe war, na und? Wir schüt­zen uns in Deutsch­land zu Tode, das sage ich seit Jahren.“

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Abschluss­runde des Innova­ti­ons­fo­rums auf der Pflege­fort­bil­dung des Westens – JHC 2022.

„Technik tötet Mensch­lich­keit – diese These lässt sich in der Praxis nicht bestä­ti­gen“, postu­lierte dagegen Birgit Michels-Rieß, Einrich­tungs­lei­te­rin bei den Biele­fel­der Bodel­schwingh­schen Stiftun­gen (Alten­hilfe Bethel). „Bei den Einsät­zen von digita­len Angebo­ten hat sich gezeigt, dass techni­sche Systeme bei der Entwick­lung und dem Einsatz die vorhan­de­nen Pflege­kräfte entlas­ten, und in ihrer Arbeit unter­stüt­zen müssen – und dabei gleich­zei­tig die Bezie­hungs­ar­beit nicht einschrän­ken dürfen.“ Mit dem Thema Teleme­di­zin beschäf­tigt sich Michael Czaplik von der RWTH Aachen.

Tele-Visiten könnten etwa durch einge­sparte Fahrt­zei­ten Ressour­cen sparen helfen; doch digitale Arztan­ge­bote erfor­der­ten langjäh­rige prakti­sche Erfah­rung und eine gute Kommu­ni­ka­ti­ons-Fähig­keit. Beim beglei­ten­den Satel­li­ten­sym­po­sium der Berufs­ge­nos­sen­schaft für die Gesund­heits­dienst und Wohlfahrts­pflege (BGW) gab es eine inter­es­sante Pro- und Contra-Debatte zur Digita­li­sie­rung zwischen Detlef Fried­rich, Geschäfts­füh­rer der contec GmbH für Perso­nal­be­ra­tung in der Gesund­heits­bran­che, und Guido Heuel, Profes­sor an der Katho­li­schen Hochschule NRW, Stand­ort Köln (KatHO).

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Gruppen­bild der Innova­teure auf der Pflege­fort­bil­dung des Westens – JHC 2022.

Und zudem gab es einen neuen Zugang in der Sieger­liste des Innova­ti­ons­fo­rums, das 2019 zur ersten „Pflege­fort­bil­dung des Westens“ Premiere gefei­ert hatte. Zwölf Unter­neh­men nahmen mit ihren Neuent­wick­lun­gen und Produk­ten am Wettbe­werb für Innova­teure teil; es siegte die PlanHero GmbH aus Dresden, die ein KI-gestütz­tes Perso­nal­pla­nungs- und Schicht­ma­nage­ment-System vorstellte. Dies wurde vor allem Dingen von den anwesen­den Pflege­dienst­lei­tun­gen goutiert.

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Die Sieger des diesjäh­ri­gen Innova­ti­ons­fo­rums auf der Pflege­fort­bil­dung des Westens – JHC 2022: Planhero

Auf dem zweiten Platz lande­ten die enna GmbH mit einem senio­ren­ge­rech­ten Tablet- und Smart-Home-System, gefolgt von der LUCI GmbH, einer Kommu­ni­ka­ti­ons- und Social-Media-Platt­form für Einrich­tun­gen, Bewoh­ner und Angehö­rige, um einfa­cher und günsti­ger zu kommu­ni­zie­ren und zusam­men­zu­ar­bei­ten. In den Vorjah­ren hatten die Pflege­wis­sen-Quiz-App „SuperN­urse“, die Smart­phone-gestützte Gang- und Sturz­prä­ven­ti­ons­ana­lyse der Lindera GmbH und das Deutsch­kurs-Sprach­an­ge­bot für Pflege­kräfte der Bildungs­pro­fis Inter­na­tio­nal UG das Rennen gemacht.

Die fünfte Pflege­fort­bil­dung des Westens wird am 11. Mai 2023 statt­fin­den, erneut „live und in Farbe“ auf der Bühne der Kölner Sartory-Säle.