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Pflegestudie
Jedes Jahr wer­den Pfle­ge­leis­tun­gen in Höhe von min­des­tens zwölf Mil­li­ar­den Euro nicht abge­ru­fenBild: © Katar­zy­na Bial­a­sie­wicz | Dreamstime.com

Jähr­lich ver­fal­len der Pfle­ge­stu­die zufol­ge Leis­tungs­an­sprü­che von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen im Wert von min­des­tens zwölf Mil­li­ar­den Euro. Das ist das zen­tra­le Ergeb­nis die­ser Stu­die des Sozi­al­ver­bands VdK, die die „Welt am Sonn­tag“ ver­öf­fent­licht hat. Dem­nach haben für die Pfle­ge­stu­die Wis­sen­schaft­ler der Hoch­schu­le Osna­brück errech­net, dass je nach Art der Pfle­ge­leis­tun­gen zwi­schen 62 und 93 Pro­zent nicht abge­ru­fen werden.

Allein bei drei wich­ti­gen Hilfs­an­ge­bo­ten ver­fal­len rund zwölf Mil­li­ar­den Euro:

  • Hil­fe im Haus­halt: Dem­nach ste­hen monat­lich 125 Euro für die Unter­stüt­zung im Haus­halt zur Ver­fü­gung. 80 Pro­zent der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen rufen die­sen Betrag nicht ab, damit ent­ge­hen ihnen jähr­lich knapp vier Mil­li­ar­den Euro. Für die Inan­spruch­nah­me muss den Anga­ben zufol­ge ins­be­son­de­re nach­ge­wie­sen wer­den, dass aner­kann­te Dienst­leis­ter im Haus­halt hel­fen. Jedes Bun­des­land rege­le das aller­dings unter­schied­lich. Hil­fen in Baden-Würt­tem­berg etwa müs­sen eine bis zu 120-stün­di­ge Fort­bil­dung nachweisen.
  • Ver­hin­de­rungs­pfle­ge: Nicht in Anspruch genom­men wer­den dem Bericht zufol­ge auch Leis­tun­gen, wenn Pfle­gen­de ein­mal aus­fal­len und ver­tre­ten wer­den könn­ten: In 70 Pro­zent der Fäl­le nut­zen Pfle­ge­be­dürf­ti­ge und Pfle­gen­de die­se Mög­lich­keit der Ver­hin­de­rungs­pfle­ge nicht. Hier wer­den Ansprü­che von 3,4 Mil­li­ar­den Euro nicht wahrgenommen.
  • Kurz­zeit­pfle­ge: Wei­te­re 4,6 Mil­li­ar­den Euro ver­fal­len den Anga­ben zufol­ge, weil die Kurz­zeit­pfle­ge, die Ange­hö­ri­gen bei Krank­heit oder zur Erho­lung eine Aus­zeit ermög­li­chen soll, von 86 Pro­zent noch nie bean­tragt wurde.

Pflegestudie: Beantragung der Pflegeleistungen zu kompliziert?

Für die VdK-Prä­si­den­tin Vere­na Ben­te­le liegt der Fall durch die Pfle­ge­stu­die klar, sie kri­ti­siert in der Zei­tung: „Für die Bean­tra­gung ist mit­un­ter buch­hal­te­ri­sches Wis­sen erfor­der­lich. Die Vor­aus­set­zun­gen, die pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge erbrin­gen müs­sen, um Leis­tun­gen abzu­ru­fen, sind teil­wei­se absurd und unan­ge­bracht.“

Die häus­li­che Pfle­ge sei viel zu lan­ge ein Stief­kind der Poli­tik. Ihr Vor­schlag: Eini­ge der Leis­tun­gen soll­ten in einem Bud­get zusam­men­ge­fasst wer­den und den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen unkom­pli­ziert zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. „Nur dann kön­nen sie pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge wirk­lich ent­las­ten“, erklärt Bentele.

Die Pfle­ge­be­voll­mäch­tig­te der Bun­des­re­gie­rung, Clau­dia Moll (SPD), sag­te der glei­chen Zei­tung, es müs­se zeit­nah ein fle­xi­bel ein­setz­ba­res Ent­las­tungs­bud­get kom­men. „Durch zu vie­le büro­kra­ti­sche ‚Käst­chen‘ und Anträ­ge blickt kaum noch einer durch“, sagt Moll. Die vor­ge­se­he­ne Zusam­men­fas­sung von Kurz­zeit- und Ver­hin­de­rungs­pfle­ge müs­se daher rasch umge­setzt wer­den. Zudem müs­se auch geprüft wer­den, wel­che wei­te­ren Leis­tun­gen in ein sol­ches Ent­las­tungs­bud­get ein­be­zo­gen wer­den sollten.

Stiftung Patientenschutz fordert Rechtsanspruch

Gut 4,1 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land haben aktu­ell einen Pfle­ge­grad, gel­ten also als pfle­ge­be­dürf­tig. Davon leben 3,3 Mil­lio­nen in den eige­nen vier Wän­den und wer­den von Ange­hö­ri­gen oder Freun­den ver­sorgt – zum Teil mit Unter­stüt­zung durch ambu­lan­te Pflegedienste.

Die Deut­sche Stif­tung Pati­en­ten­schutz führt das Pro­blem auf feh­len­de Ange­bo­te am Pfle­ge­markt zurück.: „Für die monat­lich 125 Euro Unter­stüt­zung im Haus­halt sowie für Kurz­zeit- und Ver­hin­de­rungs­pfle­ge fin­den die Hilfs­be­dürf­ti­gen kei­ne ent­spre­chen­den Anbie­ter“, erklärt Stif­tungs­vor­stand Eugen Brysch. Für die Bran­che sei­en die­se Ange­bo­te ganz ein­fach wirt­schaft­lich uninteressant.