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Blauer Dunst
Lästige Gewohn­heit: der blaue Dunst in der PauseBild: Alexan­der Meyer-Köring

Rechts­de­pe­sche: Sehr geehr­ter Herr Prof. Kröger, Sie zählen hierzu­lande zu den führen­den Exper­ten auf den Gebie­ten der Angio­lo­gie und der Versor­gung von Menschen mit chroni­schen Wunden. In diesem Kontext haben Sie sich in der Vergan­gen­heit mit den Auswir­kun­gen des Rauchens auf das Gefäß­sys­tem beschäf­tigt. Es drängt sich die Frage auf, ob sich das Rauchen negativ auf die Abhei­lung chroni­scher Wunden auswirkt?

Prof. Dr. Knut Kröger: Der Konsum von Tabak­pro­duk­ten stellt zweifels­frei ein großes und vermeid­ba­res Gesund­heits­ri­siko dar. In Abhän­gig­keit von der Menge des Zigaret­ten­kon­sums erhöhen sich auch die Kompli­ka­ti­ons­ra­ten der Wundhei­lung. Bei Rauchern mit Wunden nach chirur­gi­schen Eingrif­fen oder infolge von Traumata und Krank­hei­ten wurden klinisch langsa­mere Heilungs­ver­läufe beobachtet.

Die Wirkun­gen der Schad­stoffe des Verbren­nungs­pro­zes­ses und der anderen toxischen Schad­stoffe des Zigaret­ten­rauchs weisen auf Mecha­nis­men hin, die einer schnel­len Wundhei­lung im Wege stehen. Wenn auch das Thema Rauchen in der Behand­lung von Menschen mit chroni­schen Wunden in den vergan­ge­nen Jahren von der Wissen­schaft eher stief­müt­ter­lich behan­delt worden ist, spricht vieles dafür, dass sich das toxische Risiko des Tabak­kon­sums ungüns­tig auf die Abhei­lung chroni­scher Wunden auswirkt.

Rechts­de­pe­sche: Wie sollten die ärztli­chen und pflege­ri­schen Wundex­per­ten mit den rauchen­den Patien­ten, die an chroni­schen Wunden leiden umgehen?

Prof. Dr. Knut Kröger: Selbst­ver­ständ­lich muss hierauf reagiert werden. Ein Problem ist jedoch die Glaub­wür­dig­keit. Die Raucher­quote unter den Angehö­ri­gen der Gesund­heits­be­rufe ist überdurch­schnitt­lich hoch. Nach einer online Befra­gung im Jahre 2018 mit dem Titel „Pflege­kräfte sind Deutsche Meister im Rauchen“, rauchen immer­hin 31 Prozent der Beschäf­tig­ten in den Pflege­be­ru­fen.

Eine Erhebung der europäi­schen Union soll sogar ergeben haben, dass jeder 4. Arzt nicht rauch­frei lebt. Damit geht die Vorbild­funk­tion verlo­ren und die Überzeu­gungs­kraft zur Vermitt­lung der Sinnhaf­tig­keit des Rauch­stopps schwindet.

Ein weite­res Problem ist, dass die einschlä­gi­gen Curri­cula in der ärztli­chen und pflege­ri­schen Wundver­sor­gung noch nicht mit Inhal­ten zur Behand­lung der Tabak­a­b­hän­gig­keit von rauchen­den Patien­ten mit chroni­schen Wunden ausge­stat­tet sind. Hier sind die Fachge­sell­schaf­ten zur Nachbes­se­rung aufge­ru­fen, damit sowohl die pflege­ri­schen als auch ärztli­chen Wundex­per­ten mit aktuel­lem Wissen zum Rauch­stopp und zur Risiko-Reduk­tion aufsyn­chro­ni­siert werden können.

Im Ergeb­nis ist letzt­lich im Sinne der AWMF-S3-Leitli­nie „Rauchen und Tabak­a­b­hän­gig­keit: Scree­ning, Diagnos­tik und Behand­lung” auf den Rauch­stopp als angestreb­tes Ziel hinzu­wir­ken. Auf dem Weg dorthin muss den entwöh­nungs­wil­li­gen Rauchern eine beglei­tende Beratung zur Unter­stüt­zung des Rauch­stopps angebo­ten werden.

Neben der Kurzbe­ra­tung empfiehlt die S3-Leitli­nie insoweit die Angebote der verhal­tens­the­ra­peu­ti­schen Gruppen­in­ter­ven­tio­nen, die Nikotiner­satz­the­ra­pie und den Einsatz von Vareni­clin, Burpo­pion und Cytisin zur Tabak­ent­wöh­nung, bzw. zum Rauchstopp.

Rechts­de­pe­sche: Leider zeigen die Statis­ti­ken, dass trotz der von Ihnen aufge­führ­ten Möglich­kei­ten des beglei­ten­den Rauch­stopps viele diesen erst gar nicht versu­chen. Geben Sie diese Patien­ten unter der Maxime „jeder hat das Recht auf Selbst­ge­fähr­dung“ als hoffnungs­lose Fälle auf oder sehen Sie noch eine weitere Möglich­keit auf den Patien­ten einzuwirken?

Prof. Dr. Knut Kröger: Vorweg: Die Verwei­ge­rer des Rauch­stopps sind nicht zu verur­tei­len. Ein guter Thera­peut darf die Patien­ten nicht ihrem Schick­sal überlas­sen, sondern gegebe­nen­falls über Möglich­kei­ten der Risiko­re­du­zie­rung nachden­ken. Zu nennen sind hier Tabak­er­hit­zer oder E‑Zigaretten, die erwie­se­ner­ma­ßen signi­fi­kant weniger Schad­stoffe ausstoßen.

Selbst­ver­ständ­lich wäre mein Wunsch den Rauch­stopp als das Best-Case-Szena­rio an den Patien­ten heran­zu­tra­gen. Lässt sich dies nicht reali­sie­ren, wäre es meines Erach­tens nach falsch, weniger schad­stoff­aus­sto­ßende Alter­na­ti­ven zur Zigarette nicht in Erwägung zu ziehen.

Rechts­de­pe­sche: Wirkt sich die Schad­stoff­re­duk­tion von E‑Zigaretten oder Tabak­er­hit­zer im Vergleich zur herkömm­li­chen Zigarette positiv auf die Wundhei­lung aus?

Prof. Dr. Knut Kröger: Es gibt bislang keine wissen­schaft­li­chen Studien, die bei den Auswir­kun­gen des Rauch­ver­hal­tens auf die Wundhei­lung nach herkömm­li­chen Zigaret­ten und schad­stoff­är­me­ren Produk­ten wie E‑Zigaretten oder Tabak­er­hit­zern diffe­ren­zie­ren. Mit dem Blick nach vorne, wäre es wünschens­wert diese Lücke zu schließen.

Rechts­de­pe­sche: Ich bedanke mich sehr herzlich für das aufschluss­rei­che Gespräch.

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