Ambulant
Die Bun­des­re­gie­rung will die Ambu­lan­ti­sie­rung för­dernBild: Pixabay

Mehr ambu­lan­te Behand­lun­gen und dadurch weni­ger gebun­de­ne Kapa­zi­tä­ten in den Bet­ten­ab­tei­lun­gen der Kli­ni­ken – bezie­hungs­wei­se, mehr Zeit für die wirk­lich wich­ti­gen Fäl­le: Das ist der Grund­ge­dan­ke der soge­nann­ten „Ambu­lan­ti­sie­rung im Gesund­heits­we­sen“. Seit Jah­ren, wenn nicht Jahr­zehn­ten, geis­tert das Schlag­wort durch die gesund­heits­po­li­ti­sche Debat­ten, doch nun könn­te es einen neu­en Anlauf geben, die bei­den Sek­to­ren des Gesund­heits­we­sens end­lich bes­ser zu ver­zah­nen: Die Ampel­ko­ali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne will die Ambu­lan­ti­sie­rung vorantreiben.

Ambulant versus stationär

„Um die Ambu­lan­ti­sie­rung bis­lang unnö­tig sta­tio­när erbrach­ter Leis­tun­gen zu för­dern, set­zen wir zügig für geeig­ne­te Leis­tun­gen eine sek­to­ren­glei­che Ver­gü­tung durch soge­nann­te Hybrid-DRG um“, heißt es im Koali­ti­ons­ver­trag von SPD, FDP und Bünd­nis 90/Grünen (PDF, Sei­te 66). Mul­ti­pro­fes­sio­nel­le, inte­grier­te Gesund­heits- und Not­fall­zen­tren soll­ten für eine „wohn­ort­na­he, bedarfs­ge­rech­te, ambu­lan­te und kurz­sta­tio­nä­re Ver­sor­gung“ sor­gen; die­se wol­le man durch spe­zi­fi­sche Ver­gü­tungs­struk­tu­ren för­dern. Im länd­li­chen Raum set­ze man auf Gemein­de­schwes­tern und Gesund­heits­lot­sen – hier sorgt übri­gens ein viel­ver­spre­chen­des Pilot­pro­jekt aus Rhein­land-Pfalz seit Jah­ren für Furo­re, das auf ein altes, fast ver­ges­se­nes dezen­tra­les Ver­sor­gungs­mo­dell setzt und der gro­ße Bun­des­land-Nach­bar NRW mög­li­cher­wei­se über­neh­men will.

Ein-Tages-Klinikpatienten sind größte Gruppe

Eine beson­de­re Sta­tis­tik unter­streicht den Reform­be­darf: Seit 2004, der Ein­füh­rung der soge­nann­ten G‑DRG-Fall­pau­scha­len­sys­tems durch die dama­li­ge rot-grü­ne Bun­des­re­gie­rung, sind die Lie­ge­zei­ten in Kran­ken­häu­sern ste­tig gesun­ken, von über 13 Tagen zu Beginn der 1990er-Jah­re auf nun­mehr 7,5 Tage. Erhiel­ten die Kran­ken­häu­ser zuvor, sehr salopp gesagt, umso mehr Geld, je län­ger die Pati­en­ten im Kli­ni­kum ver­blie­ben, bekom­men sie nun eine fes­te Sum­me für den erbrach­ten medi­zi­ni­schen Ein­griff, unab­hän­gig von der Ver­weil­dau­er der Behan­del­ten. Dies ist ein Anreiz für die Häu­ser, ihre Bele­gungs­dau­ern kurz zu hal­ten. Die Kehr­sei­te: Die Zahl der sehr kur­zen Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te steigt rapi­de an.

Die Zahl der Behand­lungs­fäl­le, bei denen Pati­en­ten ledig­lich einen Tag im Kran­ken­haus ver­brach­ten, stieg zwi­schen 2006 und 2018 von rund 2,3 auf 3,8 Mil­lio­nen – ein Anstieg um 65 Pro­zent! Ein ähn­li­ches, wenn auch leicht abge­schwäch­tes Bild ergibt sich bei der Anzahl der Pati­en­ten, die zwei bis vier Tage ver­blie­ben. Erst bei fünf und mehr Tagen kehrt sich der Trend spür­bar um. Teilt man alle Behand­lungs­fäl­le nach ihrer Lie­ge­dau­er ein, bil­den die Ein-Tages-Kli­nik­pa­ti­en­ten die ein­fa­che Mehr­heit, also die größ­te unter allen Grup­pen. Beson­ders hin­sicht­lich die­ser „Kli­nik-Tages­gäs­te“ drängt sich die Fra­ge gera­de­zu auf: War­um dann nicht gleich ambulant?

Doch in der Bran­che sind die Erwar­tun­gen gedämpft. „Wir haben gro­ße Sor­gen, dass wir auch in die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode nicht wei­ter­kom­men“, sag­te Gerald Gaß, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Deut­schen Kran­ken­haus­ge­sell­schaft (DKG), im Pod­cast des Fach­ma­ga­zins f&w. Bund und Län­der müss­ten sich einig wer­den, wo sie eigent­lich bei der Neu­auf­tei­lung zwi­schen Ambu­lant und Sta­tio­när hin­woll­ten, so Gaß weiter.

„Wir pre­di­gen seit vie­len, vie­len Jah­ren, dass die Kran­ken­häu­ser durch­aus bereit sind zu Ver­än­de­run­gen, dass wir aber natür­lich erwar­ten, dass man uns auch eine Ziel­per­spek­ti­ve gibt.“ Laut Ursu­la Non­nen­ma­cher, grü­ne Gesund­heits­mi­nis­te­rin von Bran­den­burg, sei eine Reform der Finan­zie­rung ein Schlüs­sel. „Natür­lich müs­sen wir die Fehl­an­rei­ze des DRG-Sys­tems behe­ben“, mein­te sie. Man brau­che Vor­hal­te­pau­scha­len in man­chen Berei­chen, damit für den Not­fall frei­ge­hal­te­ne lee­re Bet­ten nicht zu finan­zi­el­len Nöten bei den Kli­ni­ken führten.

Ansatz in NRW: Notdienstversorgung aus einer Hand

Zwei ver­schie­de­ne Haupt­an­sät­ze gibt es, die ambu­lan­te Ver­sor­gung vor­an­zu­brin­gen. Näm­lich zum einen, die­se in den Kli­ni­ken selbst zu stär­ken. Zum ande­ren, die Kran­ken­häu­ser vor allem in länd­li­chen Regio­nen in Medi­zi­ni­sche Ver­sor­gungs­zen­tren (MVZ) ein­zu­bin­den, wo sie inter­dis­zi­pli­när mit nie­der­ge­las­se­ner Ärz­te­schaft zusammenarbeiten.

Weil vie­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sich bei einem gesund­heit­li­chen Not­fall direkt ein Kran­ken­haus statt eine ärzt­li­che Not­dienst­pra­xis auf­su­chen, liegt gera­de hier ein wei­te­rer Schlüs­sel. In NRW wird die Ver­sor­gung nachts und/oder am Wochen­en­de gera­de zu einem Por­tal­pra­xen-Sys­tem über­führt: Die ärzt­li­che Not­dienst­pra­xis liegt direkt an einem Kran­ken­haus; dort wird ent­schie­den, ob eine sofor­ti­ge sta­tio­nä­re Auf­nah­me not­wen­dig ist oder die Behand­lung durch nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te wei­ter­ge­führt wer­den kann. Kas­sen­ärz­te und Kli­ni­kum orga­ni­sie­ren den Betrieb der Kli­nik-Not­dienst­pra­xis gemein­sam. Die­ses „Ein-Tre­sen-Modell“ soll hel­fen, Dop­pel­struk­tu­ren von Ärz­ten und Kli­ni­ken in der Not­fall­ver­sor­gung zu vermeiden.

Doch wer weiß: Ein Hin­ter­ge­dan­ke der ange­streb­ten Ambu­lan­ti­sie­rung von medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen könn­te auch sein, die – bekannt­lich – unter Per­so­nal­man­gel lei­den­de sta­tio­nä­re Kran­ken­pfle­ge von Behand­lungs­fäl­len zu ent­las­ten. Dem gestress­ten Kli­nik-Pfle­ge­per­so­nal wür­de es nur recht sein.