Clapping for Future
Clapping for Future nimmt Bezug auf eine Welle der Solida­ri­täts­be­kun­dung, die sich während der Lockdowns von 2020 von Spanien und Portu­gal ausge­hen­den über große Teile Europas bishin nach Israel verbrei­tet hat. Im Bild: Ein applau­die­ren­des Paar aus Spanien.Bild: Javiindy/Dreamstime.com

168 Millio­nen Euro – soviel würde es kosten, um allen ca. 140.000 Auszu­bil­den­den im Pflege­be­reich für ein Jahr lang 100 Euro auszah­len zu können. Diesen Spenden­be­trag möchte die Initia­tive Clapping for Future sammeln. Der Name spielt dabei auf die erste Zeit der Corona-Pande­mie an, als das allabend­li­che Klatschen auf dem Balkon einen symbo­li­schen Dank an Pflege­kräfte ausdrü­cken sollte.

Das dreiköp­fige Team aus Heidel­berg will eine Möglich­keit zum zivil­ge­sell­schaft­li­chen Engage­ment schaf­fen, die nicht nur symbo­li­schen Wert hat. Die Rechts­de­pe­sche hat mit Geschäfts­füh­rer Sebas­tian Böhm über das Projekt gesprochen.

Clapping for Future: Die Zivil­ge­sell­schaft muss einen Beitrag zuguns­ten des Gesund­heits­sys­tems leisten

Rechts­de­pe­sche: Wie ist die Idee zu Clapping for Future entstanden?

Böhm: Die Idee für das Projekt hatten wir Ende vergan­ge­nen Jahres, als die Omikron-Welle auf Deutsch­land zurollte und sich die Politik auch nach knapp zwei Jahren Pande­mie-Erfah­rung bloß in Graben­kämpfe verwi­ckelte, anstatt voraus­schau­ende Gesund­heits­po­li­tik zu betreiben.

Ganz Deutsch­land verließ sich darauf, dass es die Pflege schon irgend­wie würde richten können – obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, wie gefähr­lich Omikron wirklich ist. Da haben wir uns gedacht: Es wird Zeit, dass die Zivil­ge­sell­schaft zumin­dest im Kleinen einen Beitrag zuguns­ten des Gesund­heits­sys­tems leistet.

Rechts­de­pe­sche: Was ist euer Hinter­grund im Bezug auf die Pflege? Habt ihr in diesem Bereich mal selbst gearbeitet?

Böhm: Zwei von uns dreien sind in der Pflege aktiv oder waren es: Ann-Kathrin (Will, Anm. der Redak­tion) ist als angehende Ärztin über das Studium regel­mä­ßig in den Alltag auf den Statio­nen einge­bun­den. Ich selbst habe über den Sozial­zweig der Fachober­schule ein halbes Jahr im Alten­heim gearbeitet.

Des Weite­ren sind die Mütter von Ann-Kathrin und mir Ärztin­nen, sodass wir auch abseits dessen immer mit Neuig­kei­ten aus dem Gesund­heits­we­sen versorgt werden.

Daniel (Ratke, Anm. der Redak­tion) hat nicht in der Pflege gearbei­tet, inter­es­siert sich aber selbst­ver­ständ­lich auch sehr für die gesamte Thematik.

Die Macher von Clapping for Future
Die Initia­to­ren von Clapping for Future: Daniel Ratke, Ann-Kathrin Will und Sebas­tian R. Böhm (v.L.).Bild: Clapping for Future

Rechts­de­pe­sche: Euer Ziel ist es, angehende Pflege­kräfte durch die Erhöhung des Ausbil­dungs­ge­halts zu unter­stüt­zen. Wie können sich Azubis dafür bewerben?

Böhm: Zunächst einmal müssen wir natür­lich genug Geld sammeln, um die Auszah­lungs­phase überhaupt errei­chen zu können. Dann aber wollen wir uns mit den Arbeit­ge­bern koordi­nie­ren und zentral an sie ausschüt­ten, damit diese dann das Geld an die Azubis weiter­lei­ten können.

Das hat zwei Gründe: Zum Einen reduziert es für uns als studen­ti­sche Initia­tive den Verwal­tungs­auf­wand, weil keine Einzel­an­träge bearbei­tet werden müssen. Zum Anderen aber dient es auch der Betrugs­pro­phy­laxe, weil zum Beispiel Klini­ken sicher nachwei­sen können, dass jemand wirklich als Auszu­bil­den­der angestellt ist.

Es geht auch um Anerkennung

Rechts­de­pe­sche: Das Gehalt ist natür­lich ein wichti­ger Faktor bei der Attrak­ti­vi­tät eines Berufs. Welche Aspekte spielen in euren Augen noch eine Rolle?

Böhm: Es gibt zahlrei­che Stell­schrau­ben, die zu einer Verbes­se­rung im Pflege­sek­tor beitra­gen könnten. Am liebs­ten würden wir natür­lich alle auf einmal angehen, doch als kleine zivil­ge­sell­schaft­li­che Initia­tive können wir uns leider nur auf Teilaspekte konzentrieren.

Viele Beschäf­tigte klagen über Überlas­tung aufgrund von fehlen­dem Perso­nal, Nacht­schich­ten mit Verant­wor­tung für viel zu viele Menschen auf einmal oder körper­li­chen Verschleiß infolge der hohen physi­schen Beanspru­chung. Bessere Ausstat­tung in perso­nel­ler Hinsicht und auch betref­fend das Equip­ment würde sicher­lich zur größe­ren Attrak­ti­vi­tät der Berufe beitragen.

Es geht aber auch um Anerken­nung – in der Gesell­schaft und seitens der Arbeit­ge­ber. Gerade unter Letzte­ren gibt es viele, die in der Pflicht stünden, sich von der reinen Profit­ori­en­tie­rung abzuwen­den und Kranken- bzw. Alten­pflege wieder als einen Dienst am Menschen zu begrei­fen. Das würde sicher auch den einen oder anderen Missstand verbessern.

Rechts­de­pe­sche: Es gab schon viele politi­sche Ansätze, die Situa­tion der Pflege zu verbes­sern. Wie seht ihr die aktuel­len Bemühun­gen, zum Beispiel den Pflegebonus?

Böhm: Grund­sätz­lich begrü­ßen wir alle Maßnah­men, die zuguns­ten der Pflege beschlos­sen werden. Der Pflege­bo­nus als Einmal­zah­lung, der ja lange an bürokra­ti­schen Hürden geschei­tert ist, stellt aus unserer Sicht eine wohlver­diente Beloh­nung für jene dar, die in zwei langen Pande­mie-Jahren selbst­los alles gegeben haben. Doch es braucht mehr, um das System der öffent­li­chen Fürsorge in Zeiten des demogra­fi­schen Wandels fit für die Zukunft zu machen.

Die Pflege­per­so­nal­re­ge­lung 2.0 im Koali­ti­ons­ver­trag der Ampel­re­gie­rung sieht zum Beispiel vor, dass circa acht Prozent mehr Perso­nal in den Einrich­tun­gen arbei­ten soll, um den Pflege­kräf­ten mehr Zeit für die jewei­li­gen Patien­ten zu ermöglichen.

Doch woher soll die zusätz­li­che Beleg­schaft kommen? Der Perso­nal­man­gel ist das Grund­pro­blem der Pflege­bran­che. Hierfür braucht es Geld, das besser jetzt inves­tiert werden sollte als später. Ob eine Akade­mi­sie­rung von Pflege­be­ru­fen zu deren größe­rer Attrak­ti­vi­tät beitra­gen könnte, sollte man zumin­dest evaluieren.

Verpasste Chancen – aber nicht verloren

Rechts­de­pe­sche: Euer Name geht ja zurück auf den Beginn der Pande­mie, als Menschen jeden Abend den Pflege­kräf­ten applau­diert haben. Wurde damals die Chance verpasst, mehr für die Pflege zu bewegen?

Böhm: Genau. Wir haben uns mit unserer Website zu Clapping for Future das Ziel gesetzt, einen Ort zu schaf­fen, an dem das „Klatschen“ (hier im Sinne von Spenden) wirklich etwas bringt. Angesichts der gewal­ti­gen Solida­ri­tät, die sich damals auch in dieser Geste zeigte, würde ich schon sagen, dass man den zu dieser Zeit aufkom­men­den Schwung hätte nutzen können, um nachhal­tige Verän­de­run­gen anzustoßen.

Doch dafür ist es jetzt nicht zu spät, denn die Heraus­for­de­run­gen sind größer denn je. Unter Umstän­den stehen wir vor einem erneut nicht ungefähr­li­chen Corona-Winter. Weitere Krank­heits­bil­der wie die Affen­po­cken berei­ten Sorgen und Deutsch­land hat auch den Anspruch, als inter­na­tio­nal verläss­li­cher Partner zum Beispiel Verletzte oder auch zahlrei­che Geflüch­tete aus der Ukraine angemes­sen zu versor­gen. Um hier an allen Fronten bestehen zu können, brauchen wir dringend ein Upgrade für das Gesundheitssystem.

Rechts­de­pe­sche: Wie kann man euch unterstützen?

Böhm: Unter­stüt­zen kann man uns auf verschie­dene Art und Weise: Zum einen natür­lich durch Spenden auf unserer Website clappingforfuture.de, die sich aufgrund unserer Anerken­nung als gemein­nüt­zig auch steuer­lich abset­zen lassen.

Ganz wichtig für unser Projekt ist aber auch die Vergrö­ße­rung der Reich­weite: Ein Abo auf Insta­gram, LinkedIn oder Facebook und Shares auf Social Media allge­mein würden der Initia­tive zu mehr Bekannt­heit verhel­fen und uns in die Lage verset­zen, leich­ter eine breitere Öffent­lich­keit zu errei­chen, damit dieses wichtige Thema jetzt in den „Corona-ruhigen“ Sommer­mo­na­ten nicht wieder völlig in Verges­sen­heit gerät.

Rechts­de­pe­sche: Vielen Dank für das Gespräch!