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long covid
Unsere Autorin schil­dert ihre Erfah­run­gen mit Long CovidBild: Janine Matthees

Ganz ehrlich: Für mich hatte das Corona­vi­rus oder auch die mögli­che Folge­er­schei­nung Long Covid den größten Teil seiner Bedroh­lich­keit verlo­ren. Zu Anfang der Pande­mie hatte ich mir große Sorgen gemacht: Habe ich mögli­cher­weise ein Risiko für einen schwe­ren Verlauf? Wie wird es sich auf mein Asthma auswir­ken, wenn ich mich anste­cke? Was ist, wenn ich als Freibe­ruf­le­rin länger arbeits­un­fä­hig bin?

Aber dann wurde die Bedro­hung immer alltäg­li­cher. Neben Handy und Schlüs­sel sind inzwi­schen eben auch Maske und Desin­fek­ti­ons­mit­tel immer in der Tasche, ich meide große Menschen­men­gen und wasche mir beim Nachhau­se­kom­men die Hände. Aber die Angst vor der Anste­ckung ist nicht mehr so groß: Die Omikron-Variante gilt als weniger gefähr­lich. Und wie vermut­lich jeder von uns habe auch ich inzwi­schen einige Corona-Fälle im Bekann­ten­kreis, die alle mit leich­ten Verläu­fen davon­ge­kom­men sind. Das Leben geht halt weiter.

Quaran­täne im Urlaub

So flog ich dieses Jahr einiger­ma­ßen unbesorgt in den Urlaub – Maske im Flugzeug wird schon reichen und vor Ort sind wir sowieso fast nur draußen. Zwei Tage später bekam ich dann Halsschmer­zen, hustete einige Tage, fühlte mich auch sehr erschöpft. Alles in allem hatte ich aber schon schlim­mere Erkäl­tun­gen – dachte ich.

Erst als sich meine Freun­din ansteckte und ein paar Tage Fieber hatte, kamen wir auf die Idee, einen PCR-Test zu machen, der bei uns beiden positiv ausfiel. Das war zwar unange­nehm – statt zu tauchen, saßen wir nun auf dem Balkon unserer Ferien­woh­nung in Quaran­täne – aber viel lesen und viel schla­fen ist im Urlaub ja auch nicht so schlecht.

Zu Hause war dann auch ein paar Wochen alles in Ordnung. Also fast: Der trockene Husten, die leicht einge­schränkte Atmung und vor allem die Müdig­keit waren besser, aber nicht ganz weg. Andere Symptome kamen neu hinzu: Kopfschmer­zen, Herzra­sen und Schwin­del sind ein fester Teil meines Alltags.

Ich kann mich nicht mehr konzen­trie­ren – beim Schrei­ben nicht hilfreich –, vergesse alles, was ich nicht sofort aufschreibe, und scheine die Fähig­keit verlo­ren zu haben, mehr als fünf Stunden pro Nacht zu schla­fen. Meine Ärztin hat dann bestä­tigt, dass das tatsäch­lich Spätfol­gen einer Corona-Erkran­kung sind.

Damit habe ich noch Glück, vergli­chen mit den Horror­be­rich­ten über Long Covid, die man oft lesen kann. Mein Alltag ist einge­schränkt, aber er ist zum Glück noch zu bewäl­ti­gen. Auch wenn vieles extrem anstren­gend ist.

Die größte Heraus­for­de­rung: Akzep­tie­ren, dass ich mich schonen muss

Meine größte Heraus­for­de­rung aktuell ist die Anwei­sung, mich auf jeden Fall zu schonen. Ich habe Sport­ver­bot, was mir ehrlich gesagt nicht beson­ders schwer fällt. Viel schwie­ri­ger ist die Alltagsbewegung.

Ich bin einer dieser hekti­schen Menschen, die keine zehn Minuten auf dem Sofa sitzen können, ohne aufzu­ste­hen und in die Küche zu rennen. Apropos rennen: Mein gewohn­tes zügiges Gehtempo ist aktuell zu schnell für mich, das merke ich aller­dings immer erst dann, wenn ich schon außer Atem bin.

Standard­tä­tig­kei­ten wie der Lebens­mit­tel­ein­kauf oder ein Spazier­gang mit dem Hund sind zur Zeit so anstren­gend, dass ich danach einige Stunden Ruhe brauche.

Mein Arbeits­tempo und ‑umfang sind extrem einge­schränkt, weil mein Konzen­tra­ti­ons­ver­mö­gen nicht mal für einen halben Tag ausreicht. Und ich habe immer wieder unver­mit­telt Crashes: Ich erledige eine Aufgabe, bin fast fertig und muss mich trotz­dem vom einen auf den anderen Moment hinle­gen, da ich einfach nicht mehr kann.

Long Covid: Leben muss sich erst mal verlangsamen

Beson­ders fatal: Die Beschwer­den verlau­fen nicht gleich­mä­ßig. Es geht mir zwei Tage schlecht, dann besser. Natür­lich denke ich sofort, dass es jetzt vorbei ist und habe wohlmei­nende Freunde im Ohr: „Du musstest eben einfach nur mal richtig ausschla­fen.“ Und einen Tag später – ist es schlim­mer als vorher: Ich habe Schweiß­aus­brü­che auf dem Weg vom Schlaf­zim­mer ins Bad und an Arbei­ten ist nicht zu denken.

Frustrie­rend ist vor allem, nicht genau zu wissen, wie lange dieser Zustand – mit Long Covid – dauert. Meine Ärztin hat mir drei bis sechs Monate in Aussicht gestellt, immer­hin mit der Wahrschein­lich­keit einer vollstän­di­gen Genesung. Bis dahin habe ich hoffent­lich gelernt, zu akzep­tie­ren, dass mein Leben sich für diese Zeit erst mal verlang­sa­men muss.