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Versorgung einer Patientin im Krankenhaus. (Symbolbild)
Ver­sor­gung einer Pati­en­tin im Kran­ken­haus. (Sym­bol­bild)31 © Pik­sel | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Rechts­de­pe­sche: Sehr geehr­ter Herr Prof. Dr. Köp­ke, die Ver­sor­gung von Men­schen mit Demenz in der sta­tio­nä­ren Kran­ken­haus­ver­sor­gung gilt im All­ge­mei­nen als unzu­rei­chend. Wie ist Ihre Ein­schät­zung dazu?

Köp­ke: Ja, bei der Ver­sor­gung von Men­schen mit Demenz im Kran­ken­haus ist noch viel Luft nach oben. Das hat vie­le Grün­de. Die Pati­en­ten kom­men in der Regel ja nicht wegen ihrer kogni­ti­ven Ein­schrän­kun­gen in die Kran­ken­häu­ser, son­dern brin­gen die Demenz sozu­sa­gen als Bei­werk zum eigent­li­chen Behand­lungs­grund mit. Und die Zunah­me der älte­ren Pati­en­ten lässt deren Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te immer mehr zur Her­aus­for­de­rung wer­den. Prä­va­lenz­stu­di­en bele­gen, dass cir­ca 10 bis 50 % der betag­ten Pati­en­ten kogni­tiv ein­ge­schränkt sind, und nur ein klei­ner Teil davon wirk­lich wegen die­ser kogni­ti­ven Ein­schrän­kun­gen da ist. Die Demenz ist dann im Kran­ken­haus auch oft nicht hand­lungs­lei­tend und sie wird auch des Öfte­ren gar nicht als sol­che erkannt obwohl sie von beson­de­rer Bedeu­tung für die direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on und zum Bei­spiel das Sym­ptom­ma­nage­ment hat.

Aus Stu­di­en wis­sen wir, dass Men­schen mit Demenz das unge­wohn­te Umfeld im Kran­ken­haus und damit ver­bun­de­ne Pfle­ge­pro­zes­se als nega­ti­ven Stress erle­ben. Sie füh­len sich igno­riert, hilf­los und bedroht. Das Kran­ken­haus­per­so­nal ist kon­zep­tio­nell häu­fig unzu­rei­chend auf die Ver­sor­gung von Men­schen mit Demenz vor­be­rei­tet und auch Pfle­gen­de beschrei­ben die Ver­sor­gung als kör­per­lich und geis­tig anstren­gend und be las­tend. Das Kran­ken­haus ist mit sei­nen Struk­tu­ren und Pro­zes­sen nicht auf Men­schen mit Demenz ein­ge­stellt und des­halb ist deren Ver­sor­gung tatsächlich problembehaftet.

Rechts­de­pe­sche: Wie geht die Uni­kli­nik Köln mit dem The­ma Demenz um?

Köp­ke: Das ist eine nicht so leicht zu beant­wor­ten­de Fra­ge. Prin­zi­pi­ell gibt es in der Uni­kli­nik Köln eine gro­ße Offen­heit sich dem The­ma zu nähern und spe­zi­fi­sche Inter­ven­tio­nen zu ent­wi­ckeln. Unser Pati­en­ten-Infor­ma­ti­ons-Zen­trum ist da von beson­de­rer Bedeu­tung. Dort kön­nen wir mit den Ange­hö­ri­gen der Men­schen mit Demenz die jewei­li­gen Beson­der­hei­ten wäh­rend und aber auch nach dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt bespre­chen. Sehr wich­tig ist auch das Zen­trum für Gedächt­nis­stö­run­gen, das schon in der frü­hen Pha­se Bera­tung und Beglei­tung anbie­tet. Auf den Sta­tio­nen ist natür­lich die pfle­ge­ri­sche und ärzt­li­che Ana­mne­se von gro­ßer Bedeu­tung. Es wird genau geschaut, ob kogni­ti­ve Ein­schrän­kun­gen vor­lie­gen, bezie­hungs­wei­se deren Ent­wick­lung erwar­tet wer­den muss. Ansons­ten ist es so, dass die unter­schied­li­chen Abtei­lun­gen natür­lich eng zusam­men­ar­bei­ten, um den Pati­en­ten­be­dürf­nis­sen gerecht zu werden.

Augen­blick­lich berei­ten wir uns außer­dem auf zwei Pro­jek­te vor, die eine demenz­freund­li­che Ver­sor­gung im Visier haben. Ein ganz wich­ti­ger Aspekt des Pro­jek­tes „Enro­leAcu­te“ ist die Eta­blie­rung von soge­nann­ten „Chan­ge Agents“ oder „Cham­pions“ in denen aus­ge­wähl­te Mit­ar­bei­ter das The­ma der per­son­zen­trier­ten Pfle­ge im kli­ni­schen Umfeld von der orga­ni­sa­to­ri­schen, struk­tu­rel­len Ebe­ne in den Ver­sor­gungs­pro­zess über­füh­ren wer­den. Bei dem Pro­jekt „PEKo“ wol­len wir ein bewähr­tes Pro­jekt aus der sta­tio­nä­ren Alten­pfle­ge auf das Kran­ken­haus über­tra­gen. Inhalt­lich geht es dabei um das The­ma Gewalt in allen Aus­prä­gun­gen. Das heißt, Gewalt gegen unse­re Beschäf­tig­ten, aber auch Gewalt gegen­über Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. Ange­peilt wird ein Kul­tur­wan­del hin zu gewalt­frei­er oder ich möch­te eher sagen, gewalt­be­wuss­ter Ver­sor­gung. Ich bin davon über­zeugt, dass wir mit die­sen Pro­jek­ten dazu bei­tra­gen, den Umgang mit Men­schen mit Demenz zu verbessern.

Rechts­de­pe­sche: Lässt die kur­ze Ver­weil­dau­er der Pati­en­ten im Kran­ken­haus über­haupt eine Ver­sor­gung zu, die sich streng an den indi­vi­du­el­len Pati­en­ten­be­dürf­nis­sen orientiert?

Köp­ke: Die kur­ze Ver­weil­dau­er ist ein biss­chen ein Mythos. Inter­na­tio­na­le und natio­na­le Stu­di­en bele­gen, dass Men­schen mit Demenz im Mit­tel 18 Tage im Kran­ken­haus sind. Also so „kurz“ ist das nicht. Wir reden von einer Zeit­span­ne, in der durch­aus eine Men­ge getan wer­den kann. Gren­zen setzt da eher die der­zei­ti­ge Situa­ti­on in der Pfle­ge. Las­sen die Per­so­nal­schlüs­sel über­haupt eine demenz­ge­rech­te Pfle­ge zu? Da muss man sehr, sehr vor­sich­tig sein, wenn man sagen will, das ist kein Pro­blem. Aller­dings gilt auch: Nur mehr Per­so­nal bie­tet auch kei­ne Garan­tien. Es wird viel­mehr Per­so­nal benö­tigt, das in der Lage und Wil­lens ist, die Ver­sor­gungs­be­son­der­hei­ten der Men­schen mit Demenz zu beach­ten. Die Sen­si­bi­li­sie­rung des Per­so­nals für das The­ma „Demenz“ ist da ein Schlüs­sel für den Erfolg einer per­son­zen­trier­ten Pflege.

Rechts­de­pe­sche: Men­schen mit Demenz zeich­nen sich mit­un­ter durch ein her­aus­for­dern­des Ver­hal­ten aus, das auch in aggres­si­ves Ver­hal­ten mün­den kann. Wie soll mit Abwehr­hand­lun­gen umge­gan­gen wer­den, wenn bei­spiels­wei­se die täg­li­che Insu­lin­sprit­ze vom Pati­en­ten ver­wei­gert wird?

Köp­ke: Das scheint ver­meint­lich eine typi­sche Situa­ti­on zu sein. Tat­säch­lich han­delt es sich aber um einen gro­ßen Kom­plex. Berührt wird ja auch das The­ma der Ableh­nung von lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men. Um aber bei der Insu­lin­sprit­ze zu blei­ben: Bei einem Men­schen mit Demenz, der täg­lich viel­leicht mehr­fach Insu­lin benö­tigt, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass dies nicht neu für ihn ist. Und das heißt, da wird es schon ein­ge­spiel­te Abläu­fe geben. Wer­den die Bedürf­nis­se und Gewohn­hei­ten der Men­schen mit Demenz ordent­lich geklärt, hilft dies beim Hand­ling der Situa­ti­on. Ist der Pati­ent nicht mehr ein­sichts­fä­hig, wird die Ein­wil­li­gung des Betreu­ers essen­zi­ell. Für den Umgang mit her­aus­for­dern­dem Ver­hal­ten gilt, dass die Men­schen mit Demenz sich bes­ser ori­en­tie­ren kön­nen, wenn sie das Gefühl der Ori­en­tie­rung und Sicher­heit haben.

Dane­ben gilt es, sich Zeit für die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Men­schen mit Demenz zu neh­men, die­se mög­lichst inten­siv zu beob­ach­ten und wo mög­lich Kon­takt mit den Ange­hö­ri­gen zu hal­ten, um so mög­lichst früh­zei­tig uner­füll­te Bedürf­nis­se zu erken­nen und ent­spre­chend zu reagie­ren. Wird dies im Blick gehal­ten, lässt sich zumin­dest ein Teil von her­aus­for­dern­den Ver­hal­tens­wei­sen so beherr­schen, dass es nicht zu der gro­ßen Kata­stro­phe kommt. Es gibt natür­lich, das darf nicht ver­schwie­gen wer­den, auch Men­schen, denen mit sol­chen Maß­nah­men nicht bei­zu­kom­men ist. Die­se Pati­en­ten sind auf einer soma­ti­schen Sta­ti­on in der Regel nicht ange­mes­sen versorgt.

Wenn jemand den gan­zen Tag schreit, sich in frem­de Bet­ten legt oder ähn­li­ches, dann soll­te die Ver­sor­gung eher in einem Bereich erfol­gen, der die­sen Aspek­ten gerecht wird, zum Bei­spiel in einer Geron­to­psych­ia­tri­schen Klinik.

Rechts­de­pe­sche: Wie gestal­tet sich die Ein­bin­dung der Betreu­er in die Behandlungsabläufe?

Köp­ke: Prin­zi­pi­ell ist der Betreu­er von Anfang an ein­zu­be­zie­hen und vom Kran­ken­haus aus initi­al zu kon­tak­tie­ren. Natür­lich muss er, wenn es um medi­zi­ni­sche Ent­schei­dun­gen mit inva­si­vem Cha­rak­ter geht, in den Ein­wil­li­gungs­pro­zess ein­be­zo­gen wer­den. Wobei – auch das gehört zur Rea­li­tät – nicht immer alle ent­schei­dungs­re­le­van­ten Situa­tio­nen auch als betreu­er­rele­vant ange­se­hen wer­den, wenn ich das mal so sagen kann. Natür­lich, wenn eine Magen­son­de gelegt wird oder eine OP ansteht, bedarf es der Ein­wil­li­gung. Bei ande­ren Maß­nah­men, wie ein­fa­chen dia­gnos­ti­schen oder medi­ka­men­tö­sen Ver­fah­ren wird in der Rou­ti­ne kei­ne Unter­schrift benö­tigt und des­we­gen auch die Betreu­er erfah­rungs­ge­mäß nicht regel­haft hin­zu­ge­zo­gen (Anmer­kung der Redak­ti­on: Ver­wei­gern Men­schen mit Demenz beharr­lich wich­ti­ge Behand­lungs­maß­nah­men, sind neu­er­dings auch die neu­en Betreu­ungs­vor­schrif­ten nach § 1906a BGB zu beach­ten.).

Bei der­ar­ti­gen Baga­tell­maß­nah­men kann von der mut­maß­li­chen Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten aus­ge­gan­gen wer­den, sodass kei­ne Ein­wil­li­gung des Betreu­ers not­wen­dig ist. Wenn es schnell gehen muss, ist das sicher­lich kein Pro­blem. Prin­zi­pi­ell wür­de ich mir aber doch ein wenig mehr Bewusst­sein wün­schen, die Betreu­er nicht zu spät in die medi­zi­ni­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­se bei der Behand­lung von Men­schen mit Demenz einzubeziehen.

Rechts­de­pe­sche: Vie­len Dank für das Gespräch.

Zur Per­son: Prof. Dr. phil. Sascha Köp­ke ist Gesund­heits- und Pfle­ge­wis­sen­schaft­ler sowie exami­nier­ter Kran­ken­pfle­ger. Prof. Dr. Köp­ke war von 2011 bis 2019 Pro­fes­sor für For­schung und Leh­re in der Pfle­ge an der Uni­ver­si­tät zu Lübeck. Seit 1.3.2020 lei­tet er das Insti­tut für Pfle­ge­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät zu Köln.