Covid
Mit Covid arbei­ten gehen? Bild: mspark0 / Pixabay

Dass in der Pflege­bran­che ein massi­ver Notstand herrscht, ist nicht erst seit gestern bekannt. Seit Beginn der Corona­pan­de­mie dürfte diese Krise jedoch nieman­dem mehr unbekannt sein. Dennoch scheint das Wegschauen von Medien, Gesell­schaft und beson­ders der Politik noch immer der Weg der Wahl zu sein. Auf Grund der vielen krank­heits­be­dingt ausge­fal­le­nen Pflege­kräfte ist die Gesund­heits­ver­sor­gung im Univer­si­täts­kli­ni­kum Gießen-Marburg (UKGM) momen­tan anschei­nend nicht mehr gewähr­leis­tet.

Das UKGM entschied sich deshalb am 27. Juli für den Einsatz von Pflegen­den, die positiv auf Corona getes­tet wurden. Dies geht aus einem, aus unserer Sicht skanda­lö­sen, Schrei­ben an die Mitar­bei­te­rIn­nen hervor, von dem die Gieße­ner Allge­meine Zeitung als erste berich­tete. Die Entschei­dung obliege dabei den Pflegen­den, ob sie weiter­hin arbei­ten, so heißt es.

Der Druck steigt

Dass der Druck weiter­zu­ar­bei­ten verstärkt wird, liegt auf der Hand. Einer­seits von außen, anderer­seits aber auch von jedem selbst, weil niemand seine Kolle­gIn­nen im Stich lassen möchte.

Ins gleiche Horn bläst der Vorstands­vor­sit­zende des UKSH in Schles­wig-Holstein, Herr Jens Scholz: „Wir müssen zu viele Mitar­bei­tende in Quaran­täne schicken, die zwar einen positi­ven Test haben, sich aber gut fühlen, nicht mehr infek­tiös sind und eigent­lich arbei­ten gehen könnten. Dies gefähr­det die Versor­gung unserer Patien­ten, zum Beispiel bei Herzin­farkt, Schlag­an­fall oder Krebs.“

Dabei verges­sen wird, dass die Versor­gung der Patien­tIn­nen nicht durch arbeits­un­wil­lige Pflege­kräfte, sondern durch ein jahrzehn­te­lan­ges Versa­gen der Bundes­re­gie­rung in der Gesund­heits­po­li­tik nicht mehr gewähr­leis­tet ist.

Eine große Gefahr für die beson­ders vulner­ablen Patien­tIn­nen, aber auch für die Pflegen­den selbst, denn auch sie bleiben vor Long-Covid Sympto­men und schwe­ren Verläu­fen nicht verschont. Andreas Gonscho­rek, Chefarzt im BG Klini­kum Hamburg und dort für die Long-Covid Versor­gung zustän­dig, schätzt die Zahl der Perso­nen aus dem Gesund­heits­we­sen, die deshalb Unter­stüt­zung benöti­gen, auf 5000.

Weltweit 115.000 an Covid verstor­bene Pflege­kräfte

Die WHO gab im Oktober 2021 die Zahl der an Covid verstor­be­nen Pflege­kräfte mit weltweit 115.000 an. Depri­mie­rende Zahlen, insbe­son­dere wenn das Recht der Pflegen­den auf körper­li­che Unver­sehrt­heit hinten ansteht und die Ausbeu­tung ihrer Arbeit weiter verstärkt wird. Es braucht daher ein klares Nein gegen Notfall­maß­nah­men wie den Einsatz von Covid positi­ven Pflege­kräf­ten.

Die einzig mögli­chen kurzfris­ti­gen Maßnah­men, wenn es nicht genügend Perso­nal gibt, sind das Sperren von Betten und Statio­nen. Langfris­tig muss überlegt werden, ob alle Inter­ven­tio­nen immer zwangs­läu­fig und in dieser Häufig­keit in einem Kranken­haus zu gesche­hen haben.

Hier verwei­sen wir als Pflege­ge­werk­schaft auf die Remons­tra­ti­ons­pflicht, die jedem Angestell­ten obliegt. Niemand muss Anwei­sun­gen befol­gen, durch deren Ausfüh­rung man selbst oder die uns Anver­trau­ten in Gefahr gebracht werden. Unsere Gewerk­schafts­mit­glie­der können sich durch die durch uns abgeschlos­sene Arbeits­rechts­schutz­ver­si­che­rung beraten und vertre­ten lassen. Wer infiziert ist, sollte sich krank schrei­ben lassen und solange zuhause bleiben, bis die alte Leistungs­fä­hig­keit wieder erreicht ist. Nur so werden alle geschützt.

Es steht fest: Ohne Perso­nal keine Versor­gung. Dass Züge nicht fahren, wenn es keine Lokfüh­rer gibt, ist jedem klar, nun muss deutlich werden, dass Patien­tIn­nen nicht versorgt werden können, wenn es keine Pflege­kräfte gibt.

Ein gemein­sa­mes Vorge­hen aller Pflege­kräfte ist unumgäng­lich. Dafür braucht es eine gute gewerk­schaft­li­che Organi­sa­tion und die Unter­stüt­zung von Protes­ten seitens der Medien und der Bevöl­ke­rung.

Der Bochu­mer­Bund arbei­tet deshalb seit 2020 als Gewerk­schaft nur für Pflegende in Deutsch­land daran, Probleme aufzu­zei­gen und für Verbes­se­run­gen zu kämpfen. Um diese Ziele zu errei­chen, ist es jedoch wichtig, dass sich möglichst viele Pflegende zusam­men­schlie­ßen und eine breite gesell­schaft­li­che Unter­stüt­zung gesichert ist.

Von Niklas Kemper