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Beatmung, Sicherheit
Künst­li­che Beatmung mit Sauer­stoff muss immer gut überwacht werden.Bild: blickpixel/Pixabay.com

Durch das BMBF-Verbund­pro­jekt MeSiB wird ein umfas­sen­des Sicher­heits- und Schutz­kon­zept für Pflege­be­dürf­tige, infor­mell Pflegende und profes­sio­nell Pflegende (Fachpflege) in der Heimbe­atmung entwi­ckelt. Dafür stellt das Bundes­mi­nis­te­rium für Bildung und Forschung in den kommen­den drei Jahren insge­samt ca. zwei Millio­nen Euro bereit.

Laien müssen große Verant­wor­tung übernehmen

Menschen aller Alters­stu­fen können aus verschie­dens­ten Ursachen auf langfris­tige künst­li­che Beatmung angewie­sen sein. Insbe­son­dere bei der häusli­chen Pflege von Hochri­si­ko­pa­ti­en­ten ist der Umgang mit den Betrof­fe­nen und der Medizin­tech­nik, wie etwa dem Beatmungs­ge­rät, eine sehr verant­wor­tungs­volle Tätig­keit. Gerade für Angehö­rige kann diese Situa­tion zu erheb­li­chen psychi­schen Belas­tun­gen führen. Denn sie leben nicht nur in ständi­ger Sorge um das Wohl des Kranken, sondern müssen auftre­tende Probleme rasch und zuver­läs­sig erken­nen und wissen, was im Notfall zu tun ist.

Dies wiederum hat zu Folge, dass sie als Laien in erheb­li­chem Ausmaß Verant­wor­tung für techni­sche Abläufe und den Umgang mit dem notwen­di­gen Equip­ment, aber auch für die Kommu­ni­ka­tion mit Notärz­ten und Inten­siv­pfle­ge­diens­ten überneh­men müssen. Die Belas­tung der Angehö­ri­gen nimmt noch zu, wenn sie bei unheil­bar Kranken mit end-of-live-Situa­tio­nen oder gar dem Wunsch nach Einstel­lung der Beatmung konfron­tiert sind.

Statt Sicher­heit unerwünschte Einbli­cke in den Alltag

Eine poten­zi­elle Quelle für Belas­tung und Verun­si­che­rung ist die Frage nach der Zuver­läs­sig­keit der Beatmungs­ge­räte. Hier können IT-gestützte Sensor­tech­no­lo­gien, die etwaige Fehlfunk­tio­nen zuver­läs­sig erken­nen und an eine Notfall­zen­trale melden, zur Entlas­tung der Angehö­ri­gen beitra­gen. Je nach Breite und Tiefe ihres Einsat­zes können sogenannte Monito­ring-Techno­lo­gien (Beobach­tungs­tech­no­lo­gien) aber nicht nur Geräte­funk­tio­nen überwa­chen, sondern ganz allge­mein Notfall­si­tua­tio­nen in der Häuslich­keit erkennen.

Aller­dings zeich­nen sich hier Konflikte mit den Privat­heits- und Intimi­täts­an­sprü­chen von beatme­ten Patien­ten und ihren Angehö­ri­gen ab: Senso­ren in der eigenen Wohnung können zwar einer­seits der Feststel­lung dienen, ob Patien­ten gemäß der etablier­ten tägli­chen Routine versorgt werden, anderer­seits aber erlau­ben sie auch tiefe und unter Umstän­den unerwünschte Einbli­cke in den Alltag der Mitbe­woh­ner und die verschie­dens­ten häusli­chen Abläufe.

Balance von Sicher­heit und Privatsphäre

Schließ­lich drohen sehr ernst­hafte ethische Konflikte beim Einsatz von Monito­ring- Techno­lo­gien in der Häuslich­keit von beatme­ten Patien­ten auch dann, wenn diese Patien­ten keine Verlän­ge­rung ihrer Beatmungs­pflege mehr wünschen oder in die letzte Phase des Sterbe­pro­zes­ses einge­tre­ten sind. In diesem Falle muss die Senso­rik entspre­chend adaptiert werden, um keine fehlge­lei­te­ten Alarme auszulösen.

Vor diesem Hinter­grund nutzt das ethische Teilvor­ha­ben der Theolo­gi­schen Fakul­tät der Univer­si­tät Greifs­wald sozial­em­pi­ri­sche Erhebungs­ver­fah­ren, um zum einen Art und Ausmaß der Belas­tung von pflegen­den Angehö­ri­gen heimbe­atme­ter Patien­ten genauer zu evalu­ie­ren und zum anderen festzu­stel­len, wie mit Hilfe von Monito­ring-Techno­lo­gien eine Balance von Sicher­heit und Privat­sphäre auf hohem Niveau erreicht werden kann.

Ergeb­nisse werden an die Entwick­lungs­part­ner zurückgemeldet

Zu diesen Aspek­ten liegen bislang kaum zuver­läs­sige Daten vor. Das Greifs­wal­der Projekt schließt diese Forschungs­lü­cke durch Einsatz eines innova­ti­ven Mixed-Methods-Ansat­zes, der am Lehrstuhl für Syste­ma­ti­sche Theolo­gie entwi­ckelt und bereits erfolg­reich in anderen Projek­ten einge­setzt wurde. Dieser Ansatz kombi­niert in beson­de­rer Weise quanti­ta­tive und quali­ta­tive Erhebungsverfahren.

Die Ergeb­nisse des Greifs­wal­der Projek­tes werden an die mit der Entwick­lung und Imple­men­tie­rung geeig­ne­ter Sensor­tech­no­lo­gien befass­ten MeSiB-Partner zurück­ge­mel­det und fließen in die Konfi­gu­ra­tion des gesam­ten sozio­tech­ni­schen Arran­ge­ments ein. Zugleich bilden die Ergeb­nisse den metho­di­schen Ausgangs­punkt für die Entwick­lung bedarfs­ge­rech­ter Schulungs­kon­zepte für pflegende Angehö­rige und Mitar­bei­ter von Intensivpflegediensten.

Quelle: idw