Psychisch
Psychi­sche Erkran­kun­gen gelten als beson­ders langwie­rig Bild: Pixabay

Psychi­sche Erkran­kun­gen unter Beschäf­tig­ten in Deutsch­land sind weiter extrem auf dem Vormarsch. Und vor allem Frauen sind von seeli­schen Beschwer­den betrof­fen. Das legt nun eine weitere aktuelle Auswer­tung nahe: Laut des nun veröf­fent­lich­ten „Psych­re­ports 2020“ der gesetz­li­chen Kranken­ver­si­che­rung DAK-Gesund­heit stieg im Jahr 2020 die Anzahl der Fehltage aufgrund psychi­scher Beschwer­den pro 100 Versi­cher­ten im Vergleich zu 2010 von 170 auf 265 – ein Anstieg um satte 56 Prozent. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Fehltage über sämtli­che Erkran­kungs­grup­pen nur um 11 Prozent zu.

Beson­ders langwie­rige Krank­heits­bil­der – Steigen­des Alter begüns­tigt psychi­sche Erkran­kun­gen

Der Unter­schied zwischen den Geschlech­tern ist sehr ausge­prägt: Pro 100 bei der DAK-Gesund­heit versi­cher­ten Frauen ergaben sich 337,9 Fehltage, bei den Männern „nur“ 202,0. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern, werden psychi­sche Erkran­kun­gen mit steigen­dem Alter der Versi­cher­ten deutlich häufi­ger. Bei den Frauen kamen unter 100 Berufs­ein­stei­ge­rin­nen zwischen 15 und 19 Jahren 138,5 Fehltage zusam­men, bei den Über-60-Jähri­gen waren es hinge­gen 664,4, fast fünfmal so viele. Ein ähnli­ches Muster gibt es in den entspre­chen­den Alters­grup­pen bei den Männern (76,2 versus 414,6).

Ebenfalls – auch hier sind Frauen wie Männer betrof­fen – ging 2020 im Vergleich zum Vorjahr der Trend hin zu zwar etwas weniger verzeich­ne­ten Fällen von Arbeits­un­fä­hig­keit, die aber dennoch insge­samt mehr Fehltage verur­sach­ten. Während es 2020, vergli­chen mit 2019, acht Prozent weniger Arbeits­un­fä­hig­kei­ten bis zu einer Dauer von sechs Wochen gab, stieg die Zahl der noch länger krank­ge­schrie­be­nen Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer um sechs Prozent.

Und: Die durch­schnitt­li­che Krank­schrei­bungs­dauer pro Fall lag mit 38,8 Tagen so hoch wie noch nie seit Beginn der Auswer­tun­gen. Im Vorjahr 2019 lag der Wert noch bei 35,4 Tagen, im ersten unter­such­ten Jahr 1997 waren es 30,4. Psychi­sche Erkran­kun­gen sind also beson­ders langwie­rig.

Haupt-Krank­schrei­bungs­gründe: Anpas­sungs­stö­run­gen und Depres­sio­nen

Laut Einschät­zung der Versi­che­rung habe gerade das Aufkom­men der Corona­pan­de­mie im Jahr 2020 – mit verbrei­te­ter Ungewiss­heit und Ängsten, „Social Distancing“, Kontakt­ar­mut und verbrei­te­ten Homeof­fice-Regelun­gen – zum Vormarsch der psychi­schen Erkran­kun­gen beigetra­gen. „Unsere aktuelle Analyse zeigt, wie gerade Menschen mit psychi­schen Proble­men unter den Pande­mie-Einschrän­kun­gen und ‑Belas­tun­gen leiden“, sagt Andreas Storm, Vorstands­chef der DAK-Gesund­heit.

„Besorg­nis­er­re­gend ist, dass die Betrof­fe­nen während der Krise über immer längere Zeiträume krank­ge­schrie­ben sind, vor allem die Frauen. Ziel muss sein, den Trend zu stoppen und den Betrof­fe­nen mit passen­den Angebo­ten und Versor­gungs­kon­zep­ten zu helfen. Das ist gerade in Krisen­zei­ten wie der Corona­pan­de­mie sehr wichtig.“

Vor allem zwei Fallgrup­pen machen bei psychi­schen Erkran­kun­gen den wesent­li­chen Teil der Fälle aus. So entfie­len mit 49,9 Prozent knapp die Hälfte der Fehltage auf „neuro­ti­sche, Belas­tungs- und somat­o­forme Störun­gen“, wozu Ängste und Anpas­sungs­stö­run­gen zählen. Gefolgt mit 41,7 Prozent von den „affek­ti­ven Störun­gen“, in erster Linie Depres­sio­nen. Andere Formen seeli­scher Erkran­kun­gen, wie Verhal­tens­stö­run­gen durch psycho­trope Substan­zen (wozu auch Drogen zählen), Wahnvor­stel­lun­gen und Schizo­phre­nie spielen eine weit unter­ge­ord­nete Rolle.

Saarland deutlich an der Spitze – Süd-Bundes­län­der vergleichs­weise wenig betrof­fen

Im Vergleich der Branchen sticht das Gesund­heits­we­sen mit 377,3 Fehlta­gen pro 100 Versi­cher­ten aufgrund psychi­scher Leiden deutlich heraus, gefolgt von der öffent­li­chen Verwal­tung mit 328,3. Zum Vergleich: Im Bauge­werbe sind es ledig­lich 150,5 Fehltage aufgrund dieser Diagno­se­grup­pen.

Bei den Zahlen macht sich zugleich, höchst­wahr­schein­lich, die unter­schied­li­che Präfe­renz der Geschlech­ter bei der Berufs­wahl bemerk­bar – während das Gesund­heits­we­sen größten­teils weiblich geprägt ist, ist es im Bauge­werbe umgekehrt. Inter­es­sant sind zudem die mancher­orts starken regio­na­len Unter­schiede: Das Saarland liegt mit 339,4 Fehlta­gen im Bundes­län­der-Vergleich „einsam“ an der Spitze, gefolgt von Mecklen­burg-Vorpom­mern und Branden­burg mit 306,6 und 305,8. In Baden-Württem­berg und Bayern sind es hinge­gen nur 201,4 bezie­hungs­weise 228,9 Tage.

Insge­samt schei­nen die nördli­chen und die neuen Bundes­län­der etwas stärker betrof­fen zu sein, wenngleich es kein ganz klares regio­na­les Muster gibt.

Für die Studie hat das Berli­ner IGES-Insti­tut die Daten von mehr als 2,4 Millio­nen bei der DAK-Gesund­heit versi­cher­ten Beschäf­ti­ten anony­mi­siert ausge­wer­tet. Insge­samt sind bei der DAK, als dritt­größte gesetz­li­che Kranken­kasse Deutsch­land, 5,6 Millio­nen Menschen – einschließ­lich den mitver­si­cher­ten Famili­en­mit­glie­dern – unter Vertrag.

Die Präsen­ta­tion zum Psych­re­port 2020, mit sämtli­chen detail­lier­ten Ergeb­nis­sen, ist auf der Website der DAK abruf­bar.