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Therapie-Schwein Felix
Von den vie­len Men­schen lässt sich Felix nicht aus der Ruhe brin­gen.Bernd Schöneck

„Schwein gehabt“ – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – hat­ten die rund 80 Bewoh­ner des Pfle­ge­heims „Haus 1“ auf dem Gelän­de des städ­ti­schen Trä­gers Sozi­al-Betrie­be Köln (SBK): Denn am Mitt­woch, 19. April, emp­fin­gen sie höchst unge­wöhn­li­chen Besuch in ihrem Grup­pen­raum. Zehn Jah­re alt, 85 Kilo schwer und äußerst gemüt­lich drauf ist Felix, das „The­ra­pie-Begleit­schwein“ des Phy­sio­the­ra­peu­ten Daan Ver­meu­len. Mit einer Lauf­lei­ne und sei­nem Herr­chen im Schlepp­tau kam er durch das Foy­er her­ein spa­ziert, wo die Senio­ren im Stuhl­kreis schon auf ihn war­te­ten. Vor­sich­tig schnup­pernd nahm das Minischwein Felix den ers­ten Kon­takt zum neu­en Raum und den vie­len frem­den Leu­ten auf. Doch schon nach weni­gen Minu­ten nahm er see­len­ru­hig auf der Decke Platz, die in der Mit­te des Zim­mers für ihn aus­ge­brei­tet war.

Da war das Eis bei den Ein­rich­tungs-Bewoh­nern schon längst gebro­chen – und der The­ra­peut kam sehr schnell ins Gespräch mit den Senio­ren. „Wer von Ihnen hat­te denn frü­her selbst mal Schwei­ne?“ frag­te er in die Run­de – und tat­säch­lich hoben sich eini­ge Hän­de. Dann durf­ten sie raten, wie schwer Schwei­ne maxi­mal wer­den kön­nen. Näm­lich, wenn man sie lässt, bis zu 250 oder gar 300 Kilo­gramm. „Minischwei­ne kön­nen immer­hin bis zu 120 Kilo errei­chen. Man erkennt man sehr gut dar­an, dass sie kei­nen Rin­gel­schwanz haben“, erläu­tert Ver­meu­len. „Und stin­ken tun Schwei­ne im All­ge­mei­nen nicht“ – wovon sich die Besu­cher rund­um über­zeu­gen konn­ten. Schnell fin­gen die Senio­ren an, Felix‘ bors­ti­ges Fell zu krau­len. Die ers­ten Muti­gen trau­ten sich hin­ter­her sogar, ihn mit Möh­ren-Stück­chen zu füt­tern. Ganz vor­sich­tig fraß das The­ra­pie-Schwein das Gemü­se aus der Hand, um dann zufrie­den zu schmatzen.

Therapie-Schwein ist ein Teil der Familie geworden

The­ra­pien unter Mit­wir­kung von Tie­ren wer­den immer belieb­ter. Sie regen bei kogni­tiv ein­ge­schränk­ten, bei­spiels­wei­se an einer Demenz lei­den­den Per­so­nen Emo­tio­nen an, wo mensch­li­che The­ra­peu­ten oft an ihre Gren­zen sto­ßen. Wäh­rend Hun­de, Kat­zen oder ande­re Klein­tie­re in der Arbeit mit Senio­ren schon wei­ter ver­brei­tet sind, ist ein The­ra­pie-Schwein bis­her jedoch eine abso­lu­te Aus­nah­me. Hier setzt Daan Ver­meu­lens Kon­zept an. Felix lebt schon seit vie­len Jah­ren mit ihm und sei­ner Fami­lie zusam­men – „nachts schläft in der Küche, tags­über geht er ger­ne raus“, erläu­tert sein Herr­chen. „Er ist Teil der Familie.“

Auf Ein­la­dung der SBK war er mit Felix zu Besuch auf das sehr weit­läu­fi­ge Senio­ren­ge­län­de im Köl­ner Zoo-Vier­tel Riehl gekom­men. Dort leben in einer park­ähn­li­chen Land­schaft rund 1.300 Senio­ren sowie Men­schen mit Behin­de­rung – das im Volks­mund auch als „Rieh­ler Heim­stät­ten“ bekann­te Gelän­de gilt als eine der größ­ten Pfle­ge-Ein­rich­tun­gen Euro­pas. Haus 1 ist eines von sechs Pfle­ge­heim-Neu­bau­ten nach aktu­ells­ten Stan­dards, wel­che der Trä­ger 2016 eröff­net hat­te. Jenes rich­tet sich an kör­per­lich ein­ge­schränk­te, jedoch geis­tig weit­ge­hend fit­te Bewoh­ner, die aktiv am Leben teilnehmen.

Seit dem Tod sei­nes Halb­bru­ders Rudi im Jahr 2013 genießt Felix sein Dasein als „Ein­zel-Schwein“ der Fami­lie. Ein- bis zwei­mal die Woche beglei­tet er, nach ent­spre­chen­der Aus­bil­dung, Daan Ver­meu­len zu Kin­der- oder Senio­ren-Ein­rich­tun­gen. „Er ist eine rich­tig coo­le Sau – oder bes­ser gesagt ein Borg, denn so nennt man kas­trier­te Eber“, so Ver­meu­len. Gebür­tig stammt er aus den Nie­der­lan­den, in Gel­sen­kir­chen betreibt er eine Phy­sio­the­ra­pie-Pra­xis. Ähn­lich wie auch bei einem Hund, sei auch bei einem Schwein viel Erzie­hung nötig. Doch es hat sich gelohnt: Felix ist nicht nur cha­rak­ter­stark und fried­fer­tig, son­dern auch zutrau­lich und stu­ben­rein. „Ich kann an sei­nem Grun­zen hören, ob er Was­ser trin­ken will.“ Schwei­ne­fleisch hin­ge­gen kommt in der Fami­lie natür­lich schon seit ewi­gen Zei­ten nicht mehr auf den Tisch.